Vom Baikalsee in den „Wilden Westen“

Fotos: Hr. Ratschan

Boot: OUTSIDE

=> Bildergalerie

Der See und Aufbruch ins Sayangebirge

Einleitung

Das russisch-mongolische Grenzgebiet durfte ich auf der mongolischen Seite der Berge im Jahr 2007 erkunden (siehe hier).
Aufgrund der Unzugänglichkeit und Größe übt das kaum besiedelte, anschließende Wildnisgebiet auf der russischen Seite eine besondere Faszination aus.

Grund genug für Harald Edinger, begeisterten Bootfahrer und Fliegenfischer, und mich, Ende August 2009 vom bekannten Baikalsee Richtung Westen aufzubrechen. Die geografischen Bezeichnungen für dieses südliche Eck Sibiriens – Buryatien, Tuwa und Sayangebirge – sind weniger geläufig, sodass dem Leser die beigefügte Karte die Orientierung erleichtern wird.
Unsere Anreise erfolgt von Moskau über Irkutsk, der Stadt an der Angara, die einst als „Paris Sibiriens“ tituliert wurde. Hier den nahen Baikalsee einfach links liegen zu lassen, wäre ein Frevel, so war von vornherein klar, zuerst dieses einzigartige Gewässer zu besuchen und erst im Anschluss die eigentliche Tour im Sayangebirge zu starten.

Am Südwestufer des Baikal

Wollte man den Baikal in wenigen Absätzen abhandeln, so wäre man von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Superlative wie „tiefster, volumenreichster oder ältester See der Erde“ können seine magische Ausstrahlung nicht gebührend wiedergeben. Das Gewässer wird in Russland meist nicht als See, sondern einfach als Baikal, in den Sprachen der Ureinwohner gar als „Meer“ bezeichnet. Es spielt in der Schamanistischen Religion der an den Ufern lebenden Buryaten und in der Mythologie des ganzen Zentralasiatischen Raums eine wichtige Rolle. Ich beschränke mich hier auf eine knappe Zusammenfassung unserer persönlichen Eindrücke des kurzen Aufenthaltes am Südwestufer.

Davor noch kurz zu einigen Kennwerten des Baikal. Bei einer Länge von 636 km beläuft sich die Fläche auf 31.000 km2, die 58 mal der Fläche des Bodensees entspricht. Die Großen Seen in Amerika oder die Afrikanischen Grabenbruchseen übertreffen den Baikal damit an Fläche, dennoch stellt er bei einer Maximaltiefe von 1642 m und einer mittleren Tiefe von 744 m in Bezug auf das Volumen alle anderen bei weitem in den Schatten: Er enthält nicht weniger als 20 % der weltweiten flüssigen Süßwasserreserven. Beeindruckend auch die Rechnung, dass alle Ströme dieser Erde ein Jahr benötigen würden, um sein Becken aufzufüllen. Er hat massiven Einleitungen zum Trotz nach wie vor Trinkwasserqualität – langfristig allerdings gefährdet durch die lange Austauschzeit des Baikalwassers von etwa 330 Jahren.

Der Baikal ist am Bruch tektonischer Platten entstanden, unter dem Grund liegen bis zu sieben Kilometer (!) dicke Sedimentschichten, die sich in den etwa 25 Millionen Jahren seines Bestehens abgelagert haben. In biologischer Hinsicht könnte man diesen uralten See mit einem riesigen Freilandlabor vergleichen. Die Fauna hatte lang Zeit, sich an die vorherrschenden Bedingungen anzupassen, sodass heute zwei Drittel der Tierarten so genannte Endemiten sind, weltweit also nur hier vorkommen. Zu erwähnen ist insbesondere die bekannte Baikal-Robbe (Phoca sibirica), die einzige ausschließlich im Süßwasser lebende Robbenart der Erde. Von den insgesamt ca. 56 Fischarten stellen den Hauptteil 30 Koppenarten, die ebenfalls weltweit nur hier vorkommen.

Der einzige Ausfluss, die Angara, wurde in den fünfziger Jahren bei Irkutsk gestaut. Der Wasserspiegel des gesamten Sees dürfte dadurch um mehr als einen Meter angehoben worden sein (die Angaben darüber sind aber widersprüchlich). Wir fahren auf einem regelmäßig verkehrenden Tragflügelboot von Irkutsk über die Angara bis zum idyllischen Fischerdorf Bolschie Koty, das im Sommer nur über den Wasserweg erreichbar ist. Hier liegt auch eine Biologische Station der Universität Irkutsk, wodurch im Sommer viele Studenten und Biologen in dem kleinen Dorf leben.

Tragflügelboot auf dem Baikal
Erfolgloses Fischen an Baikal

Wir quartieren uns drei Tage in einem gemütlichen Holzhaus ein, nicht nur um den Jetlag auszuschlafen, sondern auch um zu versuchen, ob wir der interessanten Baikalfauna mittels Fliegenfischerei ein paar ihrer Geheimnisse entlocken können. Wunderschöne Kiesstrände und steil abbrechende Felsküste wechseln einander ab. Je nach Wettergeschehen lassen sich am gegenüber liegenden Ufer schemenhaft hohe Berge erkennen.

Fischend am Ufer eines derart großen Gewässers zu stehen erfordert einen starken Glauben an das Funktionieren der Methode. Zumindest die Hoffnung wäre bei uns vorhanden, Erfolg stellt sich jedoch trotzdem kaum ein. Fischereilich deutlich ertragreicher soll das Ostufer sein, wo die einmündende Selenga Nährstoffe in den nährstoffarmen See trägt. Bei mir verhängt sich lediglich eine kleine Sandkoppe am Köder, und Harald fängt eine Baikal-Äsche.

Wassily beim Netzauslösen
Gelbflossige Baikalgroppen

Angesichts des schlechten Angelerfolgs sind wir sehr froh, als uns Wassily, ein in Bolschie Koty „übersommernder“ Chemie-Professor der Universität Irkutsk, beim Auslösen seiner Netze zusehen lässt und uns mit vielen Hintergrundinformationen versorgt. Die Hauptbeute bildet neben der erwähnten Baikal-Äsche der Baikal-Omul, eine Renkenart. In den Maschen hänge auch viele Gelbflossige Baikalgroppen, die mit ihren riesengroßen, knallig gelb gefärbten Brustflossen auffallen. Leider fehlen in den seicht gestellten Netzen die im Freiwasser bis in große Tiefen häufigsten Fische, die eigenartigen Fettfische (Golomyanka). In den etwas feinmaschigeren Netzen hängen zahlreiche karpfenartige Fische, die auch von zu Hause bekannt sind. Es handelt sich um Rotaugen, Nerflinge und Baikal-Hasel Diese „Weißfische“ hängt Wassily zum Trocknen in ein mit Gaze überspanntes Gerüst. Wir nehmen frischen Omul, Äschen und Rotaugen für eine kulinarische Vergleichswertung mit, die ein vielleicht etwas überraschende Ergebnis bringt: Das Rotauge bietet geschmacklich eindeutig den höchsten Genuss. „Weißfische“ werden zu Hause sicher mit Unrecht zu wenig als Speisefische geschätzt.

Die Zeit vergeht viel zu schnell, doch als nach zwei Nächten am Baikal unser Biorhythmus auf die Zeitzone 7 Stunden östlich der MEZ eingestellt ist, überwiegt der Tatendrang den Schmerz des Abschieds vom „heiligen Meer Sibiriens“.

Rückfahrt nach Irkutsk

Auf ins Gebirge

Zurück in Irkutsk treffen wir den Pensionisten Aleksej, der uns weiter bis ins Sayangebirge begleiten wird. Er gehört dem buryatischen Volksstamm an, der eng mit den Mongolen verwandten Bevölkerung der Gegend um den Baikal. Zuerst legen wir 400 km Straße von Irkutsk über Sljudjanka am Südende des Sees, das Tunka-Tal mit breiten Wiesen und Dörfern typischer burjatischer Holzhäuser bis an den Rand des Gebirges zurück, wo schneebedeckte 3000er und das rauschende, glasklare Wasser des Irkut-Flusses alpines Flair verbreiten. Direkt vor der mongolischen Grenze folgen wir einer nach West abzweigenden Schotterpiste und über unbesiedelte Hochtäler und Pässe überqueren wir die Wasserscheide zum Oka-Fluss, bis wir im letzen Ort im Gebirge ankommen – Orlik. Gastfreundlich, wie die Buryaten sind, werden wir hier von Aleksejs Familie mit einem Willkommens-Ritus empfangen, bei dem eine Schale Milch getrunken und ein (unpolitisch) blauer Schal überreicht wird.

In der Nacht werden wir mehrmals von Lärm im Hof geweckt. Am Morgen folgt die nächste Aufregung: Aleksej sorgt sich, ob unsere draußen verstauten Vorräte noch vollständig sind. Wir überprüfen das und finden alles vor, nur ein Laib Brot ist abhanden gekommen. Scharfsinnig schließt der Buryate erleichtert, beim nächtlichen Störenfried müsse es sich um einen Hund und keinen Zweibeiner gehandelt haben, weil der Wodka noch da ist, das Brot aber fehlt.

Hinter dem Holzhaus können wir bereits das monströse Gefährt bewundern, mit dem die Reise am nächsten Tag weiter geht: Es handelt sich um einen alten, dreiachsigen LKW mit groben, gut einen Meter hohen Stollenreifen. Verbrauch: 100 Liter auf 100 Kilometer! Dass der Einsatz dieses wilden Fahrzeugs mehr als angebracht ist, zeigt sich, als wir gleich am Anfang die Oka auf einer hundert Meter breiten und über weite Strecken mehr als einen Meter tiefen Furt durchqueren. Weiter führt die Route den ganzen Tag das Tal des Tissa-Flusses stromauf, wobei großteils das Flussbett als „Strasse“ benutzt wird, um dichtem Wald oder Sumpf auszuweichen. Vereinzelt liegen hier auf 1400 m Seehöhe noch Gehöfte, die – ähnlich wie die heimischen Almen – im  Sommer zur Rinderzucht bezogen werden. Viele Stunden später erreichen wir die letzte menschliche Ansiedlung: Der hier mit seiner Familie lebende Buryate Zseseren wird uns mit seinen Pferden bis zum Ausgangspunkt unserer Bootstour über die Berge begleiten, wofür drei Tage veranschlagt sind. Der LKW-Fahrer bringt uns noch zwei Fahrstunden weiter stromauf, wo wir beim Ausfluss des wunderschönen Gebirgssees Schuchtalai Nuur übernachten.

Anfahrt auf der LKW-Ladefläche
Spiegelung im Schuchtalai Nuur

Zu Pferd über die Berge

Am Abend kommen Aleksej und Zseseren zu Pferd nach, leider nur mit vier Gäulen. Wir sind skeptisch, ob diese vier Reiter samt Boot, Gepäck und Proviant für drei Wochen über die Berge tragen können. Doch keine extra Tragpferde zu verwenden erweist sich als richtige Entscheidung: Die Reitstrecke entpuppt sich als Hindernis-Parcours par excellence. Dichtes Gestrüpp, eng stehende Baumstämme, zahllose steile Böschungen und tiefe Furten sowie lange sumpfige Abschnitte behindern das Vorwärtskommen und hätten beim Nachführen von Packpferden große Probleme bereitet. Den ersten Reittag erleben wir als Leistungsschau der buryatischen Pferde: Die frischen Tiere halten in gestrecktem Marsch bis zur Finsternis durch, sodass wir mehr als die Hälfte der Strecke bereits am ersten Tag schaffen.

Die Landschaft hier im Hochgebirge erweist sich trotz des schlechten Wetters als märchenhaft schön, zwischen den Wolken blinzeln weiße Gipfel (z.B. der nahe Munku Sardik mit 3491 m) durch. Wir reiten zuerst durch Nadelwald, teils flussbegleitende Moore und lichte Lärchen bis hinauf in die hochalpine Tundra, wo rot verfärbte Zwergbirken, vereinzelte Zirben und sich flächig ausbreitende Rentierflechten wunderschöne Farbkontraste bilden.

Zeseren hoch zu Ross
Passhöhe an der Grenze nach Tuwa

Mein Hengst zeigt beim Beladen recht widerspenstige Charakterzüge, unterwegs habe ich aber den Eindruck, dass er willig die Strapaze auf sich nimmt. Harald hat weniger Glück, sein Pferd ist bei steilen Böschungen und im Sumpf recht unsicher, bockt und wirft ihn drei Mal ab. Darum ist die Erleichterung groß, als wir wohlbehalten bereits am zweiten Tag die gesamte Reitstrecke von 70 km absolviert, die Wasserscheide ins Einzugsgebiet des Jenissei auf  2000 m Seehöhe überwunden und nach steilem Abstieg einen Oberlauf des Belin Gol [Gol = mongolisch und tuwinisch für Fluss] erreicht haben. Dieser Gebirgsbach heißt Belin Bashen und erscheint uns gerade groß genug für eine Befahrung. Wir entschließen uns aber, noch ein paar Kilometer bis zum Belin Chol [chol = tuwinisch für See] hinunter zu reiten, um keine Schädigung des Bootes durch ständige Grundkontakte zu riskieren – angesichts der bevorstehenden langen Bootstour und der vielen Holzverklausungen in dem kleinen Bach eine weise Entscheidung.

Am Belin Chol

Am Ufer des Sees angekommen, werden rasch die Fliegengerten zusammengesteckt, um herauszufinden, wer die verheißungsvollen Ringe an der Wasseroberfläche verursacht – es sind Äschen, die vor allem beim Einrinn in enorm hoher Zahl konzentriert stehen. Wahrscheinlich dürfte der Futterneid dafür verantwortlich sein, dass sie hier nicht (wie weiter stromab) selektiv nur auf bestimmte Köder beißen, sondern fast jede Fliege vorbehaltlos nehmen. So ist im Nu eine Strecke gefangen, die nicht nur Harald und mir, sondern auch unseren beiden buryatischen Führern als Mahlzeit dienen kann.

Im Jahr 2007 hatte ich Proben von Äschen auf mongolischem Staatsgebiet aus einem Fluss im selben Einzugsgebiet gesammelt, nur etwa 100 km Luftlinie entfernt. Aufgrund ausgeprägter Unterschiede zu allen anderen bisher beschriebenen Äschenarten konnten Prof. Igor Knizhin und Prof. Steven Weiss anhand dieser Proben eine neue Art beschreiben, der sie zu Ehren des russischen Fischforschers Anatolii Nikolaevich Svetovidov den Namen Thymallus svetovidovi (Knizhin & Weiss, 2009) verliehen haben. Als ein Ziel meiner Reise hatte ich mir gesetzt, die Verbreitung dieser Äsche weiter stromab im Einzugsgebiet des Kleinen Jenissei zu erkunden. Bisher ist nicht bekannt, wo die Verbreitungsgebiete dieser Gelbschwanzäsche und der Form der Arktischen Äsche aneinander stoßen, die weiter stromab am Mittleren Jenissei vorkommt.

Und tatsächlich, bei den Äschen hier im Belin Chol handelt es sich unzweifelhaft um diese wunderschöne, neue Art. Nicht nur der goldgelbe Schwanzstiel, auch weitere Merkmale wie die „bulligen“ Proportionen (große Höhe von Kopf und Rumpf im Verhältnis zur Körperlänge) oder die Zahl von mehr als 5 Fleckenreihen auf der Rückenflosse unterscheiden die „Gelbschwanzäsche“ von anderen Formen.

Auswettern am Bergsee Belin Chol
Gelbschwanz-Äsche

Weil Dauerregen eingesetzt hat und die Temperatur auf wenig über Null gefallen ist, warten wir einen Tag zu, bevor wir „in (den) See stechen“. Auch Zeseren und Aleksej sitzen am Ufer fest: Auf dem tags zuvor überquerten Pass fällt jetzt sicher Schnee, sodass der Rückritt derzeit nicht ratsam ist. Die beiden Buryaten nehmen das ohne Murren zur Kenntnis und verbreiten am nur mühsam am Brennen gehaltenen Lagerfeuer gute Stimmung. Unweigerlich muss ich mir zwei Mitteleuropäer vorstellen, die einen Tag lang im Regen auf einen verspäteten Autobus warten, und dabei selbstverständlich ganz gelassen und guter Laune bleiben. Harald und ich bemühen uns, ebenfalls gelassen zu bleiben, doch die Spannung knistert, was uns auf der langen Flussfahrt erwarten wird. Davon im zweiten Teil!

Auf der „sibirischen Enns“ vom Gebirge in die Steppe

Österreich und Sibirien

In Bezug auf Bootstouren war unser Heimatland Österreich ursprünglich ein Paradies. Stellt man sich die Schönheit der Flüsse samt umgebender Landschaft und die historisch beschriebenen Fischbestände in unseren Fließgewässern vor, so würden sich lange Bootsfahrten – bei Lust und Laune auch mit der Angelrute an Bord – förmlich aufdrängen. Beispielsweise über das Salzachtal nach Bischofshofen, über die Wasserscheide nach Radstatt an der Enns, und dann über das steirische Ennstal mit seinen riesigen Mäandern bis Admont; die wildesten Stromschnellen des Gesäuseeingangs umtragen, vor beeindruckendem Bergpanorama weiter bis zur Salza und über die tiefen Schluchten der mittleren Enns bis zur Mündung der wunderschönen Steyr; weiter über die Aulandschaft der unteren Enns bis an die Donau; bei entsprechend Zeit weiter über das Machland und die Durchbruchsstrecken des Strudengaues und der Wachau bis hinunter nach Wien.

Ein unbezahlbares Erlebnis, doch heute ist zu befürchten, dass derartige Unternehmungen mit Ausnahme des Gesäuses und der Wachau als Frust-Erlebnis enden: Durchstochen die Mäander, monoton reguliert das obere Ennstal; fast die gesamte mittlere und untere Enns und die Donau eine Staukette; statt Schotterbänken mühsam zu überwindende Rückstaubereiche von 15 Kraftwerken allein an der Enns; ein danieder liegender Fischbestand auf der ganzen Strecke.

Umso interessanter ist es, Orte zu erkunden, wo sich eine derartige Zeitreise erübrigt. Wo man auch heute nicht nur intakte Flusslandschaften genießen kann, sondern daran erinnert wird, was in der Heimat als Tribut an ein einseitiges Fortschrittsideal verloren gegangen ist. Und wo beim Schutz und der Restauration der Gewässer anzusetzen ist. Der Süden Sibiriens liegt auf ähnlicher geografischer Breite und Seehöhe wie Österreich, unterscheidet sich wesentlich aber hinsichtlich des kontinentalen Klimas. Trotzdem findet man hier Gewässersysteme, die einen ganz ähnlichen Wechsel charakteristischer Flussabschnitte wie beispielsweise an unserer heimischen Enns bieten.

In dieser Hinsicht stellen Oberläufe des Jenissei ein spannendes Ziel dar. Hier, im Grenzland zwischen den Autonomen Russischen Republiken Buryatien und Tuwa sowie der Nordmongolei findet man eine ethnisch, landschaftlich und naturgeschichtlich enorm interessante Wildnis. Im schwer zugänglichen Ostsayangebirge leben die letzten Familien kleiner Volksstämme wie Tofolaren, Sojoten oder Zsaatan, die sammeln, jagen und im Gebirge auch auf dieser gemäßigten Breite Rentiere züchten.

Das Gebiet ist auf dem Landweg am „leichtesten“ von der buryatischen Seite im Westen des Baikalsees erreichbar. Mein Plan ist die Überquerung des Gebirges zu Pferd bis zu einem Bergsee auf der unzugänglichen tuwinischen Westseite. Von dort fließt der Fluss Belin Gol parallel zur mongolischen Staatsgrenze bis zum Oberlauf des Kleinen Jenissei, der mit dem Boot weiter bis in die tuwinische Steppe befahrbar ist (siehe Karte im ersten Teil). Möchte man die Analogie zur Enns noch einmal bemühen, so würde die Tour einer Überquerung der Niederen Tauern zu Pferd von Tamsweg im Lungau aus entsprechen, um die Bootstour nach dem Riesachsee und den Riesachfällen zu beginnen und weiter den Untertalbach und die Enns bis hinunter zur Donau zu paddeln.

Besonders reizvoll – gleichermaßen bei der virtuellen Enns-Befahrung als auch bei der realen Tour in Südsibirien – stellt sich der stete Wandel der Flusslandschaft dar. Der Flusstyp wechselt in Abhängigkeit von Gefälle, Abfluss, Geschiebe und Talform von gestreckten über pendelnde und verzeigte (furkierende) Gerinne bis hin zum Mäanderfluss. In Summe erstreckt sich unsere Bootstour in Sibirien auf fast 450 Flusskilometer über 1000 Höhenmeter. Bereits das mittlere Gefälle von mehr als zwei Promille (entspricht zwei Meter Höhe pro Kilometer Fluss) über die gesamte Strecke beeindruckt, es wird jedoch sehr ungleichmäßig abgebaut: Es erwarten uns auf 300 Kilometern und damit einen Großteil der Strecke verteilt immer wieder Stromschnellen des dritten und vierten Schwierigkeitsgrades.

Längsschnitt des befahrenen Flusssystems mit Gefälle (schwarze Linien) und Zuordnung flussmorphologischer Typen (farbige Balken). Zum Vergleich sind Untertalbach und Enns dargestellt.

Das zu befahrende Flusssystem bietet also vielfältige Herausforderungen, auf die sich Harald Eidinger und ich durch entsprechendes Training vorbereitet haben. Auf den Wildwasserstrecken der Salza, Enns und Koppentraun haben wir in steigender Schwierigkeit unseren „Grabner Outside“ Schlauchkanadier ausführlich getestet und dabei Erfahrung und Selbstvertrauen in schwerem Wildwasser gesammelt. Dieses geniale Boot bleibt in verblockten Wildbächen wie auch in mächtigem Wuchtwasser trotz Beladung mit Proviant und Ausrüstung für 3 Wochen einwandfrei manövrierbar. Es stellt daher das optimale Gerät für derlei Expeditionen dar.

Auf dem Wildbach Belin Bashen

Nach einigen kurzen III - IVer Stromschnellen, die eine Reihe kleinerer Seen im Anschluss an den 4 Kilometer langen Belin Chol (siehe Teil 1) verbinden, heißt es zuerst einmal schleppen. Beim letzten Ausrinn braust der Wildbach über eine steile, ein paar hundert Meter lange Kaskade im fünften Schwierigkeitsgrad, deren Befahrung nur mit einem schnellen Kajak und auch damit nur ratsam scheint, wenn das nächste Krankenhaus in Reichweite liegt. Hier in der Wildnis ist Umtragen auf dem Landweg sicher die bessere Wahl.

Beginn der Bootstour am See
Unbefahrbares 5er Wildwasser

Im Anschluss stellt die typische Gestalt von Seeausrinnen die Strapazfähigkeit unserer Nerven und Bootshaut auf eine harte Probe. Mangels an Geschiebe besteht das Bachbett aus groben Steinen und Blöcken. Mit rasanter Geschwindigkeit werden wir durch das enge, stark verblockte Gerinne gerissen. Hier ist vorausschauendes Fahren überlebensnotwendig, aber mit sehr viel Zeitaufwand zum Kehrwasserfahren, Aussteigen und Besichtigen vor der Befahrung verbunden.

Outside im 4er Wildwasser im Einsatz
4er Stromschnellen

Doch hier stellt es sich ein, das Gefühl, wieso man diese Strapazen auf sich zu nehmen bereit ist: Auf sich selbst gestellt, total im Hier und Jetzt verhaftet, für sein Wohl zu 100% selbst verantwortlich zu sein. Die hoch gesteckte, aber machbare Herausforderung erfolgreich zu meistern. Direkter, intensiver zu sehen, spüren und handeln scheint kaum vorstellbar.

Erstaunlich hoch stellt sich der Fischbestand schon hier im Oberlauf dar – wohl ebenfalls ein Resultat des Einflusses der Seen stromauf. Wie auch weiter stromab beginnt pünktlich ab zwei Uhr Nachmittag ein massiver Eintagsfliegen-Schlupf, auf den die zahlreichen Gelbschwanz-Äschen mit ausgeprägten Steigorgien reagieren. Die Aktivität klingt am späten Nachmittag ab, sodass das Gewässer bis zum nächsten Nachmittag wieder wie leergefegt wirkt. Zarte Trockenfliegen imitieren die Eintagsfliegen trefflich und stellen sich als die mit Abstand fängigsten Köder heraus.

Pendelnd-verzweigter Abschnitt
Logjam – Schleppen ist angesagt!

Belin Gol - Mäander und Katarakte

Nachdem sich der Belin Bashen mit dem eigentlichen Belin Gol – einem kleineren, stark Geschiebe führenden Bach – vereinigt und sich das Gefälle mäßigt, entwickelt sich ein gut befahrbarer, pendelnd-verzweigter Flusstyp. Doch auch diese Strecke birgt ihre Tücken. Nach wenigen Kilometern stehen wir vor einer großen Totholzverklausung (Log Jam), finden aber eine trocken liegende, schottrige „Flutmulde“, die Hochwasserabflüsse abführt. Die Verklausung lässt sich hier gut umtragen, bis wir wieder auf einen befahrbaren Nebenarm treffen. Durch die „Filterwirkung“ des Logjams ist die Strecke weiter stromab frei von Verklausungen, bis sich der Fluss erneut wandelt.

Er beginnt über den sumpfigen Boden des gesamten Trogtals zu mäandrieren und fließt nur ganz träge durch die alpine Landschaft. Aufgrund des geringen Gefälles ist die Krümmung so stark, dass die Schlingen teils viele hundert Meter entgegen der Talrichtung scheinbar stromauf fließen. Auch Mäandersprünge bzw. Altarme treten auf. Eine derartige Flussform assoziiert man gemeinhin mit Niederungsflüssen und nicht mit sommerkalten Oberläufen, aber auch in Mitteleuropa waren mäandrierende, größere Gewässer in der Forellen- und Äschenregion ursprünglich nicht selten. So können wir uns hier am Oberlauf des Belin Gol sehr anschaulich vergegenwärtigen, wie das Ennstal zwischen Steinach und Admont oder auch die Salzach im Oberpinzgau vor 2000 Jahren ausgesehen haben könnten.

Wintereinbruch - Schneebedecktes Boot

Schon seit unserer Ankunft am Baikalsee sind wir mit einem Wettergeschehen konfrontiert, das man bestenfalls als „abwechslungsreich“ bezeichnen könnte. Als sich der fast alltägliche Regen in Schneeregen umwandelt und wir morgens am Belin Gol von einer 15 cm dicken Neuschneedecke überrascht werden, hält sich Begeisterung in Grenzen. Ein weiterer Reservetag muss zum Auswettern verbraucht werden, weil Boot fahren bei stürmendem Schneefall und 4 Grad Wassertemperatur nicht nur unangenehm, sondern wirklich gesundheitsgefährdend wäre.

Outside in der Mäanderstrecke
Äschenfischen

Der Grund für das geringe Gefälle der Mäanderstrecke offenbart sich zwei Tagesetappen weiter. Hier bricht der Fluss durch Basalt, also vulkanisches Gestein, das das Tal abgeriegelt hat, wodurch eine abrupte Änderung des Gefälles entstand. Wir treffen hier auf eine lange Wildwasserstrecke mit Stromschnellen vierten Grades, die wegen der spitzen, hexagonalen Verwitterung des Basalts an den steilen, teils unterspülten Ufern mit großem Respekt besichtigt und befahren werden.

Blick über eine Durchbruchsstrecke des Belin Gol
Scouten einer IVer Stromschnelle

In diesem Abschnitt gelingt der Fang der beiden ersten und einzigen Lenoks (sibirischen Forellen) im Belin Gol. Bei einer Länge von 64 und 65 cm handelt es sich dabei schon um kapitale Tiere. Seltsam, Junglenoks können wir in diesem Fluss (im Gegensatz zum anschließenden Kyzyl Khem) nirgends fangen. Diese Art führt – ähnlich wie die heimische Bachforelle – stromauf gerichtete Laichwanderungen durch. Im Anschluss daran bleiben manche Tiere noch zum Fressen in den Oberläufen. Vielleicht kommt dadurch der sonderbare Populationsaufbau im Belin Gol zu Stande.

Harald mit Gelbschwanz-Äsche
Spitznasen-Lenok mit 64 cm

Auf großem Fluss

Nach zehn Tagen erreichen wir die Mündung des Belin Gol in den Kyzyl Khem [Kisil Chem]. Dieser Oberlauf des Kleinen Jenissei entwässert ein riesiges Einzugsgebiet im nordmongolischen Darhat Becken und führt bereits ohne Belin Gol einen mittleren jährlichen Abfluss von 148 Kubikmeter pro Sekunde. Die Beschreibung von Radin (1997) zeigt, dass Flusslänge und Einzugsgebiet des Kleinen Jenissei größer sind als des Großen Jenissei und das erstere Flusssystem als eigentlicher Jenissei-Oberlauf gelten müsste. Die Grenze zur Mongolei liegt nur 5 km entfernt, sodass wir diesen mächtigen Flusses auf russischem Territorium fast zur Gänze erkunden können. Die erste erfolgreiche Befahrung der gesamten Strecke aus der Mongolei dürfte erst im Jahr 1980 durch ein russisches Team gelungen sein, was aufgrund der Tatsache nicht weiter verwundert, dass dort extreme schwierige Stromschnellen im fünften Grad zu meistern sind.

Ich durchquere einige Kilometer des schwer durchdringlichen Auwalds, um einen umliegenden Hügel zu besteigen. Dort bietet sich ein großartiger Überblick über die Aulandschaft mit seinen großen Schotterflächen und verästelten Nebenarmen. Es macht großen Spaß, mit dem Boot unterwegs zu sein und zu versuchen, in dem vielfältigen Flusssystem Fischeinstände auszumachen und zu befischen. Neben der häufigen Äsche ist hier auch der Lenok in allen Altersstadien anzutreffen, dazu kommen Elritze und Aalrutte vor.

Mündung des Belin Gol (links) in den Shishkhid (Hintergrund)
Wunderbarer Lagerplatz vor Beginn der Schlucht

Das „sibirische Gesäuse“

Bereits nach wenigen Kilometern verengt sich das Tal erneut, und es beginnt eine über 150 km lange Schlucht. Aufgrund des engen Abflussquerschnitts kommt es hier bei Hochwasser zu Aufspiegelungen um bis zu 10 m. Hoch über dem Wasserspiegel angetriebene, quasi „in der Luft“ hängende Baumstämme zeigen drastisch, wie apokalyptische Verhältnisse dann herrschen müssen. Aber auch jetzt bei Mittelwasser entwickelt sich eine enorme Wasserwucht, zwischen den haushohen Wellenbergen werden wir im kleinen „Outside“ zum Spielball der Gewalten.

Vor der Befahrung besichtigen und überlegen wir gewissenhaft, wie Stromschnellen einzufahren und zu passieren sind. Gefahren gehen nicht nur von den Wasserwalzen und flussmittig verstreuten Felsblöcken aus. In Biegungen auf den Wellenbergen schaukelnd, mit den Ruderblättern ins Leere schlagend, wird man mit unbändiger Kraft in den Außenbogen gezogen. Unbedingt gilt es zu vermeiden, dort Bekanntschaft mit unterspülten Felsen zu machen. In dieser auch per Helikopter nicht erreichbaren Schlucht eine Verletzung zu riskieren oder das Boot samt Ausrüstung zu verlieren – die Konsequenzen malt man sich nicht gerne aus. Doch zum Glück gelingt nach dem Herzklopfen beim Erkunden jeder schwierigen Stelle eine Befahrung ohne Kentern.

Selbstauslöser-Aufnahme des „Outside“ im Kyzyl Khem
Die Schlucht des Kyzyl Khem

Nach der eindrucksvollen Durchquerung der meist eng durch dunkle Basaltfelsen eingefassten Schlucht, deren mit herbstlich goldgelb verfärbten Lärchen und Pappeln bestandene Hänge eine wundervolle Farbkulisse bilden, erreichen wir die Mündung des großen Zubringers Khaa Khem [Ka Chem]. Dieser Wildfluss ist unter russischen Wildwasserfahrern populär, weil er im Oberlauf mit entsprechenden Fahrzeugen auf dem Landweg erreicht werden kann. Spätestens ab hier wird der Kyzyl Khem auch Kleiner Jenissei (russ. Malyi Enisei) genannt, und die Schlucht weitet sich teils stärker, sodass Verzeigungen und größere Schotterflächen entstehen. Dazwischen ist auch dieser große Fluss (Breite ca. 150 - 200 m) noch durch mächtige Stromschnellen geprägt, die es in Mitteleuropa in dieser Dimension kaum gibt.

Russische Paddler haben auf dem Felsen am „Mündungsspitz“ beider Flüsse einen skurrilen Lagerplatz gebaut. Sitzbänke, Tisch, sogar ein „WC mit Klobrille“ und ein Sichtfenster auf den grandiosen Ausblick auf den Fluss ist vorhanden – mit russischem Improvisationstalent aus Holz gebastelt, mitten in der Wildnis. Besonders interessant ist auch ein „Tourenbuch“, das in einem Holzkasten deponiert ist: Den Khaa Khem kommen pro Jahr etwa 10 Gruppen herunter, den Kyzyl Khem nur einzelne, und den Belin Gol nur alle paar Jahre eine Gruppe. Interessant ist auch, dass außer Russen und Ukrainern keine weiteren Nationen vertreten sind – wir dürften so ziemlich die ersten Mitteleuropäer hier sein.

Beliebter Lagerplatz an der Khaa Khem – Mündung
Improvisierter „Aussichtspunkt“

Der Standort nach der Khaa Khem-Mündung würde investitionskräftigen Energieversorgern wie ein feuchter Traum erscheinen. Mehr als 300 Kubikmeter pro Sekunde Mittelwasser bei 245 m Fallhöhe, so die energiewirtschaftlich ohne einen einzigen Kilometer Seitendamm erschließbaren Kennwerte bei Einstau der Schluchtstrecke. Mit Ausnahme von Herrgott und ein paar Maralhirschen keine betroffene Partei. Aufgestaut, könnten von hier aus weit mehr als alle vielleicht 100.000 tuwinischen Haushalte mit sauberem, CO2 neutralem „Ökostrom“ aus Wasserkraft versorgt werden. Wer sich gegen ein derart sinnvolles „Öko-Projekt“ stellen würde, müsste schon ein notorischer Verhinderer oder gar ein Atomstrom-Fanatiker sein! Oder etwa nicht? Wieso sollte man in anderen Gebieten der Erde andere Maßstäbe anlegen als in der Heimat? Tatsächlich werden die oben genannten Argumente leider weltweit vorgebracht, um Naturparadiese und Lebensraum für Tier und Mensch aus meist vorwiegend rein wirtschaftlichem Interesse für immer zu vernichten.

Harald am Boot
Selbstauslöster-Foto des Outside im Kleinen Jenissei

Erste Menschen

Nach 15 Tagen auf dem Fluss ohne andere Leute wahrzunehmen treffen wir erstmals auf Menschenseelen. Es sind so genannte „Altgläubige“, die sich wegen religiöser Verfolgung im zaristischen Russland in das vom Rest der Welt abgeschnittene Tal am Kleinen Jenissei zurückgezogen haben. Diese altorthodoxen Russen leben nach alt hergebrachten Sitten und Gebräuchen. Sie lehnen moderne technische Fortschritte weitgehend ab. Wir fühlen uns um ein Jahrhundert zurück versetzt, als wir die Altgläubigen beim Ausgraben ihrer Kartoffeln noch jetzt im September beobachten – kurz bevor der Boden gefriert. Mit frisch gebackenem Brot und heurigen Kartoffeln, die diese asketisch lebenden Menschen bereitwillig mit uns teilen, können wir unseren Proviant und die bereits karge, tägliche „Fischmahlzeit“ auffetten. Diese fischend zu besorgen fällt immer schwerer, sobald wir in besiedeltes Gebiet kommen. Größere Fische sind fast überhaupt nicht mehr anzutreffen, und weiter stromab der Gehöfte der Altgläubigen im Bereich der ersten tuwinischen Dörfer können wir mit Ausnahme von ein- und zweisömmrigen Äschen überhaupt keine Fische mehr fangen.

Harald mit ebenfalls bärtigem „Altgläubigen“
Vom Ufer mit „Schiffchen“ fischende, ältere Dame

Woran dies liegt, ist unschwer zu erkennen. Auf jeder zweiten Schotterbank stehen Tuwnier beim Fischen, wir können deren mongolische Gesichtszüge gut erkennen. Die autonome Republik Tuwa (ca. 305.000 Einwohner auf mehr als der doppelten Fläche Österreichs) gehört zu den ärmsten Gebieten der Russischen Föderation, die offizielle Angabe von etwa 20% Arbeitslosigkeit unterschätzt das wahre Ausmaß wohl deutlich. Jung und alt, Männer und Frauen, ob früh morgens oder spät am Abend, am Ufer oder auf Inseln – überall und ständig beobachten wir Menschen, die verschiedenste Methoden anwenden, um damit auch noch so kleine Fische zu erbeuten. Doch wer möchte diesen bitterarmen Menschen verleiden, derartige Mittel zum Nahrungserwerb anzuwenden? 

Steppenlandschaft im verzweigten Unterlauf

In der Steppe

Die Landschaft am Unterlauf erinnert stark an die angrenzende Mongolei. Jenseits der Uferanbrüche und eines schmal entwickelten Auwaldes erstrecken sich weite Steppen, unbewachsene, trockene Hügel treten immer weiter in den Hintergrund. Das Gewässer ist durch meist einen oder zwei breite Hauptarme und eine Vielzahl oft mit Gehölzen bestandener Flussinseln gekennzeichnet. Wir legen Tagesetappen um die 50 km zurück, um die gesamte Strecke bis zur Vereinigung mit dem Großen Jenissei zeitgerecht zu bewältigen. Dort beginnt der eigentliche Jenissei, der bereits ein jährliches Mittelwasser von etwa 1010 Kubikmeter pro Sekunde führt, womit sich der Vergleich mit der Mündung der Enns in die Donau aufdrängt.

Am Ende der Tour in Kyzyl

Als wir schließlich am 18. September unser Ziel, die Hauptstadt Kyzyl erreichen, streckt Väterchen Frost hier auf 600 m Seehöhe seine eisigen Finger zum zweiten Mal nach uns aus. Ein schneidend kalter Gegenwind wirbelt uns erneut Schneeflocken ins Gesicht. In drei Wochen auf dem „Grabner Outside“ haben wir es geschafft, eine enorme Strecke über viele Vegetationsstufen, Landschaftsformen und Flusstypen zu überwinden. Wir konnten dabei quasi eine Zeitreise zurück in ein ursprüngliches Flusssystem ähnlich unserer Heimat erleben. Bevor wir diese wieder sehen, gilt es noch im PKW 450 km auf der gut ausgebauten Straße zum Flughafen in Abakan (Hauptstatt der Autonomen Republik Khakassien) zurücklegen.

Clemens Ratschan

Gewidmet in aufrichtiger Bewunderung jenen russischen Pionieren, die mit Schlauchkatamaranen diese und noch deutlich schwierigere Wildwassertouren im Sayangebirge marschierend (also ohne Pferde) erreichten und ohne moderne Sicherheitsreserven erstmals befuhren.

=> Bildergalerie