Mongolei

Auf dem Schlauchboot vom Fluss der Steine zur Mutter der Flüsse:

Ein Fliegenfischer - Abenteuer in der Mongolei.

Text + Fotos: Mag. Clemens Ratschan

Reiseziel: Mongolei, Flüsse Chuluut, Ider und Selenge

Boot: GRABNER Outside

 

Startpunkt Steppe

Endlich stehen Peter und ich am Ziel unserer Reise: Dem Oberlauf des Chuluut Gol, einem wilden Gebirgsfluss in der nördlichen Mongolei. Gravierend sind die Unsicherheiten im Vorfeld unserer Reise gewesen: Würde der Antransport der gesamten Ausrüstung reibungslos klappen? Würde die Wasserführung passen und eine Befahrung möglich sein?

Groß darum die Erleichterung, als wir den ersten Blick auf den Fluss werfen können: Er präsentiert sich mit erhöhtem Wasserstand, sodass die Bewältigung der langen Strecke mit dem Schlauchboot wie geplant zu schaffen sein sollte. Andererseits ist das Wasser nur gering angetrübt, sodass wir uns zuversichtlich auf drei Wochen herrliches Fliegenfischen freuen.

 

 

Die Anreise ..

ist einerseits eine Strapaz gewesen: Flug über Moskau nach Ulaanbataar, der Hauptstadt der Mongolei. Zwei ganze Tage in einem schlecht gefederten, aber "unkaputtbaren" russischen Uaz-Geländewagen durch die Steppe. Auf Strassen, die im schlechten Fall als rumplige Schotterpisten, im guten Fall als weniger rumpelige Wiesenwege zu bezeichnen sind.

Andererseits hat uns die lange Anfahrt schon gut auf die faszinierende, weite Landschaft der Mongolei und ihre urtümlich lebende Bevölkerung eingestimmt. Steppe, Hügel, Steppe, Hügel, Steppe, Hügel - soweit das Auge (und hoffentlich der Benzintank) reicht.

 

 

Für verrückt ..

haben uns die Mongolen einhellig erklärt: Auf einem Schlauchboot durch einen der wildesten Flüsse der Mongolei? Die Menschen hier lernen bereits mit 3 bis 4 Jahren Reiten, viele jedoch nie Schwimmen, sodass eine Befahrung eines Wildwasserflusses für sie dem blanken Selbstmord gleicht.

Auch unser Fahrer kanns nicht fassen und wartet extra einen ganzen Tag am Oberlauf, um uns beim Rudern zuschauen zu können. Nun beginnt das Abenteuer, zu versuchen, was wohl kein Fliegenfischer vor uns gemacht hat: Die Befahrung des Chuluut Gol auf der gesamten Länge vom Zusammenfluss mit dem Suman Gol bis weit in die Selenge, den großen Zufluss des Baikalsees.

Schwierig war es, Informationen zu bekommen, sodass wir mit allergrößter Vorsicht ans Werk gehen. Weite Strecken des Flusses sind nicht mit Geländefahrzeugen erreichbar. Lediglich eine Bootsbefahrung durch ein russisch-mongolisches Kartographenteam im Jahr 1984 war uns zu Ohren gekommen, sodass wir wissen: Es ist möglich - wir können es versuchen! Die tiefe Schlucht vor uns steckt voller Geheimnisse ..

 

 

Der Fluss ..

schlängelt sich in riesigen Mäandern durch die wilde Landschaft des Khangaj-Gebirges. Hinter jeder Windung ändern sich die urtümliche Landschaft und der Charakter des Flusses. Oft fahren wir eine Stunde, legen dabei aber nur einen Kilometer Luftlinie zurück, weil er sich wieder zurück windet.

Der Fluss macht seinem Namen alle Ehre: Chuluut Gol bedeutet auf mongolisch "Fluss der Steine". Und die liegen in Form riesiger Felsblöcke dicht an dicht - oft fast nahtlos und über viele Kilometer!

 

 

Unser Outside ..

kann hier seine Stärken voll ausspielen: Auf Grund der Schlankheit und der Wendigkeit des Schlauchkanadiers können wir elegant in den schmalen Gassen zwischen den Blöcken durchmanövrieren. Nicht auszudenken, welche Schwierigkeiten wir hier mit einem größeren Boot oder gar einem Raft gehabt hätten. Oder bei einer zu der Jahreszeit üblichen Niedrigwasserführung.

Was uns erstaunt und begeistert: Trotz der vieler Kontakte mit teilweise spitzem Vulkangestein, dem dauernden Streifen über die vielen Blöcke und Temperaturdifferenzen von unter Null Grad in der Nacht und weit über 30 Grad in der Sonne müssen wir das Boot während der gesamten Fahrt nie nachpumpen!

 

 

Die Fische

Neben dem Boot fahren ist das Fliegenfischen die Hauptmotivation für unsere Reise. Die unberührten Flüsse in der Mongolei bieten Lebensraum für gigantische Fischbestände, wie sie in Mitteleuropa leider schon sehr selten geworden sind. Im Chuluut kommen Arten vor, die den heimischen Fischen der Äschenregion ähneln: Lenok (oder sibirische Forelle), Arktische Äsche, sowie an der Spitze der Nahrungskette der Taimen, ein enger Verwandter unseres vom Aussterben bedrohten Huchen oder Donaulachs.

Schier unglaublich die Zahl dieser großwüchsigen Raubfische, vor allem im Oberlauf: In vielen Kolken können wir drei, vier, ja sogar 5 Taimen sichten, die ungezählten in der Tiefe können wir nur erahnen. Einfach gestaltet sich die Fischerei dennoch nicht: Jeder Fang muss hart erarbeitet werden. Der Fluss ist groß, führt leichtes Hochwasser und gute Einstände sind derart häufig, dass das gezielte Anwerfen dieser beeindruckenden Räuber zum Glücksspiel wird. Doch die spannende Fischerei und die Schönheit der Fische entschädigen uns für viele erfolglose Stunden.

 

 

Er kam aus der Tiefe

Wie schon so oft zuvor legen wir beim Einlauf eines viel versprechenden Kolkes an. Gering sind unsere Hoffnungen auf einen Fang, Gewitter im Oberlauf haben den Fluss anschwellen und trüben lassen. Trotzdem startet Peter einen Versuch mit der Imitation einer schwimmenden Maus aus Hirschhaar, die uns schon einen schönen Taimen gebracht hat.

Erster Wurf in die Furt: Nichts. Zweiter Wurf: Nichts. Dritter Wurf (Peter lässt die Maus weiter in den Kolk treiben) - da öffnet sich an der Wasseroberfläche ein "Scheunentor" und das Mauserl verschwindet. Was war das? Nach einer Schrecksekunde begreift Peter: Ein kapitaler Taimen ist auf den Schwindel hereingefallen und hat den "Braten" inhaliert! Es beginnt ein Kampf auf Biegen und Brechen - nach bangen Minuten gibt sich der Huchen geschlagen: Er misst 1,30 Meter und wiegt etwa 25 kg!

Ergriffen bewundern wir den Fisch, beglückwünschen einander und lassen das eindrucksvolle "Urviech" nach einem Foto wieder in die Tiefe zurück gleiten.

 

 

Die Mutter der Flüsse

Nach etwa 250 Flusskilometern auf dem "Fluss der Steine" vereinigt sich der Chuluut schließlich mit dem Ider und dem Delger Muren Gol, und wir erreichen den Fluss, den die Mongolen "Mutter Selenge" nennen. Dieser größte Fluss der Mongolei präsentiert sich in einem gänzlich anderen Licht als der Chuluut: Kilometerbreit windet sich der Fluss - aufgezweigt in unzählige Nebenarme - hier in einem breiten Tal durch die Steppe. Hier entwickelt sich in diesem rauen Land lokal ein Auwaldgürtel.

Die Menschen nutzen das fette Gras in der Au zur Heumahd, um ihre Schafe, Rinder, Ziegen und Pferde durch die harten und langen Winter zu bringen.

An der Selenge finden wir besonders reizvolle Zeltplätze auf riesigen Schotterbänken, wo Hochwässer ganze Stöße von Holz zusammentragen, welche uns als Brennmaterial, Sitzplatz und Schattenspender dienen. Die Stunden, die wir nicht im Boot sitzen, verbringen wir mit dem Besteigen umliegender Berge, die einen atemberaubenden Überblick über die weite Steppen- und Aulandschaft bieten.

Der Wandel der Landschaft und der Flussform spiegelt sich auch in der Fischfauna wider: Hier werden Lenok, Äsche und Taimen seltener, Arten mit Verbreitungsschwerpunkt in tieferen Lagen treten auf - wie Flussbarsch, Hecht, Aalrutte und Hasel. So bleibt auch das Abendessen reichlich und abwechslungsreich!

 

 

Menschenleer?

Die Mongolei ist mit einer Einwohnerzahl von etwa 2,1 Mio. - bezogen auf ihre gigantische Fläche von 1,56 Mio. km2 (fast die 20-fache Größe von Österreich) - ein menschenleeres Land. Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass davon eine Million Mongolen in der Hauptstadt Ulaanbaatar leben.

So ist nicht verwunderlich, dass wir oft stundenlang im Outside sitzend die Landschaft vorbeiziehen lassen, ohne eine Jurte (die zeltartigen Behausungen der Nomaden) oder gar einen Reiter zu sehen. Sobald wir aber anlegen, um zu kochen, zu fischen, oder Lager zu machen, dauert es keine 5 Minuten, und schon reiten Hirten oder ihre Kinder zum Fluss herunter. Nichts entgeht den neugierigen Nomaden, die ständig auf ihren Pferden unterwegs sind, um ihre Herden zum Melken zu sammeln oder auf neue Weiden zu treiben.

Dann wird abgesessen, gelächelt, verwundert auf die Bootshaut geklopft oder mit Händen und Füßen versucht, die Sprachbarrieren zu überwinden - zu mehr als "guten Tag", "schönes Pferd" oder "großer Fisch" reicht es bei uns leider nicht. Diese in Bescheidenheit, Abgeschiedenheit und Zufriedenheit lebenden Menschen hätten uns sicher eine Menge zu sagen gehabt?.

 

 

Endstation Steppe

Nach drei Wochen und etwa 400 Kilometern auf dem Fluss erreichen wir schließlich den Endpunkt unserer Flussfahrt, den kleinen Ort Ich Uul. Hier soll uns der Fahrer zum vereinbarten Zeitpunkt abholen und zurück in die Zivilisation bringen. Um besser gesehen zu werden, schlichten wir die Ausrüstung auf einen erhöhten Punkt in der Steppe und hoffen, dass er nicht auf uns vergessen hat.

Nach einigen Stunden nähert sich dann tatsächlich ein russisches Geländefahrzeug - die Wiedersehensfreude mit unseren mongolischen Freunden ist riesig. Und zurück geht?s wieder zwei Tage durch Steppe, Hügel, Steppe, Hügel, Steppe ... soweit das Auge reicht!