Wildnistrip auf dem Trysilelven


Gerd KASSEL

Trysilelven - Ostnorwegen
Tourenvorschlag 1 (schwer): Isteren-Trysil, 95 km
Tourenvorschlag 2 (leicht): Elvbrua-Trysil, 71 km

Schönster Wildwanderfluss Norwegens
Beste Zeit: Juni-Juli-August
Literaturhinweis: Gerd Kassel, Kanutouren im Kanuland Femund, Pollner-Verlag, 1999

Kanus sind in erster Linie umweltfreundliche Fortbewegungs- und Transportmittel, um auf dem Wasserweg straßenlose und unberührte Naturlandschaften zu erkunden. Für unterschiedliche Gewässer bietet der Kanumarkt spezielle Boote aus unterschiedlichen Materialien an: Wildwasser-und Seekajaks, offene Wanderkanadier, Luft- und Faltboote u.a.

Für längere Gepäcktouren auf nordischen Wildflüssen müssen Kanus robust, kippstabil, leicht zu tragen und reparierbar sein.

Auf dem Trysilelven, der zu den schönsten Wildwanderflüssen Skandinaviens zählt und die urwüchsige Landschaft der norwegischen Hedmark durchfließt, benutzen wir die wildwassertauglichen und gutmütigen OUTSIDE- Schlauchkanadier der Firma Grabner.

Dass mit einem Wildfluss nicht zu Spaßen ist, zeigt sich am zweiten Tag unserer Gepäcktour. Fröhlich, locker, lustig treiben wir unter dem tiefblauen, nordischen Himmel in unseren Gummibooten ohne besondere Anstrengung die rauschenden, unendlich langen Stromschnellen hinunter. Die gute Strömung und das nur mäßig schwere, leicht verblockte Wildwasser machen den Trysilelven zum Traumfluss für wendige Schlauchkanadier. Doch plötzlich ist Schluss mit lustig. Es entsteht eine brenzlige Situation! Der Trysilelven fließt meist genau in südlicher Richtung, ab Mittag verwandelt die Sonne, die seit Wochen scheint, den Fluss in ein die Augen blendendes Glitzermeer. Trotz Sonnenbrillen haben wir bei diesem intensiven Gegenlicht erhebliche Probleme mit der Orientierung. Jetzt Ende August hat der Trysilelven Niedrigwasser und an breiten Flusspassagen schauen überall Felsbrocken raus oder sind nur knapp überspült. Sie mit den schwer beladenen Booten zu umschiffen, kostet zunehmend Kraft und Konzentration. Bei aller Sorgfalt lässt es sich nicht immer vermeiden, dass man einen im Gegenlicht fast unsichtbaren Flussstein erwischt. Meist kommt man durch Ruckeln und Schubsen oder blitzschnelles Ein-und Aussteigen wieder frei. Nur dieses Mal klappt das nicht auf Anhieb.

An einem warmen Hochsommertag - Norwegens Wetter ist besser als sein Ruf - schieben wir, das sind vier Erwachsene und drei Kinder, unsere schwer beladenen Boote unterhalb der rasanten Stromschnelle an der Brücke von Elvbrua in das glasklare Wasser des Trysilelven. Wasserdichte Packsäcke und Tonnen sind in und auf zwei OUTSIDE- Booten und einem Wildwasserkajak fest verzurrt. Das besondere des Trysilelven sind seine bis zu 25 (!) km langen, aber leichten Stromschnellen. Nur im Oberlauf, den wir die Tage zuvor ohne Kinder und Gepäck befahren haben, sind einzelne Gefällstrecken sehr wuchtig und kenterverdächtig. Trotz der ungewöhnlichen Hitze tragen alle Neopren-Kälteschutz, Schwimmweste, Helm und stabile Kajakschuhe.

Fast in Flussmitte sind wir auf einen mächtig umströmten Monsterkiesel aufgelaufen. Beim Versuch, das festsitzende Boot in Fahrtrichtung freizuschaukeln, stellt sich der ansonsten so gutmütige OUTSIDE störrisch quer und droht umzukippen. Geistesgegenwärtig werfe ich mich stromaufwärts auf den Felsen, um den Schlauchkanadier am Kentern zu hindern. Noch immer sind wir nicht frei, unsere Schräglage ist höchst bedenklich. Zum Glück bekommt Samira, unsere knapp dreijährige Tochter, keine Panik, während ihr das Flusswasser um die Ohren spritzt. Sie hält das ganze für ein lustiges Spiel und klammert sich tapfer an einem dicken Seil fest, das ich zu diesem Zweck an die seitlichen OUTSIDE-Ösen vor ihren Sitz gebunden habe. Mit zwei Dritteln meines Körpergewichts schräg außen auf dem Felsblock, die Beine fest im Boot verkeilt, ruckele ich vorsichtig weiter. An Aussteigen ist aufgrund der Tiefe und der Wucht des uns umströmenden Wassers nicht zu denken. Seitlich vor uns nur wenige Meter entfernt hat sich ein abgesoffener Alukanadier für alle Ewigkeit um einen Steinklotz gewickelt.
Himmel hilf! Wie kommen wir nur raus aus dieser gefährlichen Lage?

Die Antwort folgt auf dem Fuße. Überraschend kommt das Boot frei und rutscht wieder in horizontale Lage. Nur ich komme so schnell nicht hinterher. Mein Hauptgewicht befindet sich noch immer außerhalb unseres Mutterschiffs, folgerichtig fällt auch der Rest raus! Jetzt wird es meiner Tochter Samira doch ein wenig mulmig und sie schreit ängstlich:"Papa, komm sofort wieder rein!" Das würde ich ja liebend gerne auch tun, nur es klappt nicht. Der Gummikahn treibt schneller davon als vermutet. Ich schwimme, springe und hechte nach Leibeskräften hinterher, um das Kenterseil am Heck zu erreichen. Vergebens. Mutter und Tochter sind nun allein auf sich gestellt. "Da links, Kehrwasser!", brülle ich von hinten, doch das hat Astrid, meine Frau, schon längst gesehen. Zielstrebig paddelt sie rüber. Unglaublich! Normalerweise halte ich meine Frau ja eher für schwächlich und kanusportlich nur mäßig begabt. Doch nun, als es drauf ankommt, zeigt sie in beeindruckender Weise, was sie in dieser Beziehung tatsächlich drauf hat. Es ist eine Meisterleistung, einen schwer beladenen OUTSIDE aus vorderer Sitzposition ganz allein aus einer endlosen Stromschnelle des Trysilelven ins einzige Kehrwasser weit und breit zu bugsieren.

Ich komme ziemlich demoliert wesentlich weiter unten ans rettende Ufer. Es ist noch einmal glimpflich ausgegangen. Trotz aller Vorsicht und Erfahrung, das wurde uns heute mal wieder klar, gibt es auf Wildflüssen doch immer überraschende Situationen, da braucht man schlicht und ergreifend eine gehörige Portion Glück.

Die Fortsetzung unserer beeindruckend schönen Familiengepäcktour in nordischer Wildnis erfolgt ohne weitere Gefahrenmomente.