Pongo de Mainique

Boote: Grabner RiverRider, XR400, BigPack-Boote

Bericht + Fotos: Bernd Fertig

"Mit dem RaftKatamaran durch die Schlucht des Bären...."

Mehr Risiko kann auch mehr Leben bedeuten (Ipsen)

 

Mittels Balsaholzstangen und Gurten verbanden Bernd Fertig und seine drei Freunde zwei BigPack-Boote, einen RiverRider und ein XR400 miteinander. Mit diesem sehr stabilen und wendigen Raft-Katamaran befuhren Sie im Juli 1998 den oberen Urubamba von Kiteni bis Camisea mehr als 200 km durch die Regenwälder der Anden Perus. Dabei gelang ihnen die Erstbefahrung einer durch einen Bergsturz entstandenen Engstelle, die sie "Incentive-Rapids" benannten und sie durchquerten den berühmten und selten besuchten "Pongo de Mainique"-, die Bärenschlucht der Machiguena-Indianer am Ausgang der Anden.....

Ein "weisser Fleck" auf der Landkarte....

Von Sebastian Snow stammt der Spruch "Wenn es gut geht ist es ein Abenteuer, wenn es schief geht eine Katastrophe". Um es vorweg zu nehmen unsere Expedition war ein Abenteuer, Katastrophen blieben uns Gott sei Dank wieder einmal erspart- obwohl es am Anfang gar nicht gut ausgesehen hatte:

"Pongo de Mainique" ein Name der uns seit 2 Jahren begeisterte. Wir wussten nicht viel, nur so viel, dass es sich um eine Flussenge des Rio Urubamba in Peru handelt, durch die der Fluss die Anden in Richtung Djungel verlässt. "Pongo de "Mainique" bedeutet in der Sprache der dort lebenden Machiguena-Indianer "Schlucht des Bären". Die Mystik der Indianer erzählt von einem Flussmonster das in Gestalt eines Bären im Wasser lauert und von Zeit zu Zeit Menschen ertränkt, die versuchen durch die Schlucht den Anden zu entrinnen. Dabei stapelt der Bär die Gebeine am Ausgang des Pongo - Tonquini - "Platz der Gebeine" genannt. Mit diesem spärlichen Wissen machten wir uns 1996 auf die Suche nach weiteren Informationen. Im Internet fanden wir nur 2 Hinweise unter diesem Stichwort. Der erste verwies auf die Pläne der Fa. Shell in der Nähe des Pongo nach Öl zu bohren und der zweite auf den South American Explorer Club. Ein Anruf dort bestätigte nur die Einsamkeit und Abgeschiedenheit dieser Gegend als großen "Weißen Fleck" Perus. Dieser "weiße Fleck" bestätigte sich auch nach unserer Ankunft in Peru, im Militärgeografischen Institut in Lima. Es gibt keine Karten und zudem sei der Pongo ein heiliger und mystischer Ort der Indianer, dozierte der ergraute Beamte mit einem vielsagenden Stirnrunzeln. Fehlanzeige auch nach unserer Ankunft in Cusco. Keine Reiseagentur und auch keines der dort zahlreich vertretenen Abenteuer- und Raftagenturen hatte je etwas von einem "Pongo de Mainique" gehört. Lediglich bei Instinct - dem sicherlich erfahrensten Raftanbieter Südamerikas stellte man die Ohren und nach einigen Telefonaten saßen wir dem Chef persönlich gegenüber. Bejamin Muniz grinste uns über beide Ohren an, schlürfte seine etwas zu flüssig geratene Lassagne ohne uns und die gerade übertragene Fußball-Weltmeisterschaft auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen.Ob er etwas über den Pongo de Mainique wisse, fragte ich ihn, er verneinte, "aber wenn wir zurück sind wissen wir mehr"! Und damit hatte sich Benjamin elegant selbst eingeladen und wir waren vier. Schnell waren die Modalitäten geklärt, wir das sind Sven, Jens und ich, kümmern uns um die Boote, das Essen, die Transportmittel, Bejamin würde unser Boots-Equipment durch einige wertvolle Ausrüstungsgegenstände ergänzen.

Am Tropf.......

Es ist dunkel im Zimmer unseres bescheidenen Hotels. Gegen das fahle Mondlicht sehe ich die Tropfkammer der Infusionsflasche "Tropf, Tropf, Tropf"- in der Disco gegenüber dröhnen die Hits der 70er und zum zigsten Mal hängt der Plattenspieler und "Bette Davis Eyes" gerät ins Stocken. "Eyes, Eyes, Eyes". Die Tropfkammer hängt unter einer Infusionsflasche und diese über unserem Freund Sven, der sich in den letzten 2 Tagen alles Verdauliche aus dem Leib gesch.... hatte und nun flach wie ein Flunder matt und so schien es in den letzten Zügen in den durchgelegenen Federn seiner Bettstatt lag. Neben der Frage ob wohl Discomusik die Darmresorption fördert oder nur die Tropfgeschwindigkeit der Infusion beschleunigt, quälte mich allerdings die noch zwingendere Frage, ob es Sven schaffen könnte bis übermorgen Samstag wieder zumindest was die Exkremente betrifft zäher zu werden. Mit Antibiotika und Infusionen versuchten wir seit dem frühen Abend den sündigen Anticuchos zu Leibe zu rücken, denen Sven auf dem Markt erlegen war. Die Chemie siegte und die Bakterien gingen am Morgengrauen in die Knie. Überreife Bananen, geriebener Apfel, Salzstengelchen und Unmengen von Vitamin B und C angereicherten Infusionen sollten am folgenden Tag, einen Tag vor Abfahrt, die verlorene Power ersetzen.

 

 

Vom "Nabel der Welt" zur "Perle des Oriente..."

Auf Benjamin, den neugierigen und schnell entschlossenen Chef von Instinct kann man sich getrost verlassen: Zum vereinbarten Treffpunkt vor unserer Herberge kommt er gar nicht, dafür aber pünktlich auf die letzte Sekunde als der Bus gerade das Terminal in Richtung Quillabamba verlässt. Unsere Nerven beruhigen sich, der Blutdruck sinkt auf normotone Werte. Über uns auf dem Dach rumpeln unsere wasserdichten Tonnen und Zargesboxen, alles ist wohl verstaut und Bejamin war, kaum dass er in seinem reservierten Sitz Platz genommen hatte, eingeschlafen. Wie lange fährt man nach Quillabamba, frage ich einen mitfahrenden Bauern in Spanisch- "No se" - "ich weiß es nicht". Auf jeden Fall 10 Stunden "seguro diez oras" raunt eine rundliche Marktfrau ungefragt dazwischen. Mit dem Zug sind es knappe 6 Stunden ergänzt sie, aber die Eisenbahnlinie nach Quillabamba war ja im Februar kurz nach Macchu Picchu durch die mächtigen Regengüsse des unerbittlichen "El Nino`" hinweg gerissen worden. Nun verbindet nur eine raue Strasse über einen 5000 m hohen Pass den "Nabel der Welt", wie die 3.300 m hochgelegene Stadt Cusco in Peru genannt wird, mit Quillabamba, der auf knapp 500 m tief gelegenen Endstation der Zivilisation am Rande des Regenwaldes. Kaum liegt die alte Inka-Hauptstadt hinter uns, grüsst auch schon der mächtige Nevado Salcantay mit seinen 6.200 m über die Pampa von Chinchero. Die Sonne strahlt von einem ungetrübten Andenhimmel, während uns der Busfahrer abgesehen von seinen Fahrkünsten mit einem Videofilm über "Killerhornissen" auf die Freuden des Urwaldes einstimmt.

In Urubamba stürmen die "Ambulantes" - die mobilen Imbisshändler den Bus und es muffelt nach Trucha fresco- frischer Forelle mit Kartoffeln und pikanter Soße. Lautes Schmatzen und verschämte Rülpslaute begleiten die Todesinvasion der Killerhornissen auf der Mattscheibe. Nach dieser romantischen Einstimmung fällt es den Krankenschwestern des Ministerio de Salud nicht schwer, in Ollantaytambo einen regen Zulauf zu ihrem Impfzelt zu motivieren. Wer noch nicht hat, oder es nicht schlüssig nachweisen kann, wird gezwungen oder freiwillig und kostenfrei gegen Gelbfieber geimpft. Jenseits der Ruinen von Ollantaytambo ist die asphaltierte Fahrstrasse zu Ende. Rumpelnd und schaukelnd quert der Bus die letzten Eukalyptuswälder bevor er den 3.000 m hohen Anstieg zur Passhöhe unter die Räder nimmt. Die Reisenden verlieren das Interesse an den Killerhornissen, denn die Landschaft die vor den Fenstern unseres Busses vorbei gleitet, sorgt für Begeisterung und die zunehmend totsicheren Abgründe der Passstrasse für Spannung.

An der Passhöhe opfern die Indios der Schutzheiligen, Sta. Barbara, bevor sich unserer Busfahrer den steilen und engen Kurven annimmt, die uns hinab in den fernen Regenwald leiten. Unbeschreiblich ist der Eindruck der unterschiedlichen Klimastufen, die wir nun in umgekehrter Reihenfolge befahren. Zunächst durchqueren wir die baumlose von vereisten Bächen und Seen überzogene Pampa, etwas tiefer folgen Almwiesen und dichter Pinienwald. Mit gekonnter Präzision steuert der Busfahrer seinen MarcoPolo haarscharf an den Abgründen entlang. Diese Strecke gehört, da sind wir uns schnell einig, zu den schönsten Strecken Perus. Ein kleiner Junge, den ich großzügig an meinen Schokoladenvorräten beteilige, kotzt sie nach der 10. Haarnadelkurve im Bogen längs durch den Bus. Nicht schön und auch nicht duftig! Also gibt es künftig nur noch Kekse... Während der Mittagspause holt uns die Fußball-WM wieder ein: 2:1 gewinnt Holland gegen Argentinien. Spät am Nachmittag dösen wir durchgeschüttelt in der 13. Stunde dem Ende der langen Fahrt entgegen. Kurz vor Quillabamba, es ist angenehm warm, können wir die gewaltigen Schäden besichtigen, welche die Fluten des "el Nino`" angerichtet haben. Strassen und Ufer sind weggerissen und die Schienenstränge der Eisenbahn ragen wie Zahnstocher geknickt, an vielen Stellen aus dem festgebackenen Schutt. Immer wieder verschwinden die noch intakten Schienen in den Fluten des ungestümen Urubamba. Auch die Eisenbrücke an der Stadteinfahrt ist schwer beschädigt. Wir müssen alle aussteigen: Bus und Passagiere befahren und betreten getrennt das an vielen Stellen beschädigte Brückenskelett.

Quillabamba ist die Hauptstadt der Provinz Convencion und gleichzeitig der letzte brauchbare Ruhepunkt entwickelter Zivilisation. Betrachtet man die Landkarte, so scheint es als würde sich jenseits von Quillabamba das große Niemandsland Südamerikas ausbreiten und tatsächlich führt von Quillabamba nur noch eine schmale und raue, unbefestigte Lehmpiste an den Berghängen entlang, um dann jenseits von Tinti knapp 200 km nordwestlich von Quillabamba zu enden. Doch für heute steigen wir erst einmal in dem freundlichen, sauberen und gemütlichen Hotel "Alto Urubamba" ab. Gleich beim Einchecken die Enttäuschung: Deutschland hat gegen Kroatien 3:0 verloren. Aus der Traum! Bald aber entdecken wir die gute Seite dieses Ergebnisses. Nun können wir uns nämlich völlig ungestört unserem Flussabenteuer widmen, ohne ständig nach den neuesten WM-Resultaten zu fragen.

Während die Sonne hinter den Ausläufern der Anden abtaucht um während der Nacht unsere Heimat und unsere fernen Freunde im fernen Europa mit Licht zu versorgen, checken wir unsere Ausrüstung, sichern die Lebensmittelvorräte in stoß- und druckfesten Boxen und genießen dann auf der Dachterrasse sitzend und Bier trinkend die fremdartigen Geräusche der tropischen Nacht.

 

Zum Ende der Zivilisation...

Unser Frühstück am nächsten Morgen nehmen wir in der Saftabteilung der Markthalle von Quillabamba ein. Ein "Jugo especial" soll uns Flügel für die kommenden Tage verleihen. Etwas geschockt betrachten wir zum Abfahrtszeitpunkt den Bus für unsere zweite Etappe: Abgesehen davon dass er klapprig und eigentlich schrottreif ist, erscheint er uns viel zu klein für die vielen Menschen die auf einen Platz hoffen und das viele Gepäck das sich vor der Agentur stapelt. Um es abzukürzen, alles und jeder fand Platz, ja es fanden sogar noch jene Leute Platz, die am Ortsende sehnsüchtig warteten. Knapp 200 km führt uns die abenteuerliche Fahrt am Ufer des Urubamba und mitunter auch ausgesetzt an den Berghängen entlang nach Kiteni.

Gleich in der ersten Stunde werden wir um ein Haar Opfer einer Karambolage. In voller Fahrt biegt plötzlich ein Jeep um die Kurve, Ausweichen geht nicht - links ein Berghang und rechts ein haltloser Abbruch. Die Vollbremsung gelingt, beide Fahrzeuge trennt nicht einmal die Breite eines Zeigefingers. Dieses Ritual soll sich im Laufe des Tages noch zwei weitere Male wiederholen. Wie schon am Vortag gleicht die Strasse einem ungepflegten, heimatlichen Forstweg, unbefestigt und ungeteert. Auch heute wird die Reise 10 unbarmherzige Stunden dauern: 2 Stunden heiteres und kurzweiliges Geplauder, 2 Stunden stummes durchgerüttelt werden, 2 Stunden missmutige Blicke durch die Scheibe und auf die unbestechliche Armbanduhr, 2 Stunden ergebenes Dösen und zuletzt 2 Stunden reifes und abgefundenes, gleichgültiges Warten. So hatte ich mir auf meinen zahlreichen Expeditionen die langen Busreisen eingeteilt. Mehr oder weniger war es auch heute so, bis auf die Polizeikontrolle. Wir waren die einzigen Ausländer im Bus, also auch die einzigen die kontrolliert werden.

Gepäck abladen, "Woher, wohin", "Warum, wieso"? "Pongo?" Der Herr Polizeioberrat pfeift durch die Zahnlücke und beschreibt, während er mich mit einem zugekniffenen Auge kritisch mustert, mit dem Finger das "Halsabschneiderzeichen". Schnelle spricht es sich herum dass wir zum Pongo unterwegs sind. Noch niemand sei zurückgekommen berichtet der Polizist. "Naja", sage ich, "vielleicht sind sie einfach weitergefahren!" Ich finde meine Antwort komisch und grinse, das ärgert den Polizisten und er erfindet rasch einen neu erlassenen Wegzoll von 5 Dollar. Ich bezahle und ärgere mich. "More deep, more power" kommentiert Bejamin als ich wieder in den Bus einsteige die Story, blickt mich mit seinen verschlafenen Augen vielsagend an und rollt sich dann wieder zusammen. Dies ist auch der Grund weshalb ich bisher nur wenig über ihn erzählt habe. Seit unserer Abfahrt in Cusco schien er den Schlaf seiner vergangenen Lebensjahre nachzuholen. "Man weiß nie, was noch kommt" , kontert er geschickt meine mitgeteilte Sorge, er könne sich mit dem Virus der Schlafkrankheit infiziert haben. Weiter geht die Fahrt und immer tiefer rumpelt der "Bus" in die Wildnis des Regenwaldes: Papayas, Bananen, Zitronen, dann wieder Zitronen, Bananen und Papayas. Immer in Sichtweite der träge dahin dümpelnde Rio Urubamba.

In der späten Mittagshitze, wahrscheinlich durch das ständige Durchrütteln des Gehirns habe ich eine hochgeistige Deutung unserer Reiseroute, die ich sofort meinen verdutzen Freunden mitteilen muss: "Also, Cusco ist ja bekanntlich der Nabel der Welt, wir sind von dort runter gefahren und dann über den großen Beckenhöcker, das ist der Pass. Nun fahren wir nach links um die Berge herum zum großen Einschnitt, da findet sich dann der Pongo.... dementsprechend müsste der Pongo eigentlich der A.... Perus sein????.... Jens und Sven ziehen die Augenbrauen hoch und ihre Blicke verraten mir, dass sie sich um meinen Geisteszustand sorgen. Sven bietet mir mitleidig eine Banane an. Ich kann keine Bananen mehr sehen und lehne mürrisch ab. Sven zieht seine Aufmerksamkeit ungerührt auf seinen Apfel zurück, den er kunstvoll von der Schale entkleidet! Er nennt das "die Kunst autogen einen Apfel zu schälen" . Ein Schlagloch,
Sven schneidet sich in die Finger, der Apfel fällt zu Boden und kullert zum Fahrer, der greift ihn und bedankt sich.... Sven wird ausfällig und die Stimmung ist gerettet.

Abends erreichen wir Kiteni, ein Kaff wie zu Goldgräberszeiten und wirklich allerletzter Vorposten der Zivilisation. Von hier aus verbindet lediglich der Rio Urubamba die weiter unten im Djungel liegenden 250 bzw. 1000 km entfernten Städten Sepahua und Pucalpa mit der Zivilisation. Kiteni verfügt über ein Hospital, das einen bewundernswerten Kampf gegen die Seuchen der Malaria und des Gelbfiebers führt, weiterhin über eine ausgetrocknete Durchgangsstrasse, deren schlammige Unpassierbarkeit während der Regenzeit wir uns aufgrund der tiefen Furchen auch jetzt in der Trockenzeit gut vorstellen können. Einige, mehr als einfache, meist offene Restaurants und Tiendas säumen die Strasse. Wir quartieren uns im einfachen aber sauberen und sehr freundlichen Hostal Camisea ein, das unmittelbar am Ufer des Urubamba liegt und uns somit am nächsten Morgen einen direkten Zugang zum Fluss ermöglicht. Es gibt nur kaltes Wasser, dafür aber harte und wenig benutzte Betten, saubere, nach frischem Holz duftende Zimmer und einen freundlichen Patron, der uns stets unsere Wünsche von den Augen abzulesen scheint.

 

Nach dem Einquartieren und einer selbstverständlich kalten Dusche, statten wir der örtlichen Polizeistation einen Besuch ab, dort finden wir ein großes Wandgemälde, das den Verlauf des Urubamba durch den oberen Regenwald darstellt und auch den Pongo als bedrohliche, von einem Ungeheuer bewachte Felsschlucht vermerkt. Ein dicker Polizist berichtet uns, dass der Pongo seit Februar wegen einer gewaltigen Rumbe`, einem gewaltigen Bergsturz, auf einer Länge von 1 km unpassierbar ist. Eine Befahrung sei, so der Dicke, völlig ausgeschlossen. Vor 10 Jahren seien einmal Japaner mit Wildwasserbooten durch den Pongo gefahren, aber seither sei es ruhig um die Schlucht des Bären. Wir fragen ihn zum Schluss, wie lange wir wohl bräuchten, um den Pongo auf dem Wasserwege zu erreichen. Er betrachtete und von Kopf bis Fuss und meinte dann, 2 Tage müssten wohl eine gute Schätzung sein. Wir dankten für die Informationen und trollten uns. Benjamin spazierte zu einigen Tiendas, unterhielt sich mit den Leuten, zum Schluss auch mit dem Bürgermeister und setzte sich dann achselzuckend zu uns an den Tisch, um schweigend das Einheitsmenü des Abends einzunehmen: Etwas Huhn, Yucca, Reis, Sauce. Dann schüttelte er den Kopf und lachte: Den Urubamba, geschweige denn den Pongo mit Schlauchbooten zu befahren, so hatten ihm die Leute gesagt, sei völlig unmöglich. Wir würden sterben und faulend bis an die Mündung des Amazonas treiben. Die einen meinten wir würden 3 Wochen benötigen, die anderen schätzten 6 Tage und wieder andere meinten es sei in 5-6 Stunden zu schaffen, den Schlund des Canyons zu erreichen.

 

Endlich auf dem Fluss...

Mit etwas gemischten Gefühlen gehen wir schlafen, vor den Fenstern unseres Hotels rauscht der Urubamba, unser Fluss begleitet vom Quaken der Frösche und dem Zirpen der Grillen. Am nächsten Morgen der Versuch zu frühstücken, dann tragen wir die Ausrüstung und die Boote zum Ufer hinunter. Neugierig verfolgen der Bürgermeister, der Polizeichef und einige Siedler unsere Vorbereitungen. Benjamin erteilt Paddelunterricht, auch die Zeichen für den Notfall werden vereinbart. Eine Stunde später sind wir in unseren Booten auf dem Wasser. Winkend bleiben die neugierigen und skeptischen Zuschauer zurück. Sven und ich sitzen auf dem RiverRider, Benjamin und Jens teilen sich das XR400. Kurze Zeit später, die erste schwierige Stelle. In einer Flussbiegung prallen die Wassermassen tosend gegen eine Felswand. Wir besprechen uns auf einer Sandbank. Jens und Benjamin meistern die Stelle, Sven und ich haben Pech und landen im Wasser. Wir treiben mit unserem herrenlosen Boot durch die Stromschnellen um kurz darauf im ruhigen Wasser wieder aufzusteigen. Unsere Freunde sind damit beschäftigt das Wasser aus ihrem Boot zu lenzen. Unser RiverRider besitzt keine Hohlräume und ist deshalb sofort wieder fahrbereit. Bald darauf folgen noch einige spannende Stromschnellen, die wir ohne Probleme meistern. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, rechtzeitig das Gleichgewicht zu verlagern um so den etwas höheren Schwerpunkt des Bootes auszugleichen. Um die Mittagszeit lagern wir auf einer Sandbank. Es gibt Ravioli aus der Dose und einen starken Kaffee. Die folgende Strecke ist landschaftlich einzigartig: Die Kulisse wechselt ständig, links und rechts die bunte Farbenpracht der Regenwälder, dann wieder liebliche Sandstrände. Wenig später flankieren gewaltige Felswände unseren Weg. Im Fluss türmen sich riesige Steinklötze, von den Wassermassen glatt geschliffen, in mannigfaltigen Formen. Zahlreich sind die unterschiedlichsten Vogelarten die auf den mächtigen Zweigen der Urwaldriesen sitzen oder dicht über den Strom dahin fliegen, um nach einem Fisch zu schnappen. Fischreiher, Kormorane, Papageien, mehr können wir in der Vielfalt nicht unterscheiden. Ab und zu sehen wir einen Goldwäscher am Strand und wir beobachten die trickreiche Technik der Indianer, mittels eines hölzernen Dreibein, einem Stück Angelschnur und dem Gegengewicht einer Plastik-CocoCola-Flasche im Strom nach Fischen zu fangen. Verhakt sich ein Fisch am Haken und zieht er auf der Flucht an der Angelschnur, schnellt die Plastikflasche nach oben und signalisiert so dem wartenden Indianer am Strand die Beute. Als Köder verwenden die Indianer Yucca, eine Kartoffelsorte, die sie am Haken fixieren. Wir genießen die ruhigen Passagen faul auf dem Boot liegend ebenso wie die wuchtigen Schwälle und Prallwasser durch die wir immer souveräner unsere Boote steuern.

Wie Huckyberry Finn.....

Ab und zu steuern wir an kleinen Missionsstationen oder Indianersiedlungen an Land, um die Leute nach der Zeit zu fragen die uns noch bis zum Pongo bevorsteht. "Zwanzig Minuten, Zwei Stunden, 3 Tage" erhalten wir als Antwort. Bald geben wir diese unfruchtbare Fragerei auf. Gegen 16.00 Uhr werden unsere Arme lang und die Muskeln vom Paddeln schwer.

Kurz nach Tinti halten wir nach einer geeigneten Lagerstelle Ausschau und finden einen herrlichen Sandstand. Auch frisches Wasser fließt als Quelle aus dem Urwald. Die Zelte werden aufgeschlagen, die Boote entladen und nachdem die Kleider gewechselt sind, brodelt bald ein leckeres Spaghetti über dem Lagerfeuer. Als Nachtisch kühles Cusquena-Bier und eine "Gute-Nacht-Zigarrette". Lange sitzen wir an diesem lauen Tropenabend am Lagerfeuer und diskutieren mit Bejamin über Politik und die wirtschaftlichen Probleme seines Landes. Wir lernen Bejamin als einen gut informierten, gebildeten Menschen, mit einem sensiblen Gespür für die Realitäten und die Sehnsüchte seiner Landsleute kennen. Gegen 22.30 Uhr kriechen wir in unsere Zelte. Es ist immer noch angenehm warm und so benutzen wir unsere Schlafsäcke als bequeme Liegeunterlage. Glücklicherweise gibt es keine Mosquittos und so fällt es uns nicht schwer, konzentriert auf das Gequake der Frösche und die geheimnisvollen Laute des Urwaldes in einen erholsamen Schlaf zu versinken. Pünktlich auch ohne Uhr wache ich am nächsten Morgen in der ersten Dämmerung des neuen Tages auf und genieße noch eine Stunde alleine am Ufer sitzend den raschen Wechsel der Natur von der Nacht in den Tag. Benjamin bereitet sein Spezial-Müsli zu, Haferflocken in Wasser aufquellen, eine Zimtstange, Zucker und zum Schluss einen Schuss Kondensmilch, das ganze sämig weitergekocht, schmeckt herrlich und wird zu unserem Morgenschmankerl.

Da wir am heutigen Tag mit strengeren Verhältnissen rechnen müssen, beschliessen wir unsere zwei Boote mit Holzstangen und Bänder zu einem Katamaran-Raft umzubauen. Mit Hilfe eines Machiguena-Indianer, der sich zum Frühstück bei uns eingeladen hat, finden wir Balsabäume. Wir schneiden zwei Stämme zurecht und fixieren diese mit Spanngurten am Bug und Heck. Balsaholz lässt sich spielend einfach zurechtschneiden, weist aber trotzdem eine hohe Festigkeit auf. Die Boote werden aufgepumpt und nach einem kurzen Training sind wir wieder auf dem Fluss. "Forward", "hard forward", "back", "left", Benjamin kommandiert und steuert das Raft durch alle Stromschnellen, während wir seinen Anweisungen folgen beim Paddeln unser bestes geben. Das angenehmste Kommando nach der Durchfahrt einer Stromschnelle ist "stop", dann legen wir die Paddel zur Seite und dösen in der Sonne. Benjamin beherrscht die Kunst des schnellen Einschlafens perfekt. Wie schon im rumpelnden Bus, schläft er kurz nach einer Stromschnelle ein, bis uns ein fernes Grollen an die stete Präsenz des Flusses erinnert. Benjamin öffnet die Augen, richtet sich auf um die Lage zu peilen, nimmt das Paddel zur Hand und ohne auch nur einen Bruchteil seiner Ruhe zu verlieren, folgt ein gleichmütiges "easy forward" als Kommando an uns, die Arbeit aufzunehmen. Es folgt in der Stromschnelle ein strammes "hard forward", manchmal "right" oder "left" ganz selten ein "hard back" wenn es gilt einem Hindernis in letzter Sekunde auszuweichen. Mit dem Ende der Stromschnelle folgt dann unweigerlich ein entwarnendes und Paddel-entwaffnendes "Stop" und nach dem Lenzen des Wassers aus dem XR-Boot und dem Überprüfen der Gurte versinkt alles in erneute Ruhe und Entspannung. Auf diese Weise erleben wir den Urubamba als einen wundervollen Fluss. Während er zur Regenzeit ein wahres Ungeheuer zu sein scheint, füllt er in den Sommermonaten meist träge das Flussbett, ohne wirklich gefährlich und unberechenbar zu sein. In regelmäßigen Abständen sorgen wuchtige Stromschnellen bis WW III für erfrischende Lebendigkeit. Kühle Schluchten, dunkle Wälder, anmutige und malerische Sandstrände und bizarre Felsklippen wechseln sich ab.

Diese Landschaft voller urtümlicher Wildheit begleiten den Urubamba durch die auslaufenden Berge und Hügel der gewaltigen Anden hinab zur Vereinigung mit den Strömen des Amazonas. Das wechselnde Licht das zaghaft durch die zarten Morgennebel der Wälder streicht, verändert den Charakter der den Fluss begleitenden Landschaft von Minute zu Minute, bis es zur Mittagszeit das träge Leben am Fluss und in den Schatten spendenden mächtigen Urwaldriesen mit seiner belebenden Wärme durchflutet. Obwohl die Landschaft urtümlich und wild erscheint, sind die Ufer des Flusses keinesfalls unbewohnt. Alle paar Stunden passieren wir eine Missionsstation, einige Indianerhütten oder ein Goldgräbercamp. Die Menschen stehen neugierig am Strand um unsere Fahrt zu bewundern, winken uns zu und rufen und lachend einige freundliche Worte. Gegen Mittag legen wir an einer einsam mitten in der Landschaft stehenden Brücke an. Sie wurde erbaut um die in späteren Jahren fertig zu stellende Strasse über den Fluss zu führen. Einige Holzhäuser befinden sich im Bau und ein Urwald-Restaurant lädt uns ein, zum Mittagessen zu verweilen. Eine freundliche Seniora zaubert uns ein wundervolles Churrasco mit Yucca und Gemüse. Umgerechnet für 3.50 DM gestärkt starten wir eine Stunde später zur nächsten Etappe. Die Stunden am Nachmittag vergehen gemächlich. Der Fluss zeigt sich von seiner zahmen Seite. Wir gleiten an einigen Holzhütten vorbei, "se vende kerosino" steht auf einem Stein - eine Urwaldtankstelle. Wir brauchen kein Benzin, tauschen aber einige Bananen gegen etwas Zucker und Salz ein. Auch CocaCola gibt es an fast jeder Hütte, wie überall auf der Welt zu kaufen. Faul liegen wir auf dem Boot, kauen Kekse, schlingen Bananen und schwimmen ab und zu hinter unserem RaftKatamaran her um uns abzukühlen. Abends schlagen wir unser Lager wieder auf einer Sandbank auf, fangen Fische und genießen die Stille am Ufer unseres Flusses. Ein breiter Fluss mündet an unserem Lagerplatz in den Urubamba. Ich folge seinem Lauf einige Hundert Meter Flussaufwärts und finde mich inmitten in einer bunten tropischen Urwaldwelt. Einige Steinblöcke sind von Malereien überzogen, "Hyroglyphen" der Indianer die wir immer häufiger finden. Der Pongo gilt als Kultstätte der Machiguenas und so deuten die Felszeichnungen nach meiner Deutung darauf hin, dass unsere Reise bald ihren Höhepunkt erreicht.


Durch die Rumbe` zum Schlund des Bären

Am nächsten Morgen starten wir schon gegen 8.00 Uhr unter einem wolkenlosen Himmel. In der Nacht hatte es geregnet und der Fluss zeigt eine schmutzig braune Farbe. Wieder begleitet eine traumhaft schöne Landschaft unsere flotter werdende Fahrt. Gegen Mittag vernehmen wir ein lauter werdendes Tosen. Der Fluss wird breiter. Gespannt schauen wir nach vorne und entdecken an der linken Bergseite einen Erdrutsch. Die Bezeichnung Erdrutsch erscheint untertrieben. Der gesamte Berg samt Bäumen ist auf einer Breite von einem Kilometer und einer Höhenausdehnung von mehr als 300 m herunter gebrochen. Eine gewaltige Mure aus zersplitterten Urwaldriesen, haushohen Felsblöcken und festgebackenem Erdreich bedeckt den Uferstreifen. Am Rand der Mure bemerken wir einige Zelte aus Plastikplanen. Erwartungsvoll verfolgen einige Indianer unser Anlegemanöver. Ein Mann mit einer roten Schildmütze begrüßt uns und gibt uns bereitwillig Auskunft. Seit Februar ist das Befahren dieses Flussabschnittes nicht mehr möglich. Die Regenmassen des "El Nino" haben die Erdlawine ausgelöst und den Fluss bis auf knapp 20 m verengt.

Alle Lanchas, das sind motorisierte Lastkäne, müssen hier ausgeladen und die Lasten über die "Rumbe`" -, wie die Einheimischen die gewaltige Lawine respektvoll nennen, getragen werden. Am Ende der Rumbe` warten weitere Lastboote, welche die Lasten, vor allem Trockenmilch für die Schulkinder, dann weiter hinunter in den Urwald transportieren. Eine mühevolle Arbeit wie wir bemerken. Mehr als 30 Indianer sind ständig auf der Rumbe`unterwegs, mit einem Seilstück haben sie sich gewaltige Lasten auf den Rücken gebunden, die sie mit einem Stirnband am Körper stabilisieren. Der schmale Pfad führt über einen schmalen Pfad hoch über dem tosenden Fluss. Der Capo mit der roten Mütze hält die Befahrung des Flussabschnittes mit Rafts für völlig ausgeschlossen. Wir sichern die Boote und machen uns auf den Weg uns die Sache aus nächster Nähe anzusehen. Was wir sehen, ist keineswegs erfreulich. Die Lawine hat gewaltige Felsblöcke in den verengten Fluss geschleudert und stauen zusätzlich die reißenden Wasser des Urubamba. Der Hauptstrom teilt sich in einen linken und rechten Strömungsast. An den Blöcken bilden sich gewaltige Prallpolster, einige werden überspült und bilden kleine Wasserfälle. Wir sind gespannt, wie Benjamin die Lage einschätzen wird. Er glaubt nach der Besichtigung, dass eine Befahrung im linken Ast gelingen könnte, wenn unser Team gut zusammenwirkt und wenn es uns gelingt das Raft in der Strommitte in einem Eddie (einem Kehrwasser) zu parken um so aus dem Eddi links heraus in das etwas ruhigere Gewässer des linken Seitenastes zu gelangen.

Benjamin fordert jeden von uns auf, seine Meinung zu äußern. Keiner wird gezwungen. Jeder soll sich in seiner Entscheidung frei fühlen. Wir entscheiden uns für den Versuch. Das Boot wird klar gemacht, die Leinen überprüft, die Ausrüstung ausbalanciert. Das einzige Problem werden die Wassermassen sein, die in das Innere des XR-Bootes schwappen. Wir versuchen deshalb das Boot mit Säcken so gut wie möglich auszufüllen. Dann setzen wir die Helme auf, trainieren noch einmal im ruhigen Gewässer unsere Manöver und starten unter den kritischen Augen der Indianer unsere abenteuerliche Fahrt. Über den linken Stromarm fahren wir in die Rumbe`ein. Unter Katamaran schießt über zwei gewaltige Schwälle und taucht tief in die Fluten. Trotzdem bleibt das Boot souverän in der Spur. Benjamin kommandiert, "hard forward", "back", "stop", "left", "right", schnell folgen die Komandos. Mechanisch folgen wir seinen Anweisungen. Es gleicht einem Ballett. Auf einer gewaltigen Welle schießt der Bug in die Luft, wir paddeln ohne Wasser um dann wieder tief in die Fluten einzutauchen. Sven verliert das Gleichgewicht, ich ziehe ihn zurück, er stabilisiert sich, ein harter Gegenschlag links und wir stehen inmitten der tosenden Hölle im ruhigen Kehrwasser des Eddies. Nach kurzer Verschnaufpause ziehen wir scharf aus dem Eddie in den linken Strom und gleiten wie auf Kufen aus den tosenden Fluten hinaus in das wieder ruhige Wasser des regulär breiten Flussbetts. Unsere Fahrt hat sicherlich kaum mehr als 1 Minute gedauert und doch scheint es uns als hätten wir eine Ewigkeit gekämpft. Alle brüllen die Anspannung aus unseren Lungen, wir schlagen die Paddel über uns zusammen und hören durch die tosende Gischt die begeisterte Freude der Indianer am Ufer. Sie haben unsere Fahrt verfolgt und sie freuen sich ehrlich über unseren Erfolg. Seit diesem Tag heißt diese Stelle "Incentive-Rapids"

Der Pongo de Mainique

Erneut wird das Wasser ruhiger, während sich über uns rechts und links die Berggipfel auftürmen. Wir durchfahren ein kleineres Canyon, dann erkennen wir vor uns eine Flussbiegung gegen die das Wasser des Flusses mit voller Kraft anprallt. Wir halten uns scharf links und schneiden so den Hauptstrom ab.

Nach der Flussbiegung wird das Tosen ruhiger und vor uns liegt....der Pongo de Mainique. Mehrere Hundert Meter ragen rechts und links gewaltige Felswände auf, Wasserfälle stürzen herab. Die Wände sind von Moosen und Algen überwuchert. Lianen hängen herab und die Rinnsale an den Felsen spiegeln sich im Sonnenlicht. Der Strom wirkt still und friedlich. Nur an wenigen Stellen entstehen durch Untiefen und Hindernisse im Flussbett kleine Stromschnellen. Die Atmosphäre wirkt auf uns unwirklich und feierlich. Entgegen allen Ankündigungen ist der Pongo jetzt zur Trockenzeit ein ruhiger und friedlicher Ort. Es fällt uns beim Anblick der Seitenwände des Canyons nicht schwer zu glauben, dass zur Regenzeit gewaltige Wasserkräfte durch diese Schlucht tosen.

Es ist um die Mittagszeit und die Sonne beleuchtet die Szenerie dieser paradiesischen Landschaft mit ihrem warmen strahlenden Licht. Zwischen den gewaltigen Felsflanken prasseln Wasserfälle herab. Die Bergflanken sind entweder vom Wasser blank geschliffen oder von Moosen überzogen. An vielen Stellen sind in die Felsen tiefe Rillen eingegraben, die uns an die Sage des "Osso de Mainique", dem Bären erinnert.

Die Mystik der Indianer

Ein alter Machiguena-Indianer erzählte mir während unserer Expedition einmal die Entstehungsgeschichte der Erde, wonach die Erde vor langer, langer Zeit aus einer gewaltigen, unwirtlichen Steppe und dem sie umgebenen Meer bestand. In der Mitte der Pampa stand ein gewaltiger Baum. Der Baum war so riesig, dass seine Äste bis über die Wolken und über das gesamte Land "Taihuantisuju", wie Peru früher genannt wurde reichten. In der Mitte dieses Baumes, dort wo sich die Hauptzweige vom Stamm trennen, hauste ein gewaltiger Bär "der Osso", wie ihn die Indianer nennen. Eines Tages wurde der Baum von einem mächtigen Sturm umgerissen. Durch den Aufprall des Baumes auf der Pampa entstand ein tosendes Erdbeben und der Stamm und die Äste gruben sich in den Sand und die Felsen der Sierra ein. Es entstanden tiefe Schluchten und Gräben in die das Wasser des Meeres eindrang. So bildeten sich, wie die Indianer des Machiguena-Stammes glauben, die Flüsse Madre de Dios, der Rio Maranon, der Apurimac und auch der Rio Urubamba. Der Abdruck des Stammes aber bildete den Amazonas, der an seiner breitesten Stelle 50 km weit ist, ehe er auf der anderen Seite Südamerikas in den Atlantik fliesst. An der Stelle an der die gewaltigen Anden in den Urwald übergehen, schlug der Baumriese einen tiefen und wilden Canyon. In diesen Canyon fiel auch der Bär, weshalb dieser Canyon in der Sprache der Machiguena-Indianer, seither "Pongo de Mainique" heisst- die Schlucht des Bären. Der Bär ist auch heute noch im Pongo gefangen und versucht aus der Schlucht zu klettern. Seine scharfen Krallen graben sich bei jedem Kletterversuch in die Felsen ein, die sich sogleich mit Quellen und die tiefen Kerben mit Wasserfällen füllen.......

Weiße Sandbänke laden uns ein, anzulegen und zu rasten, um unter den zahllosen Wasserfällen eine erfrischende Dusche zu nehmen. Zu unserer Überraschung ist das Wasser angenehm temperiert und es macht Spaß minutenlang unter dem prasselnden Wasserfall zu stehen und diese Naturmassage zu genießen. Wir klettern in die tiefen Höhlen hinter den Wasserfällen und finden dort grandiose Steinformen und Schliff-Formationen, aber auch uraltes Wurzelholz in phantastischen Formen. Fast 2 Stunden genießen wir diese faszinierende Landschaft und saugen die Mystik dieser unbeschreiblichen Eindrücke in uns auf.

Auch jetzt, während ich an diesem Beitrag schreibe, leben und entstehen die Bilder des Pongo in mir als eine Erinnerung die ich zu den harmonischsten Augenblicken meines Lebens zähle. Wir fahren dem Ausgang der Schlucht entgegen und nehmen den krassen Wechsel der Landschaft wahr. Wir fahren durch die Pforte des Pongo vorbei an riesigen Felstürmen und lassen die Berge und Hügel der Anden hinter uns. Vor uns liegt die Selva Perus, der flache Djungel und Urwald - eine Welt voller Wunder, Abenteuer und unbekannter Gefahren. Der Ausgang des Pongos, in der Sprache der Machiguenas " Tonquini" - "Platz der Gebeine" genannt, gleicht einem Bootsfriedhof. Auf einer Sandbank liegen die Trümmer zerstörter Balsaboot und Lanchas. Diese Boote werden in der Regenzeit vom Strom von den Ufern weggerissen, hier angeschwemmt und gestapelt.

Hinter uns liegt eine mehr als 200 km lange Flusspassage voller Eindrücke, Stimmungen, Bilder und einer nie zuvor erlebten Ruhe und Harmonie.

Wenn es gut geht, ist es ein Abenteuer.....

Einige Tage später fahren wir ohne Anstrengung noch einmal mit einem Lancha durch den Pongo und über den oberen Urubamba "unseren Fluss" zurück zu unserem Ausgangspunkt nach Kiteni. Während wir auf dem Fluss in schneller Fahrt dahin gleiten, erleben wir die Landschaft noch einmal neu und wir erinnern uns mit den wechselnden Stationen die wir passieren erneut an die Bilder, an die vergangenen Erlebnisse und der herrlichen Tage auf unserem Raft-Katamaran. An vielen Stellen am Ufer sehen wir Menschen stehen, die wir schon kennen und die uns begeistert zuwinken. Manche lachen uns an und beschreiben mit der Hand das Halsabschneiderzeichen. Wir lachen, zurück, schütteln den Kopf und setzen im Vorüberfahren mit der Hand das "o.K.-Zeichen dagegen. -

 

Kein "Viktory-Zeichen", denn wir haben den "Pongo de Mainique" nicht besiegt. Er hat uns nur als ungebetene Besucher geduldet.......

Süchtig....

1999, 2000, 2001 und 2002 haben wir diese Expedition wiederholt. Wir sind nicht nur nach Timpia, sondern über Chamisea bis Sepahua gefahren und von dort mit dem Buschflugzeug über Pucallpa zurück nach Lima. Auch 2003 steht der PONGO wieder auf unserem Programm. Wer Lust hat kann uns auf unserer 3wöchigen Raft-Expedition zur Schlucht des Bären begleiten, wir haben uns in diese Landschaft und die Art sie zu erforschen, verliebt.

 

Anschrift des Verfassers:
Bernd Fertig
Mainstrasse 1
76199 Karlsruhe

Meinen Freunden Jochen, Florian, Thomas und Benjamin (" El dormir ") gewidmet, die entweder die Reise miterlebt, oder sicherlich gerne dabei gewesen wären.....

Iformationen:"Kurz und Knapp"

Wie kommt man hin?
Mit dem Flugzeug von Europa nach Peru (Lima), Preise: Je nach Fluggesellschaft ca. 800 ? - 1.200 ?; Von Lima mit einem Inlandsflug weiter nach Cusco. Empfehlenswert Aero-Continente (hin und zurück ca. 120 ?) Von Cusco mit Bus nach Quillabamba. Die Bahnlinie über MacchuPichu ist ab MP nach einer gewaltigen Überschwemmung seit Februar 1998 nicht befahrbar. Die Fahrt führt über einen hohen Andenpass (5.000 m!!!). Ab Quillabamba mit Kleinbus bis Kiteni.

Flussetappe:
Von Kiteni in 3 Tagen zum Pongo de Mainique und nach Timpia. 2 weitere Tage sind es bis Sepahua. (ca. 250 km). Hierfür muss jedoch bereits in Kiteni ein Lancha verpflichtet werden (ca. 2000 Soles = 700 ?)

Bootstyp:
Wildwasserboote, Schlauchkanadier (bei viel Erfahrung!), besser mit dem Raft in der Gruppe! Niemals dem Rat folgen und mit Balsa-Flössen fahren. Blanker Unsinn und lebensgefährlich!

Schwierigkeiten:
Meist II, in den Rapids III, einige Stellen IV, Rumbe`bis WW V (umtragbar)
Angaben beziehen sich auf den Wasserstand im Monat Juli.

Beste Zeit: Mai - August (September)

Unterkünfte und Verpflegung:
In Cusco zahlreiche Pensionen und Hotels (15-80 $/Doppelzimmer), Quillabamba: Hostal "Alto Urubamba", in Kiteni: "Hostal Camisea". Während der Flussreise zelten auf Sandbänken. Vorsicht nächtlicher Anstieg des Wasserspiegels möglich!

Verpflegung bis Kiteni unproblematisch. Auf der Flussetappe muss die gesamte Verpflegung mitgeführt werden. Zukauf von Früchten und einfachen Lebensmitteln bei den Indianern bzw,. in kleinen Siedlungen möglich.

Rückkehr:
Mit Lanchas (Lastboote mit 100 PS Aussenbordmotoren (ca. 600 $/je Boot und Mannschaft), oder von Sepahua mit einem Flugzeug (Cessna) (150 $/Person) bis Pucalpa, Von Pucalpa mit Linienmaschine zurück nach Lima.

Preise:
In den Städten mitteleuropäisches Preisniveau, Konserven sogar weit darüber. Hotels und Essen in Restaurants auf dem "Land" preiswert. Ein Tagesbudget von 50.- DM kann für Busreise, Unterkunft und Essen ausreichen. Landeswährung ist der Nuevo Sol (ca. 40 Cents)

Infos und ExpeditionsReiseangebote:
Der obere Urubamba ist eine herrliche Landschaft, und bisher von "zivilisierten Reisenden" verschont geblieben. Dies bedeutet, dass sich der Besucher und Wassersportler auf eine Expedition und nicht auf eine Auslandsreise einstellen muss. Erforderlich sind auch die obligatorischen Impfungen: Gelbfieber, Hepatitis, Malaria-Vorsorge usw., sowie die übliche Vorsicht beim Genuss einheimischer Kost.

Wir bieten den Pongo de Mainique als Expeditionsprogramm an.

Incentive MED-Outdoor und Expeditionen, Mainstrasse 1; 76199 Karlsruhe
Internet: www.incentive-med.de  oder outdoo(a)incentive-med.de