Unter spanischer Sonne am Pallaresa

Autor: Gerd Kassel


Reiseziel: Rio Noguere Pallaresa
Basislager: Campingplatz Sort
Dauer: 1 Woche
Distanz: 47 km
Boot: OUTSIDE

Knallheiß ...

... brennt die spanische Mittagssonne in die grandiosen Pyrenäenschluchten des Rio Noguera Pallaresa und uns allmählich Löcher ins Gehirn. In voller Montur - Neopren Long John, Schwimmweste, Helm, Kajakschuhe - sitzen wir mitten im August bei 40 ° im Schatten einsatzbereit an der Wildwasser-Slalomstrecke in Sort und warten auf das heißersehnte Wasser, das jeden Augenblick das hübsche Flusstal hinunter kommen muss.

Nein, wir haben noch keinen Sonnenstich, Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder Ähnliches, das Wasser des schönsten und wassertechnisch interessantesten Wildflusses Spaniens kommt täglich auf Bestellung so gegen 13 Uhr auf die Naturslalomstrecke mitten im belebten Touristenstädtchen Sort zugerauscht. Im Moment noch plätschert ein dürftiges Rinnsal durch das Felsenlabyrinth, auf dem ein WW-Anfängerkurs eifrig übt, aber gleich geht hier die Post ab. Innerhalb weniger Minuten verwandelt sich der kaum fahrbare Hochsommerbach in schäumendes und donnerndes Hochwasser.

Kaum zu glauben, aber wahr! Doch des Rätsels Lösung ist simpel: Hoch oben im Pallaresa-Tal befinden sich die durch häufige Hitzegewitter gut gefüllten Stauseen von La Torassa und Llavorsi, die morgens um 9 Uhr für einige Stunden ihre Schätze öffnen, um Turbinen anzutreiben. Dann schlägt die Stunde der Rafter, Kanuten und Riverboogie-Piloten, die auf der beachtlichen Flutwelle talwärts reiten - vormittags auf dem wuchtigen und ordentlich verblockten Oberlauf zwischen Llavorsi und Rialp, mittags im Touristenzentrum Sort unter den Augen schaulustiger Urlauber und nachmittags unter hoch am Himmel kreisenden Steinadlern in der einsamen "Desfiladero de Collegats", einem der schönsten Kalkstein-Canyons von Europa.

In Kajaks haben wir die wilden Wasser des Pallaresa bereits ausgiebig genossen. Heute und in den nächsten Tagen wollen wir testen, wo der Spaß in unseren OUTSIDE-Schlauchkanadiern auf schwierigem Wildwasser anfängt - und aufhört. Meist benutzen wir die robusten und wildwassertauglichen Gummiboote für Gepäcktouren mit Kind und Kegel auf leichteren Wildflüssen. Der Rio Noguera Pallaresa jedoch bietet "richtiges" Wildwasser, auf dem kein Auge trocken bleibt, und erfordert eingespielte Paddel-Teams.

Unter einer Uferpinie liegen zwei stramm aufgepumpte OUTSIDE-Kanadier startklar im Schatten. Es kann losgehen. Meine Frau Astrid und ich bilden Dream-Team Nummer eins, im zweiten OUTSIDE sitzen Christine und Eckhard, ebenfalls seit Jahren harmonisch verheiratet. Trotzdem eine nicht gerade glückliche Konstellation, wie sich bald herausstellt. Ehekrach ist vorprogrammiert. Kaum haben wir die Boote ins Wasser geschoben und die Schenkelgurte zum ordentlichen Ankanten angelegt, geht es schon zur Sache.

Die Strömung reißt uns mit. Zuerst steht das genaue und blitzschnelle Anfahren von Kehrwässern auf dem Übungsprogramm. Wer das nicht blind beherrscht, hat auf dem Pallaresa schlechte Karten. Schon schießen wir auf den ersten "Parkplatz" am linken Ufer zu.

"Ziehschlag links!", brülle ich kernig meiner Vorderfrau zu, während ich hinten rechts zum möglichst effektiven Bogenschlag ansetze. "Warum?", fragt Astrid verständnislos zurück. Blöde Kuh, denke ich im Stillen, doch zum Denken ist wahrlich keine Zeit. Quer zur Fließrichtung treiben wir am angepeilten Kehrwasser vorbei und rasend schnell auf einen mächtig umspülten Felsen in Flussmitte zu. "Bogenschlag vorwärts!", kommt der nächste Befehl lauthals aus mir heraus und scheint doch im Höllenlärm des Wassers unterzugehen, denn meine Frau rührt keinen Handschlag. Stattdessen höre ich: "Schrei mich nicht so an, Idiot!!" Voll Zorn und Hektik versuche ich mit einem schnellen Konterschlag das im Vergleich zu wendigen Einerkajaks verdammt schwerfällige Gummiboot gerade zu ziehen und am Felsen vorbei zu bugsieren.

Zu spät! Rumms, knallt der gutmütige OUTSIDE breitseits auf den Monsterkiesel, stoppt und wankt kurz, um dann rückwärts fortzufahren. Kaum ist es unter heftigen und kontrovers geführten Diskussionen gelungen, dass unkontrolliert talwärts treibende Boot um 180° zu wenden, als auch schon die erste weißschäumende Walze bedrohlich vor uns steht. Kein Problem, denke ich, mit Volldampf rein und durch! Denkste!

Das OUTSIDE knallt gegen die quirlige Wasserwand wie gegen eine Mauer aus Beton. Der abrupte und unerwartete Aufprall reißt meine Frau und mich nach vorne und mir das Paddel aus der Hand. Katapultartig wird es vom einknickenden und wieder geradeschnellenden Gummiboot in die Luft geschleudert und landet - welch ein Wunder - zu meinem maßlosen Erstaunen und unter den Augen der Beifall klatschenden spanischen Zuschauer wieder in meinen Händen. Eine gelungene Einlage - ich verneige mich verschämt -, aber jetzt wird´s langsam Zeit aus der Umklammerung der haltenden und uns durchrüttelnden Walze rauszukommen. Schließlich können wir hier nicht ewig als Volksbelustigung rumdümpeln, denn Christine und Eckhard kommen in ihrem Gummigeschoss mit weit aufgerissenen Augen und heftig diskutierend auf uns zugedüst. Nichts wie weg! Blitzschnell lehnt sich meine Noch-Ehefrau Astrid ohne jeglichen Befehl flussabwärts weit aus dem randvoll gelaufenen Boot - die Schenkelgurte machen es möglich -, taucht ihr Stechpaddel tief ins ablaufende Unterwasser und zieht uns damit locker und gekonnt aus dem Walzenrücklauf. "Sauber !!", brülle ich begeistert und haue rein wie wild. "Schrei mich nicht so an, du Blödmann!" Nun gut, ich bin still, die nächste Walze - so ein ziemlich schräges Ding - verbietet weitere Unterhaltung. "Diesmal verweigerst du nicht, du sturer Gummigaul!", rede ich stattdessen unserem "Rodeo-Pferd" verbissen gut zu. Instinktiv verlagern wir unser gesamtes Körpergewicht weit nach hinten, damit der OUTSIDE vorne besser über das Hindernis steigen kann.

Klappt super, er steigt, und steigt, und steigt - und setzt zum spektakulären Überschlag rückwärts an!! Verdammt, so war das nicht geplant!

Während Astrid hoch oben in der Luft mit ihrem Paddel rumfuhrwerkt und Löcher in die Luft haut, werfe ich mich entschlossen ruckartig vorwärts und seitwärts in die Schrägwalze, stütze ein bisschen und prompt klatschen wir sauber runter und durch das fiese Stolperwasser durch und sitzen - schon wieder, oh Wunder - noch immer ganz korrekt im Boot.

Und die zuschauenden Spanier am Ufer und oben auf der Brücke staunen schon wieder. Nichtsdestotrotz, das erste Kehrwasser, das wir endlich erwischen, ist auch das letzte von fünfzehn der knapp 300 m langen Wildwasser-Slalomstrecke von Sort, deren Erstbefahrung im OUTSIDE nicht wesentlich länger als eine Minute gedauert hat. Kaum sind wir ausgestiegen, werden auch Christine und Eckhard schon angespült und es beginnt umgehend eine zwingend notwendige und natürlich lautstark geführte Grundsatzdiskussion - auch damit können wir die temperamentvollen Spanier hellauf begeistern.

Nachdem eindeutig und unmissverständlich geklärt ist, wer wen wann wie laut anbrüllen darf und wer was in welcher Situation zu tun oder zu lassen hat, tragen wir unsere garnicht so einfach zu zähmenden OUTSIDE-Rodeoboote wieder flussaufwärts und das Spielchen beginnt von vorne.

Das wiederholen wir solange, bis wir die Slalomstrecke von Sort vorwärts, seitwärts, rückwärts und hochkant locker beherrschen und uns an die lustvolle OUTSIDE-Befahrung des Oberlaufs des Rio Noguera Pallaresa wagen können.