Zwischen Fjell, Wäldern und Seen

Text: Reinhold Müller

Fotos: Reinhold Müller

Reiseziel: Norwegen / Schweden 

Boote: GRABNER Outside


Ein kühler Westwind streicht vom See über das Ufer, läuft über das Schilf, und wiegt das Heidekraut; Wellen brechen sich an rundgeschliffenen Uferfelsen, das Plätschern verhallt in der Ferne. Als die Nacht hereinbricht, erbleicht das blaue Wasser des Sees allmählich zu leuchtendem Weiß; der Wald am anderen Ufer erhält weiche Umrisse. Unser Lager liegt am Isteren-See in der Femundsmarka, der südlichsten Wildmark Norwegens.
 
Zwei Tage zuvor erreichten wir über den Öresund, von Kopenhagen nach Malmö, schwedischen Boden. Entlang der Küste rollte unser Konvoi – Galloper und Toyota Landcruiser mit Anhänger Tundra - nach Norden.

Kurvenreich winden sich schmale Sträßchen entlang der norwegisch-schwedischen Grenze durch eine malerische Hügellandschaft. Am Wegesrand kleine Seeaugen mit feuchten Ufern in denen das Wollgras wächst. Die Blätter der Birken säuseln im Wind und über alledem liegt der klare Duft des Nordens. Eine Landschaft die vom Klischee norwegischer Natur abweicht, die nichts von den spektakulären Fjorden, Wasserfällen, Hochplateaus und Gletschern ahnen lässt, und dennoch übt sie einen ganz eigenen Reiz aus. Am Ufer der Glomma, mit 600 km der längste Fluss Norwegens, finden wir am frühen Abend, nahe der Ortschaft Rena, einen abgelegenen Übernachtungsplatz.

Als wir anderntags aufbrechen, scheint die Sonne, einige Wolken treiben am Himmel. Gemächlich lassen wir die Fahrzeuge einem Weg aus Naturbelag folgen. Durch eine hübsche Landschaft führt die Fahrt, zunächst Nadelwälder und Weiden, dann vereinzelt Häuser und Höfe - Getreidefelder. An malerischen Seen vorbei, windet sich die Wegspur in die Berge, begleitet vom Violett der Weidenröschen und dem intensiven Gelb der Sommerflora. Über die Orte Elvseter und Galten erreichen wir irgendwann, am Fuße des 1079 Meter hohen Borfiellet, den Isteren-See (645 m). Am Westufer des Isteren verläuft die Nr. 26 nach Norden, nach Röros, wo 1977 die letzte Kupfermine in diesem Gebiet stillgelegt wurde. Nahezu 350 Jahre Bergbautradition fanden damit ihr Ende. Als einzige Stadt Norwegens wurde Röros von der UNESCO vollständig unter Denkmalschutz gestellt und als Weltkulturerbe ausgewiesen.

 Unser Lagerplatz liegt in einer Bucht am Südende des Isteren-Sees mit  herrlichem Blick auf die Höhen des Borfiellet. Zwischen ausgewachsenen Felsblöcken zieht sich ein kleiner Kiesstrand am Ufer. Als die Sonne untergeht, und die Stechmücken aufziehen wird ein Feuer angeschürt – wir erleben einen traumhaft ruhigen Abend am Ufer des Isteren.
Am nächsten Morgen lässt eine geschlossene Wolkendecke der Sonne keine Chance. Aus Nordosten weht ein strammer Wind, vor unserer Bucht türmen sich beachtliche Wellen. Als zwei Stunden später der Wind einschläft und sich am Himmel erste blaue Stellen zeigen, machen wir die Boote startklar. Nach 20 Minuten paddeln wird das Westufer einer Insel erreicht. Vor uns, ein kleiner Naturhafen mit einer karibisch anmutenden weißen Sandbank und einen etwas erhöhten Grassockel – geradezu ideal zum Anlegen der Boote. Die Insel ragt etwa einen Meter aus dem See und ist vollständig mit Kiefern bestanden. Ein weicher Teppich aus Moosen, Flechten und Heidekraut lässt uns knöcheltief einsinken. Ich bin erstaunt, als Hannah (7), eigentlich unsere "Madame bequem", alleine auf Erkundung geht. Kaum sind die Boote gesichert, die wasserdichten Kunststofftonnen auf die Böschung gewuchtet, kommt Hannah bereits zurück. Verschmitzt schaut sie mich mit ihren Kulleraugen an: "Reinhold, das muss die Insel vom Käpt'n Blaubär sein". "Wieso, Hannah" frage ich sie. "Auf der Insel wachsen überall Blaubeeren (Heidelbeeren)". Klar, dass sich die komplette Mannschaft auf die Suche macht, um unser Abendessen mit diesen schmackhaften Beeren zu ergänzen. Am späten Nachmittag erreichen wir mit den Booten wieder unsere Fahrzeuge am Ufer. Ein wolkenloser Himmel überspannt die Femundsmarka von Horizont zu Horizont, es ist angenehm warm. Je nördlicher der Breitengrad, umso heller werden die sommerlichen Nächte. Hier in der Femundsmarka bricht die Dämmerung, Anfang August, erst gegen 22 Uhr herein.


Es ist 6.30 Uhr, das Außenthermometer zeigt 3°C als ich den Vorhang im Galloper beiseite schiebe. Mein Blick schweift hinüber zum felsigen Gebirgsstock Sölen (1755 m), der bereits in das unwirklich scheinende Licht der Morgensonne getaucht ist. Dunstschwaden liegen wie weiße Wattepolster auf dem See – Nebelgespenster die sich von Minute zu Minute verändern. Zwei Stunden später hat sich auch der Rest der Crew aus den Schlafsäcken gerollt. Wir lassen es langsam angehen, das Frühstück zieht sich lang hin. Mit den Drahteseln brechen wir auf - in Richtung Femund-See. Nach 10 Kilometern treffen wir bei Femundsenden auf die Südspitze des Sees.

In dieser fast menschenleeren Region befindet sich das südlichste Samen-Reservat Norwegens. Nahe Elga, am Ostufer des Femundsees, versorgen inzwischen sesshaft gewordene Ureinwohner noch 3000 halbwilde Rentiere. Einige Kilometer weiter rasten wir am Ufer, genießen den Panoramablick über den tintenblauen See hinüber zum jenseitigen Ufer, wo sich die endlos scheinenden Wälder der Femundsmarka am Horizont verlieren.

Nahe der schwedischen Grenze liegt die Gemeinde Drevsjö mit dem sehenswerten Freilichtmuseum "Blokkodden Villmarksmuseum". Es vermittelt einen Einblick in Wohnweise, Arbeit und Lebensform der Menschen dieser Region seit der ersten Ansiedlung im 17. Jahrhundert bis zum heutigen Tage. Auf einer mit Kiefern bestandenen Landzunge, die in den Drevsjömoen (Drevsjö See) reicht, wurde das Freilichtmuseum weiträumig angelegt. Es hält Geschichte und Tradition der hier lebenden Menschen lebendig. Die Samen (Lappen), mit ihren Rentierherden, waren die Ersten die in diesem Gebiet das ganze Jahr über gelebt haben (seit dem 17. Jahrhundert), erst später wurde von Bauern dieser Landstrich zur Almwirtschaft, Jagen, Fischen und zur Erzgewinnung genutzt.

Am Ostufer des Femund liegt sieben Kilometer nördlich von Femundsenden, nahe der Siedlung Sorken, das F.C.C. Femund Canoe Camp, hier kann man zelten oder eine einfache Hütte mieten. Hier erhält der Kanute wichtige Revier-Informationen und das benötigte Kartenmaterial. Für den, der wie wir, nach Elga weiterfahren will, endet nach einigen Kilometern der Asphalt. Auf einem Naturbelagsträßchen holpert unser Konvoi durch die Abgeschiedenheit wilder Natur. Immer wieder überqueren Rentiere die Wegspur oder äsen am Straßenrand. Dann wieder sumpfige Stellen, Morast, Seggen, Wollgras und Schilf. Als farbiger Kontrast leuchten die violett blühenden Weidenröschen auf offenen Flächen. Durch lichten Kiefernwald, vorbei an kleinen Seen folgen wir einem Abzweig mit dem Hinweisschild "Gutulia". Die Piste verläuft nach Osten und endet bei einer Abstellmöglichkeit für die Fahrzeuge am Ufer des Gutulisjön. Von hier geht's nur noch auf Schusters Rappen weiter. In östlicher Richtung wird nach etwas mehr als drei Kilometern die Sennerei Gutuivollen erreicht, die einzige Hütte im Bereich des Gutulia Nationalparks. Der Gutulia Nationalpark ist mit 19 qkm einer der kleinsten norwegischen Nationalparks. Bereits 1916 wurde das Gebiet um den Gutulivola (948 m) als Schutzgebiet ausgewiesen und 1968 als Nationalpark anerkannt, völlig weglos muss sich der Besucher durch das Gelände schlagen. Die Wälder im Park haben Urwaldcharakter, unter den Fichten und Kiefern soll es bis zu 400 Jahre alte Bäume geben.

Bei Röstvollen treffen wir auf die RV 221. An der südlichen Grenze des Femundsmarka Nationalpark erhebt sich der Elgahogna, mit 1459 m der höchste Berg weit und breit. Wildnis in ihrer ganzen rauen Schönheit. Auf den Stahlrössern radeln wir nach Elga am Ostufer des Femund-Sees. Zunächst steigt die Straße gemächlich an, doch auf den letzten Kilometern geht es flott bergab. Das Versorgungszentrum der Ortschaft liegt links neben der Straße und besteht aus einer Tankstelle und einer Einkaufsmöglichkeit. Elga liegt nicht nur wunderschön am Ufer des Femund, sondern es ist auch die beste Adresse um von Land aus den Femundsmarka Nationalpark zu erkunden; doch eine Straße die bis zur Parkgrenze führt gibt es nicht. Weiter im Norden steht eine Hütte für Selbstversorger, Rovollen, ansonsten sind für einen Wildnistrip Wanderstiefel und Zelt ein "Muss".

Der Abend am Ufer des Isteren beginnt ruhig, das Lagerfeuer flackert. Begleitet von einem gespenstisch wirkenden Wetterleuchten schieben sich ganz allmählich Wolken über die Landschaft. Gegen 22 Uhr drohen Donner und Blitze mit Ungemach, doch gottlob ziehen sie weiter südlich ab. Der nächste Morgen begrüßt uns stürmisch. Wir sind verwöhnt von dem sonnigen Wetter der vergangenen Tage und bleiben noch ein wenig im Camper, um Petrus eine Chance zu geben. Anscheinend ist er auf Konfrontation aus und bleibt auf seinem Standpunkt. Gegen Mittag ist die Ausrüstung in den Fahrzeugen verstaut – wir brechen auf.

Aus dem abfließenden Wasser einiger Seen im Femundgebiet entsteht der Femundselva, der zu den schönsten Wildwanderflüssen Skandinaviens zählt. Je nach Region, wechselt der Fluss dreimal seinen Namen; in der Komune Engertal heißt er Femundselva, weiter südlich, in Trysil, wird er Trysilelven genannt und in Schweden kennt man ihn als Klarälven, berühmt durch seine Flößertradition.

 Uns ist nicht nach Flößen; Helmut und ich schieben den Schlauchkanadier Outside unterhalb der rasanten Stromschnelle an der Brücke von Elvbrua in das glasklare Wasser des Trysilelven. Der Fluss führt gutes Mittelwasser, wir kommen flott voran. Im Westen hat sich die Sonne ein Loch in die düsteren Wolkenberge gebrannt. Romantisch ergießt sich ein sanftes Licht über die Landschaft und lässt das wogende Wasser wie flüssiges Gold erscheinen. Doch die Sonne zeigt sich nur kurz. Auf den ersten Kilometern erwarten uns drei, mehrere hundert Meter lange Schwallstrecken, gespickt mit Kenterfallen, in Form von herausragenden oder nur knapp überspülten Felsen. Hier wird eine sichere Bootsführung verlangt, zumal wuchtige Wellen und fiese Walzen auf uns warten. In der Ferne grollt Donner, eine Regenfront lässt die Berge in einem milchigen Grau verschwinden. Immer wieder wechseln ruhigere Stellen mit Schwallstrecken. Wir genießen die Fahrt mit dem Boot durch eine naturbelassene Wildnisstrecke in der Kiefernwald und Rentierflechte am auffälligsten sind. Nach drei Stunden Kanu-Genuss erreichen wir unseren Lagerplatz. Wenig später holt uns der Regen ein, dräuende Wolken hängen tief über den Wäldern, Nebel steigt auf - wir ziehen uns in den Camper zurück.


Als auch am nächsten Morgen der Regen nicht nachlässt, lassen wir unsere Fahrzeuge auf einem urigen Waldweg flussabwärts rumpeln. Bei Engerneset treffen wir wieder auf Asphalt, auf gut ausgebauter Straße wird Trysil erreicht. Im Winter gehört die Umgebung um Trysil zu den größten Skizentren in Norwegen, sowohl Alpinisten als auch Skilangläufer finden hier ideale Bedingungen. Das Trysilgebirge kann daher durchaus konkurrieren mit den verbauten Alpenregionen. Die Stadt ist  Versorgungsstützpunkt der ganzen Umgebung mit Tankstelle, Supermarkt, Restaurants, Banken und allerlei Geschäften in denen Ausrüstung für Outdoor-Aktivitäten angeboten wird. Trysil ist die letzte Stadt entlang der Nr. 26 vor der schwedischen Grenze - Grund genug unsere Restbestände an norwegischen Kronen gegen Vorräte und Diesel zu tauschen.   

Irgendwann erkenne ich neben der Straße ein Hinweisschild "Värmlands Län" - die Grenze zu Schweden wird passiert.

Wer offenen Auges durch Värmland fährt, wird schnell bemerken, dass auch in dieser abgelegenen, wild wirkenden Landschaft der Mensch dominant ist und unübersehbar Natur verbraucht. Hässliche Löcher in den Wäldern und Sägewerke in den Tälern künden davon. Dennoch beginnt im wenig besiedelten Grenzgebiet von Norwegen und Schweden, neben der Straße die Wildnis durch die sich allenfalls Holzabfuhrwege winden. Auf einer Länge von fünf Kilometern zieht sich Sysslebäck entlang des Klarälven; wir mieten uns auf dem Campingplatz ein. Die Wolken verziehen sich und als die Dunkelheit hereinbricht wölbt sich über uns ein makelloser Sternenhimmel.

Tags darauf radeln wir auf der Nr. 62 flussabwärts. Nach fünf Kilometern lockt uns, bereits vor dem Ort Ransby, ein Hinweisschild (Jakt- och Fiskemuseet, Kulturkroppa, Pilgrimstapeten) zum nahen Jagdmuseum. Hier kann man sich über alle Tiere der Finnenwälder informieren. Unter anderem ist dort auch auf einer Karte festgehalten, wo Bären beobachtet wurden. Im Nachbarhaus ist eine riesige Handarbeit, ein Wandteppich (Pilgrimstapeten), zu besichtigen, der an die Zeit der Pilger durch das Klarälvtal erinnert.
Der Pilgerpfad (Pilgrimsleden) geht auf den norwegischen König Olav II zurück. Mit "Gewalt, Feuer und Schwert" setzte er die von seinem Vorgänger begonnene Christianisierung fort. In der Schlacht von Stikklestad (1030) fiel er. Olav wurde heilig gesprochen und galt von nun an als der ewige norwegische König. Etwa 500 Jahre lang wallfahrten gläubige Pilger zu seinem Grab nach Trondheim. Einer der meistbegangenen Wege dorthin führt durch das Klarälvtal. 1544 stoppte der Lutheraner Gustav Vasa den Verkehr mit einem Machtwort. In den Kirchen am Wege erinnern viele kostbare Kunstschätze eindrucksvoll an die Zeiten, als die Pilgerströme jeden Sommer das Tal bevölkerten.

Schon um 1300 waren die landwirtschaftlich leichter nutzbaren Gebiete im Glomma- und Klarälvtal und an den Frykenseen besiedelt.

Värmland lag damals zwischen den drei großen skandinavischen Reichen: Im Westen Norwegen, im Süden Götaland und im Osten Svealand. Diese Lage führte dazu, dass Värmland zwischen 900 und 1389 ständiger Zankapfel zwischen den Nachbarn war. Die Värmländer entwickelten dabei eine Selbsthilfetechnik: Sie einigten sich mit der Gegenseite und ließen so manchen der königlich beschlossenen Kriege einfach ausfallen. Auch heute gibt es im Grenzgebiet noch viele menschliche und wirtschaftliche Verknüpfungen, so dass man fast sagen kann: Norwegens Grenze liegt am Klarälven, die schwedische an der Glomma.

Die Besucher dieser Gegend finden eigentlich nur noch Erinnerungen  an zwei Episoden aus der Geschichte dieses Landes. Sie stammen aus der Zeit der Pilgerzüge und der Finneneinwanderung.


Uns lockt eine Bootstour auf dem Klarälven. Nahe Sysslebäck werden die Boote an einer geeigneten Stelle eingesetzt. Hat der Fluss oberhalb von Sysslebäck streckenweise Wildwassercharakter, von hier an fließt er träge, etwa drei Kilometer in der Stunde, nach Süden. Bis 1991 beeindruckte den Besucher die Masse an Baumstämmen die den Klarälven hinunter geflößt wurden am nachhaltigsten. Seitdem wurde der Holztransport auf LKW-Räder und Schienen verlegt. Heute werden auf dem Fluss Floßfahrten für Urlauber angeboten. Im Floß nach Hausmacherart kann man Huckeberry Finn wiederauferstehen und sich Tage oder Wochen auf dem Klarälven hinab treiben lassen. Wir nehmen die Paddel in die Hand und bestimmen das Tempo selbst. Aufkommender Regen lässt uns den Druck auf die Blätter der Stechpaddel erhöhen. Für kurze Zeit bricht die Sonne durch, schöne Sandbänke am Ufer laden zur Rast ein. Wir genießen die Ruhe, Philip wirft die Angel aus. Erneut setzt Regen ein und zwingt zur Weiterfahrt.

Das schwedisch – norwegische Grenzgebiet ist in dieser Region altes finnisches Siedlungsgebiet und heißt daher bis heute „finnskogarna“, die Finnenwälder. Seit dem 12. Jahrhundert bildeten die heutigen Staaten Schweden und Finnland ein gemeinsames Reich. Trotz der unterschiedlichen Sprache verbanden aber gemeinsame Interessen und Geschichte die Länder. Von 1570 bis 1595 herrschten zwischen Finnland und Russland fast ununterbrochen Grenzkriege. Das Land verödete und verarmte völlig, viele Familien sahen nur im Auswandern eine Überlebenschance. Als Mitte des 16. Jahrhunderts in Schweden die Verhüttung von Eisen und Kupfer richtig in Gang kam, gab es nicht genug Arbeiter für die Gruben und Hütten. "Gastarbeiter" aus Finnland wurden als besonders fleißig geschätzt. Viele der eingewanderten Finnen zog es in den waldreichen Westen des Landes.

Später führten die unterschiedliche Lebensweise und das Problem der verschiedenen Sprachen zwischen Schweden und Finnen zu Spannungen. Im 18. Jahrhundert gaben viele Finnenfamilien auf und wanderten nach Amerika aus. Nach und nach wurden die Finnenhöfe und ganze Orte aufgegeben.

Eine wahnsinnig schöne Piste führt entlang der norwegischen Grenze. Kurvenreich zieht sich der Weg durch tiefe Wälder, vorbei an Seen und Mooren – eine Strecke, die man nicht so schnell vergisst. Siedlungen wie Letafors, Kindsjön, Bjurberget, Flatasen, Metbäcken und Lekvattnet werden passiert. Im Abseits liegen alte Finnenhöfe, die nur auf Schusters Rappen erreicht werden können.

Wir kennen die Route von einer früheren Reise und folgen der gut ausgebauten Nr. 62 in südlicher Richtung.

Arvika ist der Zentralort Westvärmlands und idealer Ausgangspunkt um die hügelige Wald- und Seenlandschaft in dieser Gegend zu erkunden. Auf schmalen Teer- und holprigen Schottersträßchen zockeln wir durch eine malerische Wald- und Seenlandschaft; am Wegesrand leuchten die Sommerblumen in blauen, roten und weißen Farben.
Lenungshammar liegt wunderschön im Zentrum des Naturreservats Glaskogen zwischen den beiden größten Seen, Övre Gla und Stora Gla. Wild campen ist im Naturreservat verboten, jedoch sind im Waldgebiet um Lenungshammar von „Glaskogens Camping“ Lagerplätze ausgewiesen. Ein ideales Basislager für uns, um diese vielgliedrige Landschaft zu erkunden.


Am nächsten Morgen ist es sonnig aber kühl. Die Hälse nach oben gereckt, sonnt sich eine Familie von Kanadagänsen am Ufer. Als sie mich entdecken, watscheln sie hurtig ins Wasser und schwimmen hinüber zu ungestörten Regionen des Sees.
Nach dem Frühstück machen Helmut und Phil das Outside für eine Gepäcktour auf dem Övre Gla startklar. Zelt, Schlafsäcke und Proviant werden zum Ufer geschleppt und sorgfältig im Boot verstaut. Die beiden wollen den mehr als 8 Kilometer langen See umrunden und auf einer geeigneten Insel biwakieren. Am frühen Nachmittag brechen sie mit dem vollgeladenen Boot auf. Die Sonne scheint, einige schneeweiße Schönwetterwolken ziehen über Glaskogen – ideale Bedingungen für das Gelingen einer Bootstour.

Schon von weitem sehen wir am Tag darauf wie das Outside Kurs auf unsere Bucht nimmt – gleichmäßig blitzen die Paddelblätter in der Morgensonne. Mit glänzenden Augen erzählt Philip von dieser Vater-Sohn-Bootstour auf dem Övre Gla und der Nacht im Zelt auf „seiner“ Robinson-Insel.

Das Naturreservat Glaskogen ist nicht nur ein Dorado für Kanuten, auch passionierte Wanderer finden hier ein ideales Revier. Entlang der Seen, durch tiefe Wälder und über Wiesenhügel führen auf einer Länge von 300 Kilometern Wanderwege, die den Naturfreund begeistern. Wir brechen von Lenungshammar,  zu einer Wanderung auf. Es eröffnen sich herrliche Natureindrücke. Waldboden und Felsen sind mit Moosen und Flechten überzogen. Auf einer Lichtung breiten sich die Reste einer längst verfallenen Siedlung aus, die Grundmauern sind von Vegetation überwuchert, Brombeersträucher haben sich breitgemacht. Ein lautes Knacken stört die Stille, eine Elchkuh mit Kalb brechen durch das Unterholz und lassen sich frisches Grünzeug munden. An den Stamm einer Kiefer gelehnt verharre ich lautlos und beobachte die Elche beim Äsen.
Unten, am Stora Gla rollen die Wellen sanft aufs Ufer, Spitzlichter tanzen auf der Wasseroberfläche. Als Schattenriss zieht ein Kanu hinaus auf den See.


Reinhold Müller
Gartenstraße 5
97782 Gräfendorf

Tel.: 0171/8779380
E-Mail: reinhold.e.mueller(a)t-online.de

INFO Norwegen/Schweden

Anreise:
Seit die Brücke von Dänemark über den Öresund nach Malmö fertiggestellt ist, lässt sich Schweden auch ohne Fähre erreichen. Mit der Fähre: Auf der Vogelfluglinie (zwei Fährpassagen) Puttgarten (Insel Fehmarn) - Rödby (1 Std.) und Helsingör - Helsingborg (20 Min.), Travemünde - Trelleborg (ca. 8 Std.), Rostock - Trelleborg (ca. 5 Std., Schnellfähre 2 Std. 45 Min.), Kiel - Göteborg (12 - 14 Std.). Über Dänemark: Fredrikshavn/Jütland - Göteborg (ca. 3 1/2 Std., Schnellfähre 2 Std.)

Jedermannsrecht:
(schwedisch: Allemannsrätten) ist uraltes Recht, das jedem erlaubt, sich überall frei in der Natur zu bewegen. Allerdings ist das Jedermannsrecht mit Pflichten verbunden; z.B. ist ein Abstand von mindestens 150 m zum nächsten Haus einzuhalten. Geländefahrten mit dem Auto sind abseits befestigter Wege strikt untersagt. Grundregel: "Nicht stören oder zerstören".

Gutulia-Nationalpark:
Bereits 1916 wurde das Gebiet um den Gutulivola (948 m/ü.M.) Schutzzone und wurde von jeglicher weiteren Nutzung ausgenommen. 1968 wurde der Gutulia als Nationalpark anerkannt. Mit einer Fläche von 19 qkm liegt der Gutulia Nationalpark zwischen der südlichen Spitze des Femund-Sees und der schwedischen Grenze. Im Westen dominiert ein offener Kiefernwaldtyp, im Zentrum herrscht ein mit Hängebirke gemischter Fichtenwald vor. Der Nordosten wird von reichem Birkenbestand mit nur wenig Nadelbäumen geprägt. Die Wälder im Park haben Urwaldcharakter, unter den Fichten und Kiefern soll es hier bis zu 400 Jahre alte Bäume geben.
Von den 250 nachgewiesenen Gefäßpflanzen gehört die Orchidee Widerbart zu den schönsten und seltensten. Neben Rotfuchs und Dachs hat der Park einen guten Bestand an Elchen. Reichhaltig ist die Vogelwelt; neben Birk- und Auerhahn, leben der Unglückshäher, Bundspecht, Waldlaubsänger, Tannenmeise, Bergfink, Ringdrossel, Bruchwasserläufer und der Rauhfußkauz im Nationalpark.
Etwa auf halbem Weg zwischen Femundsenden und Elga biegt eine Schotterpiste (Hinweisschild  „Gutulia“) rechts ab und führt bis zum Parkplatz am Gutulisjoen. Von hier geht’s nur noch auf Schusters Rappen weiter. In östlicher Richtung wird, am See entlang, nach etwas mehr als drei Kilometern die Sennerei Gutulivollen erreicht. Im Park gibt es keine markierten Wanderwege, außer im eigenen Zelt, keine Übernachtungsmöglichkeiten.

Femundsmarka-Nationalpark
1971 wurden 390 qkm zwischen dem Femund-See und der schwedischen Grenze als Nationalpark ausgewiesen. Die höchsten Berge innerhalb der Parkgrenzen erheben sich im südlichen Teil (Store Svuku 1415 m, Grothogna 1401 m). Nach Norden hin flacht er wellig ab und ist dort reich an Seen. Durch die Tätigkeit von Gletschern hat er seine Oberflächenform erhalten. Der Süden wird von einer trostlosen Steinwüste geprägt. Ganz anders präsentiert sich der mittlere Teil mit lichten scheinbar endlosen Wäldern und einer Unzahl von kleinen Seen, Bächen und Flüssen. Nach Norden hin steigt das Gelände wieder an – es dominieren Seen und Moore. Die kahlen Hochflächen sind mit Flechten und Heidekraut bewachsen. In den gewässerreichen Gebieten breitet sich lichter Kiefernwald mit mehr oder weniger hohem Birkenanteil aus. Eine reichere Pflanzengemeinschaft wächst auf den feuchteren Standorten. Neben Hochstauden, wie Waldstorchschnabel und Alpen-Milchlattich ist auch das Gefleckte Knabenkraut, eine Orchideenart, zu finden; eine Besonderheit des Nationalparks ist die stark giftige Wolfsflechte. Von den Säugetieren leben u. a.  Elch, Rentier, Bieber und Moschusochse im Parkgebiet. Die Vogelwelt präsentiert sich z.B. mit Rauhfußbussart, Fischadler, Merlin, Kranich, Gänsesäger, Fluss- und Küstenseeschwalben, Grünschenkel, Dreizehenspecht, Auer- und Birkhahn, Alpenschneehuhn, Schneeammer, Goldregenpfeifer und verschiedenen Entenarten.
Es gibt keine Straßen im Park oder die bis an die Parkgrenze führen. Der Nationalpark muss auf Schusters Rappen oder mit dem Kanu erkundet werden. Neben der Selbstversorgerhütte Rovollen bleibt nur das Zelt, wenn man im Park übernachten will. Das Südende des Nationalparks erreicht man am besten von Elga (am Ufer des Femunden) aus. In den Nordteil gelangt man von Sorvika an der Nordspitze des Femunden via Schiff (Femund II) nach Rosanden an der Mündung des Roa in den Femunden. Von dort geht es zu Fuß oder mit dem Kanu weiter – 2 km bis zur Parkgrenze, ca. 4 km bis zur Hütte Rovollen.

Naturreservat  Glaskogen
Der Glaskogen liegt in Westvärmland und wurde auf einer Fläche von 28 000 ha am 28.10.1970 von der Provinzialregierung zum Naturreservat erklärt.
Große Teile des Glaskogen sind unbebaut. Die Landschaft wird von den Seen Stora Gla und Övre Gla geprägt und ist stark hügelig (Höhenunterschiede von mehr als 170 m).
Im Glaskogen gedeihen sowohl viele Arten von Farn, als auch andere kryptogame Pflanzen. Hier überschneiden sich die Verbreitungsgebiete  nördlicher und südlicher Arten, z.B. Zwergbirke und Lappenweide sind sonst nur in Nordschweden zu finden. Das Vogelleben ist typisch für den mittelschwedischen Nadelwald. Grasmücken, dreizehige Spechte, Rotdrosseln, Wintergoldhähnchen, Tannenhäher und Neuntöter fühlen sich hier wohl. Von den Raubvogelarten kommen einige Eulenarten, Hühnerhabichte, Mäuse- und Wespenbussarde vor. Kanadagänse, Rot- und Schwarzkehltaucher haben ihr Revier an mehreren Seen. Neben Elch, Hase, Fuchs, Reh, Dachs und Luchs lebt im Gebiet, seit einigen Jahren, eine Wolfsfamilie. 
Im Herzen von Glaskogen liegt Lenungshammar, ein Dorf mitten im Wald mit etwa 30 Einwohnern. Hier findet man einen WoMo- und Wildnis-Campingplatz, ideales Basislager für Outdoor-Aktivitäten zumal es im Naturreservat streng verboten ist, mit WoMo oder Caravan „wild“ zu Campen. Dem Campingplatz angegliedert sind ein Minigeschäft, Cafeteria, Kanu- und Fahrradverleih. Innerhalb des Parkgebietes liegen nahezu 80 Seen in einer wunderschönen, hügeligen Wald- und Seenlandschaft.

Boot:
Femundsmarka
Im Bereich der Femundsmarka bieten sich viele Seen zum Kanufahren geradezu an – von Halbtagestouren bis zu mehrere Tage lange Gepäcktouren. Der Femunden ist der drittgrößte Binnensee Norwegens, liegt auf einer Höhe von 662 m/ü.M., umfasst eine Fläche von 201 qkm und ist 67 km lang. Bei einer Befahrung mit dem Boot ist zu beachten, dass auf dem langgestreckten See, Nord- und Südwinde zu hohem Wellengang führen können – also in Ufernähe bleiben. Die Femundsmarka gehört zu den kältesten Regionen südlich des Polarkreises, deshalb ist der Femundsee auch im Hochsommer sehr kalt. Meist treiben noch Mitte Mai Eisschollen auf dem See. Der Femunden hat nur wenig Straßenanbindung (im Süden bei Femundsenden, am Ostufer bei Elga, bei Buvika im Westen und im Norden bei Sörvika), eine mehrtägige Gepäcktour führt durch nordische Wildnis. Campmöglichkeiten in Elga Femund Fjellstue  bei Sorken F.C.C. Femund Canoe Camp und bei Femundsenden der Campingplatz Femundtunet.
In unmittelbarer Nachbarschaft des Femunden liegt der 18 Kilometer lange Isteren See, der im Gegensatz zum Femund See im Sommer mit Badetemperatur aufwartet. Außerdem hübsche Inseln und Sand-/Kiesbuchten. Einsetzstellen an der Südspitze (Parkplatz am Isterfossen) und am Südostufer. Sehr schöner See.
Außerdem viele weitere lohnende Seen in der Femundsmarka.
Revier-Informationen und Kartenmaterial erhält man im Femund Canoe Camp F.C.C., Sorken, N-2443 Drevsjö, Tel.: 47 62 45 90 19 Fax: 47 62 45 92 39. Hier kann man zelten und auch die notwendige Ausrüstung für eine Bootstour leihen.
Zu empfehlen: Pollner Verlag, Kanutouren im Kanuland Femund von Gerd Kassel, 110 Seiten, 14,- €. Das Buch beschreibt Kanutouren auf den Seen der Femundsmarka und auf den Wildflüssen der Umgebung, u.a. 5 Tage Gepäcktour auf dem Trysilelven. Das Buch bietet die notwendige Planungs- und Orientierungshilfe, selbst für einen mehrwöchigen Aktivurlaub – nicht nur mit dem Boot.
Naturreservat Glaskogen
Kanuparadies im südlichen Värmland mit drei großen und vielen kleinen Seen. Wunderschöne, hügelige Wald- und Seenlandschaft südwestlich von Arvika, dem Versorgungsstützpunkt der Region.
Im Zentrum des Naturschutzgebietes liegt in dem 30 Seelen Dorf Lenungshammar Glaskogens Camping mit Zeltwiese und traumhaften Stellplätzen für WoMo’s im Wald und am Ufer des Övre Gla (geöffnet vom 01.05. bis 30.09.). Ideales Basislager für Boots-, Fahrrad- und Wandertouren im Reservat. Nebenan 2 Bootsverleiher (Kanadier, Kajaks und Ausrüstung). Hier erhält man auch eine großformatige Karte (1:50 000) des Naturreservats mit Tourenvorschlägen – Kanu- und Wander-Trails, Biwakplätzen. Deutschsprachiger Wanderführer mit 19 Routenvorschlägen. Im Parkgebiet sind 300 km Wanderwege markiert.
Adresse: Glaskogens Camping Lenungshammar, S-67020 Glava, Tel.: +46 (0) 570/44070, E-Mail: glaskogen(a)arvika.se