Spreewald

Per Boot und Fahrrad

 

SPREEWALD

 

Boot: GRABNER OUTSIDE

Bericht + Fotos: Reinhold Müller

 

Abgesehen von unseren eigenen Paddelschlägen umfängt uns eine himmlische Ruhe. Die Sonne hat Mühe, mit ihren Strahlen das dichte, grüne Dach über uns zu durchdringen, zumal sich hin und wieder graue Wolkenbänke über den Spreewald schieben. Kein Windhauch kräuselt die Wasseroberfläche, in der sich die Flusslandschaft spiegelt. Uralte Bäume säumen die Ufer. In den stillen Seitenarmen bedecken die großen Schwimmblätter der Seerosen das Wasser.

 

Hinter der nächsten Kurve wartet eine Schleuse auf unser Boot. Ich schleuse, Helmut und Philip paddeln ein. Unteres Tor schließen, das Wasser hebt Boot und Mannschaft auf die nächste Ebene. Obere Klappe auf - die Fahrt geht weiter. Eine Bootstour durch den Spreewald ist entspannend, jedoch muss jeder Meter mit Muskelkraft erarbeitet werden, denn den unzähligen Fließen fehlt meist die Strömung.

Natürlich gäbe es die Möglichkeit sich für einige Stunden per Kahn durch den Spreewald staken zu lassen. Da hockt man dann still auf der Holzbank, braucht nichts anderes zu tun als auf die schöne Landschaft zu blicken, die still vorüber zieht. Wir wollen die Paddel selbst in die Hand nehmen. Im platten Land zwischen Cottbus und Lübben fasert sich die Spree in ein unüberschaubares Netz aus Wiesen, Wald und Weideflächen.

 

Die Geologen mögen ihre eigene Theorie über die Entstehung der rund 300 verschiedenen Wasserarme haben, die das nur 75 Kilometer lange und 16 Kilometer breite Gebiet durchziehen. In alten sorbischen Märchen wird jedenfalls berichtet, dass die Pferde des Leibhaftigen die Gegend im Zickzack-Kurs durchpflügt und den Fluss zerteilt hätten. Nicht nur die alten Geschichten sind hier in der brandenburgischen Niederlausitz lebendig, auch die Sprache der westslawischen Vorfahren der Sorben die im 6. Jahrhundert hier einwanderten wird hier noch immer gepflegt. Ursprünglich war der Wald hier finster und dicht, doch mit zunehmender Besiedelung wurde Holz für die Boote und Häuser geschlagen und der Wald zu Weidezwecken gerodet. Der Urwald lichtete sich und machte lieblichen Wiesenlandschaften Platz.

 

Mehrere hundert Meter paddeln wir entlang einer Anlegestelle, kein Boot ist weit und breit zu sehen ehe sich zwischen den Bäumen die Polenzschänke  ausbreitet - ein uriges Wirtshaus mit Freisitz. Obwohl wir warmgepaddelt sind, ist es kühl unter den schattigen Bäumen. Wir suchen die Wirtsstube auf und während Helmut und ich das Spreewald typische Gericht - Zander in Spreewaldsauce - bestellen, steht Philip auf Bratwurst und Kartoffelsalat.

 

Mit dem Boot sind die Möglichkeiten im Spreewald nahezu unbegrenzt, auf fast 500 qkm erstreckt sich die Fläche von Europas größtem natürlichem Auwaldgebiet. Sein vernetztes Fließsystem hat eine Gesamtlänge von 1000 Kilometern. Am Nordrand des Oberspreewald, finden wir beim Gasthaus Bukoitza, einen Parkplatz der sich zum Übernachten anbietet. Die Wolkendecke reißt auf, die Strahlen der Abendsonne tauchen die Landschaft in goldenes Licht und wecken Philips Lebensgeister. Am Ufer des Eichkanals (Nordumfluter) streifen wir durch Hecken, verstecken uns hinter Heuhaufen und entdecken so mancherlei Getier. Die Schatten werden länger, der Sonnenball nähert sich dem Horizont im Westen. Unsere Blicke wandern entlang einer wunderschönen Pappelallee nach Süden wo sich sechs Kilometer weiter, jenseits von Weide- und Ackerland, von kleinen Wäldern und Wasserarmen, Lübbenau (Lubnjow), die wichtigste Stadt im Spreewald ausbreitet.

 

Das wilde Leben.

Die idyllische Natur kann man nicht nur im Kahn oder Boot genießen. Spinnennetzartig ziehen sich unzählige Wege und Pfade durch dieses Paradies aus Wasser, Wald und Wiesen. Ideal um auf Schusters Rappen oder auf dem Drahtesel die Landschaft zu erkunden.

Anderntags sind wir mit den Fahrrädern unterwegs. Wir folgen einem Fließ nach Norden, ehe der Weg nach Westen abbiegt und bald nach Süden knickt. Auf einem Damm radeln wir weiter, dann wieder strömendes Wasser, Bäume, Schilffelder im Feuchtgebiet und gleißendes Licht, wenn die Sonne sich zeigt. Das Naturschutzgebiet Barzlin wird durchquert. Man muss sich einfangen lassen von der Schönheit der Natur. Schiebend überqueren wir mit den Fahrrädern eine Schleuse. Abseits der vielbefahrenen Routen führt der Spreewald noch ein anderes, wilderes Leben. Der Spreewald ist ein System aus größeren und kleineren Wasserläufen, dazwischen wachsen auf sumpfigem Boden lichte Erlenbruchwälder, ein Paradies für Insekten und Vögel aller Art.

 

Entstanden ist dieses System aus einem Urstromtal der Nacheiszeit in dem große Flüsse weite Schwemmsandflächen aufschütteten. Darin verzweigte sich die Spree vielarmig. Da könnte man die Umweltprobleme fast vergessen. Doch nicht weit entfernt befinden sich riesige Braunkohle Tagebaue. Das ehemalige Gaskombinat "Schwarze Pumpe" blies lange Zeit seinen Dreck ungefiltert auch auf den Spreewald. Viele Tagebaufelder liegen heute brach. Der Rückgang der Kohleförderung in den letzten Jahren führte auch zur Schließung der beiden großen Kraftwerke in Lübbenau und Vetschau. Kohlekumpel haben die Schaufel gegen das Rudel eingetauscht, nicht immer zu ihrem Nachteil.

 

Auf einem Naturbelagweg rollen wir nach Lübbenau. Anfangs lebte der Ort überwiegend von der Landwirtschaft, ehe sich Textilindustrie ansiedelte und der Fremdenverkehr immer mehr Einzug hielt. Letztendlich war die Errichtung des Großkraftwerkes Lübbenau Anfang der sechziger Jahre dafür ausschlaggebend, dass sich die Einwohnerzahl von 5.000 auf  22.000 erhöhte. Die Wochenendurlauber sind jetzt zuhause; selbst in Lehde, der Hochburg der Kähne, ist es menschenleer. Wir betrachten geschmackvoll renovierte Spreewaldhäuser und bewundern die hübschen Vorgärten. Viele Häuser sind auch heute nur vom Wasser aus zu erreichen. Die traditionellen, flachen Holzkähne ersetzen praktisch das Auto, selbst die Post kommt per Kahn.

 

Beim Gasthaus zum "Fröhlichen Hecht" tobt das Leben, hier ist in den Sommermonaten der "Kudamm" des Spreewaldes. Selbst im Oktober legt hin und wieder ein vollbesetzter Kahn an. Gleich gegenüber liegt das sehenswerte Spreewald-Freilichtmuseum. Drei komplette Gehöfte geben einen Einblick in das Leben der niedersorbischen Bauern und Fischer. Eine Naturkundeausstellung ist den im Spreewald heimischen Vögeln und Fischen gewidmet.

 

Die wilde Kneipe

"Lagunenstadt im Taschenformat" hat Fontane das Dorf Lehde einst genannt, ein Venedig wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag. Aber Venedig ist weit und der Spreewald sich allemal genug. Die Spreewaldgaststätte Wotschofska befindet sich mitten im feuchtesten und am wenigsten erschlossenen Teil des Oberspreewaldes. Sie ist nur auf dem Wasser oder über einen Wanderweg erreichbar. Früher diente diese Erhebung in Kriegszeiten den Spreewäldern oft als letzte Zufluchtsstätte, ehe dann 1894 ein Gasthaus im Blockhausstil errichtet wurde.

 

Über Lübbenau rollen wir gemächlich entlang der Wasserarme und über Brücken zu dem beliebten Wirtshaus. Jetzt im Oktober ist es ruhig im Spreewald, der Sommerbetrieb hat sich ausgedünnt. In der warmen Jahreszeit finden in dieser sumpfigen Gegend die Mücken phantastische Lebensbedingungen. Nachdem man in den 60-er Jahren versuchte sie mit der "chemischen Keule" zu bekämpfen, und damit vor allem Libellen vernichtete, akzeptiert man sie heute als einen Teil des Nahrungskreislaufes der Natur. Es ist wichtig, dass solche sumpfige Stellen, Erlenbrüche, in den Wald eingesprengt bleiben.

Auf dem etwas höher gelegenen Gelände wachsen Buchen, und das ist besonders typisch für den unteren Spreewald, der weniger bekannt ist wie der Oberspreewald. Nur wenige Seitenfließe durchziehen den hohen Buchenwald, dafür formt die starke Strömung in den Hauptfließen, sanfte Kurven und Buchten in den Ufern aus.

 

Bereits 1991 wurde der Spreewald von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Schutz der Natur und menschliches Wirtschaften müssen nicht im Widerspruch zueinander stehen. Denn letztlich sind wir Menschen Teil dieser Natur. Wir können nur mit ihr überleben, nicht gegen sie.

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INFO  Spreewald (Deutschland)

 

Der Spreewald liegt nordöstlich von Cottbus, ist 75 km lang, 15 km breit und wird von etwa 300 Fließen (Kanäle) mit einer Gesamtlänge von 970 km durchzogen. Eine Talverengung bei Lübben teilt das Fließlabyrinth in Ober- und Unterspreewald. Während der letzten Eiszeit, als gewaltige Gletscher aus Skandinavien südwärts rückten und gewaltige Schmelzwassermassen, das Gefälle im Bodenrelief nutzend, abflossen, entstand der Spreewald. Ursprünglich war der Spreewald ein in sich geschlossenes Waldgebiet. In Kriegen diente das unwegsame Gebiet mit seinen Gewirr an Wasserwegen und überwucherten Sümpfen als sicherer Zufluchtsort.

 

Die wachsende Besiedlung und zunehmender Bedarf an Ackerland führten in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu verstärktem Holzeinschlag. Mittlerweile beläuft sich der Waldanteil des im März 1991 von der UNESCO anerkannten Biosphärenreservat Spreewald auf 24%. Insgesamt leben im Biosphärenreservat rund 18.000 Pflanzen und Tierarten. Die Pflanzenwelt im Spreewald ist sehr üppig, jedoch fehlen im Kerngebiet weitestgehend die Seltenheiten. Dennoch sind 585 davon in den Roten Listen der bestandsgefährdeten Pflanzen aufgeführt. Je nach Feuchtigkeit und Beschaffenheit der Böden wachsen Erlen, Eschen, Eichen, Buchen und Kiefernmischwald.

 

Ornithologisch ist der Spreewald ein Leckerbissen. Eine Vielzahl von seltenen Vogelarten, wie Weiß- und Schwarzstorch, Silberreiher, Seeadler, Fischadler, Kornweihe, Kranich, Großtrappe, Steinkauz, Blautrappe, Wiedehopf, Seggenrohrsänger, Eisvogel, Blau- und Braunkehlchen und viele andere fühlen sich hier wohl.

 

Seit dem 6. Jahrhundert wird das Gebiet des Spreewaldes von Sorben (Wenden) besiedelt, einer slavischen Volksgruppe. Bis heute sind ethnische, sprachliche und kulturelle Eigenarten der Sorben erhalten. In sorbischer Sprache erscheinen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, auch sorbische Rundfunksendungen werden ausgestrahlt. Sorbisch ist Unterrichtsfach an Schulen, die Ortsschilder sind zweisprachig.