Typischer Steppenfluss im Darhat-Becken

An den mongolischen Quellen des Jenissej ...

Auf der Suche nach der gelbschwänzigen Äsche

Text: Clemens Ratschan
Fotos: Michael Krupa & C. R.
Reiseziel: Mongolei, Hubsgul See und Fluss Delgermoron
Boote: GRABNER Outside & Explorer

Gewässersystem und hydrologische Einzugsgebiete der Mongolei. Verändert aus: Ocock et al, 2006.

Prolog

Wo die Quellen des Jenissej liegen – des größten der Ströme Sibiriens – darüber ließe sich trefflich streiten. Meist wird der Große Jenissej (Bii-Khem) in der autonomen russischen Republik Tuwa als dessen Quellfluss angegeben. Länger ist aber der südliche Oberlauf, der Kleine Jenissej (Kaa-Khem), welcher im Darhat Becken (als Kyzyl-Khem; mongolisch Shishkid) an den mongolischen Ausläufern des Sayan Gebirges entspringt. Doch die Sache gestaltet sich noch komplizierter: Der Ausrinn des Baikalsee – die Angara – übertrifft an der Mündung in den Jenissej diesen deutlich, was Einzugsgebiet, Flussbreite, Länge und Abfluss betrifft.

Den wichtigsten Zufluss des Baikalsees und damit der Angara bildet die Selenge, welche als größter Fluss der Mongolei am Zusammenfluss von Ider Gol und Delgermoron entsteht. Von diesen beiden ist die Ider (452 km) zwar etwas länger als der Delgermoron (445 km), dessen Einzugsgebiet übertrifft aber mit 26.640 km2 jenes der Ider um ca. 2.000 km2. Damit entspringt der Jenissej für mich im mongolisch-tuwenischen Grenzgebiet der Ulaan Tayga, wo die obersten Quellläufe sowohl des Kleinen Jenissej als auch der Selenge nahe beisammen liegen. Dieses riesige Wildnisgebiet von Ulaan Tayga und Darhat Becken wollen Peter, Michael und ich im September 2007 mit Geländewagen, zu Pferd und im Schlauchboot bereisen.

Die Äschen der Mongolei

Die Mongolei ist vielen als Top-Destination zum Fischen auf Taimen (Sibirischer Huchen) bekannt - siehe dazu im zweiten Teil. Einen recht attraktiven Zielfisch stellt auch der Lenok (Sibirische Forelle) dar, der in Fischerkreisen schon eine gewisse Bekanntheit erlangt hat. Als wirklich einzigartige Besonderheit bietet die Mongolei aber eine einmalige Vielfalt an Äschen: Je nach Einzugsgebiet findet man in den Zuflüssen zum Nordpolarmeer die Arktische Äsche (Thymallus arcticus), im pazifischen Einzugsgebiet die Amur-Äsche (Thymallus grubii), und im tiefen und uralten Hubsgul-See im Norden die weltweit nur hier vorkommende (endemische) Hubsgul-Äsche (Thymallus nigrescens). In den Fließgewässern im Westen, die in den Großen Seen am Rand des Altai Gebirges verdunsten und daher nie das Meer erreichen, fehlen die Raubfische Taimen und Lenok – deshalb hat sich hier eine vierte Äschenart als Top-Prädator entwickelt, die großwüchsige Mongolische Äsche (Thymallus brevirostris). In der wissenschaftlichen Literatur werden Endlängen bis 75 cm beschrieben, aber auch Angaben von bis zu 1 m Länge geistern durch die Literatur …

All diese Äschenarten sind seit langem bekannt und beschrieben. Weniger Klarheit herrscht in der Wissenschaft über die Äschen in einem kleinen Teil-Einzugsgebiet im äußersten Norden (siehe Karte, gelbe Fläche): Das so genannte Darhat-Becken entwässert nicht über das Selenge – Baikalsee – Angara – System in den Jenissej, sondern bildet die unmittelbare Quellregion des Kleinen Jenissej. Die Äschen hier zeichnen sich unter anderem durch eine besondere Färbung aus – ihr Schwanzansatz ist gelb. Diese Form wurde bisher zur Arktischen Äsche gezählt. Wie vorläufige Untersuchungen zeigen, steht sie aber der der Mongolischen Äsche näher und wäre möglicherweise als eigene Art zu führen.

Auf in die Nordmongolei

Im ersten Teil unserer Reise wollen wir eine Reihe von Gewässern in verschiedenen Einzugsgebieten und Flüssen der Nordmongolei kennen lernen und befischen. Dabei nehmen wir auch Proben von Äschen, die von Prof. Weiss, Uni Graz, in phylogenetischer und von russischen Wissenschaftern in morphologischer Hinsicht untersucht werden, um Klarheit über die Herkunft, Verwandtschaftsbeziehungen und taxonomische Stellung der sagenumwobenen „Gelbschwanzäsche“ zu bringen, welche nur hier im Oberlauf des Jenissej lebt.

Doch zuvor gilt es, noch Einiges zu erledigen: Provianteinkauf, Papierkram, besorgen von Sondergenehmigungen und Lizenzen im Umweltministerium in der Hauptstadt Ulaanbaatar, bei der Grenzpolizei und bei den regionalen Behörden in der Provinzstadt Mörön und den Dörfern auf dem Land. Nach drei Tagen liegen die Nerven schon blank, doch Ende gut, alles gut: Unser Fahrer beweist großes Geschick bei den Behördengängen, und wir halten schließlich tatsächlich die benötigten Papiere in Händen, sodass wir uns endlich von Mörön in Richtung unserer ersten Station, den Hubsgulsee, aufmachen können.

Am „Kleinen Baikalsee“ (Hubsgul)

Hubsgul-Äsche (Thymallus nigrescens)

Der Hubsgulsee (auch Huvsgul oder Khövsgöl) im äußersten Norden der Mongolei wird nicht umsonst „Kleiner Baikalsee“ genannt. Er erreicht zwar nicht die enormen Dimensionen des Baikalsees, des ältesten und tiefsten Sees der Erde. Doch immerhin erstreckt sich der Hubsgul über eine Fläche von 2760 km2 und ist damit knapp 60 mal so groß wie der Attersee. Wie sein großer Bruder Baikal, wird er zu den weltweit 17 „ancient lakes“ („alten Seen“) gezählt – schließlich wird sein Alter auf zwischen 2 und 5 Millionen Jahre geschätzt. Auch die Maximaltiefe des überaus oligotrophen Sees von 267 m beeindruckt. Der Hubsgul liegt auf 1645 m Seehöhe und ist für unglaublich klares Wasser und unberührte Ufer bekannt.

Wir interessieren uns aber besonders für seine Fischfauna: Neben Lenok, Renken, Aalrutte, Barsch und Rotauge kommt nur hier die bereits vorgestellte Hubsgul-Äsche vor; die Ausbildung von endemischen Arten ist ein typisches Merkmal alter Seen. Am Abend können wir einheimische Fischer beim Auslegen von Netzen mit einer urtümlichen Methode beobachten: Mittels Holzstangen, welche mit Schnüren zusammengebunden und so verlängert werden, werden Kiemennetze weit in den See geschoben. Vielleicht wollen die wasserscheuen Mongolen so den Gebrauch eines Bootes vermeiden? Die Methode erweist sich als effizient - am nächsten Morgen hängen Rotaugen, Flussbarsche und eine Hubsgul-Äsche in den Maschen.

Schön wär, an diesem Traum-See ein paar Tage zu verbringen, und die Ufer mit dem Boot zu erkunden, aber dazu bleibt leider zu wenig Zeit – wir müssen weiter, vor allem auch, um genügend Zeitreserven für die Bootsbefahrung des Delgermoron zu behalten (siehe Teil 2).

Auf zu neuen Ufern

Mit verbundenen Stangen wird ein Kiemennetz weit in den Hubsgul See geschoben

Auf der Karte sind mehrere Straßen eingezeichnet, welche über das bis über 3000 m hohe „Horidol Saridag“ - Gebirge am Westufer des Hubsgul in das Darhat Becken führen, aus dem der Kleine Jenissej (hier Shishkid) entspringt.

In Wirklichkeit sind diese „Straßen“ entweder schlicht nicht existent oder maximal bei trockenen Bedingungen für Pferde oder Motorräder passierbar. Wir müssen mit dem Allradbus russischer Bauart weiter nach Süden über Pfade ausweichen, die kaum als je befahren zu erkennen sind – für einige Dutzend Kilometer Luftlinie benötigen wir einen knappen Tag!

Schließlich machen wir nach halsbrecherischer Fahrt am Oberlauf des Shishkid Lager und können eine traumhafte Abendstimmung erleben: Alpenglühen der markanten Berge, die das riesige Darhat Becken einrahmen.

An den Quellen des Jenissej … El Dorado der Äschen!

Mittellauf des Flusses im Darhat-Becken

Am nächsten Tag geht’s weiter über bucklige Pisten (der Permafrostboden wölbt sich durch die starken Temperaturschwankungen zu einem „Eierkarton“ auf) mit tückischen Sumpflöchern an einen kleineren Zubringer ganz im Norden an der russischen Grenze. Der entpuppt sich als El Dorado im wörtlichen Sinn: Nicht nur die Pappeln an den Ufer sind golden verfärbt, deren Blätter vereinigen sich mit den nicht minder knallgelben Schwänze der Äschen zu einem stimmungsvollen herbstlichen Potpourri. Das glasklare Wasser ist 9°C kühl und bringt groben Schotter und jede Menge Holz direkt aus den Bergen entlang der russischen Grenze. Das Holz bleibt am Ufer und auf den Furten liegen und bildet traumhafte Kolke, in deren Tiefe man unschwer Äschen erspähen kann. An den Prallhängen gräbt der Fluss seinen pendelnden Lauf oft bis in die anschließende grasige Steppe, an den Innenufern liegen Schotterbänke. Die angelandeten Ufer werden durch einen Auwald von Weiden und  Pappeln besiedelt, während das ältere und höher gelegene Gelände mit Lärchen und Fichten und einem Unterwuchs an Heidelbeeren und wilden Ribiseln bewachsen ist. Die Gegend erinnert unweigerlich an Kanada im „Indian Summer“ – doch auch so kann sich die vielfältige Mongolei präsentieren.

Prächtig gefärbte Gelbschwanz-Äsche

Die Bestandsdichte der Äschen ist in diesem traumhaften Flüsschen enorm, leider fehlen hier aber Lenok und Taimen. Um schnell genügend Tiere als wissenschaftlichen Proben sammeln zu können, fische ich zuerst eine kleine Goldkopfnymphe. Aus Interesse, wie lang der Fangsegen anhält, bleibe ich am ersten Pool stehen. Insgesamt 16 Äschen kann ich hier haken, in einer knappen Stunde und ohne mich weiter als 10 Schritte zu bewegen. Allesamt zwischen 37 und 46 cm lang und, typisch für die Gelbschwanz-Äsche, mit bulligen Körperproportionen. Charakteristisch und besonders hübsch sind auch die ausgeprägten, rosa-färbigen Längsstreifen auf den Bauchflossen. Schon bald habe ich die nötige Zahl an Proben gesammelt, ab jetzt ist Genuss-Fischerei angesagt!

An den mongolischen Quellen des Jenissej ...

Auf Tuwa-Taimen. Oder: Grenzerfahrungen

Die Mongolei ist für eine tolle Fischerei auf Taimen (Sibirischen Huchen) schon recht bekannt geworden. Dieser enge Verwandte des heimischen, vom Aussterben bedrohten Huchen oder Donaulachs ist für viele Fliegenfischer ein Traumfisch. Leider sind die Bestände auch in den naturbelassenen Flüssen der Mongolei rückläufig und vielerorts vor allem durch Überfischung durch illegale Banden bedroht, teils aber auch wie beim heimischen Huchen durch Verschlechterung des Lebensraums durch Klimaveränderung, Überweidung, und Eintrag von Feinsediment durch Abbau von Bodenschätzen.

Will man in der Mongolei als Individualtourist eine hervorragende Taimen-Fischerei erleben, muss man sich daher schon etwas Besonderes einfallen lassen. Meine Idee war, den Fluss Delgermoron in der russisch-mongolischen Grenzregion auf fast seiner gesamten Strecke mit dem Boot zu befahren (der Fluss wird auch Delgermörön, Delgermuren oder Delger Muron geschrieben; delger bedeutet auf mongolisch Reichtum, Überfluss; moron heißt großer Fluss, Strom). Das Sperrgebiet am Oberlauf darf ohne Sondergenehmigung nicht betreten werden und wird von einer berittenen Grenzpolizei bewacht. Ich rechnete mir hier Chancen auf eine besonders gute Fischerei aus – schließlich sind wir wahrscheinlich die ersten überhaupt, die die Grenzstrecke befahren und befischen. Doch wie an den Fluss gelangen – befahrbares Gelände reicht nirgends nur annähernd an den Oberlauf heran? Zwischen Fluss und Zivilisation liegen neben den bürokratischen Hürden 50 km unwegsames Gelände, Bergpässe, Sümpfe und Gestrüpp!

Die Lösung sind die Genehmigungen für unseren wissenschaftlichen Auftrag – schließlich wollen wir auch aus dem Delgermoron Äschenproben sammeln (siehe Teil 1). Der Plan ist, mit Pferden über die Berge zu reiten, um Boote, Ausrüstung und Proviant an den Fluss zu bringen – so weit stromauf, wie eine Bootsbefahrung nur irgend möglich ist. Mit den offiziellen Papieren in Händen steuern wir direkt das Quartier der Grenzpolizei an. Der Kommandant der Truppe macht zuerst eine finstere Mine, doch unser Fahrer schafft es, ihn umzustimmen: Der Befehlshaber der Grenzpolizei unterstützt unser Vorhaben, erlaubt das Betreten der Sperrzone und wird uns gleich am nächsten Tag Pack- und Reitpferde zur Verfügung stellen! Doch eins bläut er uns mit Nachdruck ein: Wir müssen immer am linken (mongolischen) Ufer bleiben, die linken Nebenarme befahren, am linken Ufer fischen, Lager und Pipi machen. Denn auf der rechten (tuwenischen) Seite des Flusses könnten wir von den Russen verhaftet werden!

Zu Pferd an den Fluss

Ziemlich mulmig ist uns bei der Sache schon: Keiner von uns Dreien ist Reiter – das Maximum an Erfahrung, das wir aufbringen, ist beim Volksfest als Kind 5 Minuten Ponyreiten. Für Mongolen wär das eine untragbare Schande – dementsprechend nimmt der Fahrer uns gleich ordentlich auf die Schaufel. Wir fahren am Ende der Straße noch einige Kilometer weiter, um uns die Reitstrecke zu verkürzen, bleiben prompt hängen.

Nicht einmal mit einem zweiten Geländewagen lässt sich der Uaz Allradbus aus dem Schlamm ziehen. Mühsam werden die Achsen mit Stangen hoch gehebelt und Steine darunter geschlichtet. Erst nach schweißtreibender, mehrstündiger Arbeit kann das Gefährt befreit werden. Reiten – die einzige und vielleicht doch eine gute Alternative im weglosen Grenzgebiet?

Zu Pferd mit der Grenzpolizei durch die herbstliche Ulaan Tayga

Am nächsten Morgen nahen die Grenzsoldaten – sie werden ihre Kameraden von ihrer 15-tägigen Wache-Schicht ablösen und mit uns an die Grenze reiten. Wilde Gesellen sind es, uniformierte junge Männer, bewaffnet mit automatischen Gewehren. Beim Beladen bockt prompt das erste Pferd, geht durch und streift das Gepäck an den Sträuchern ab. Wir hoffen, dass es uns nicht ähnlich ergeht, doch uns werden die ältesten und gutmütigsten Gäule zugeteilt. So geht’s problemlos hoch zu Ross über die traumhaft herbstlich verfärbte Ulaan Tayga.

Man merkt, wir befinden uns in der Grenzregion: Das Gras hier ist nicht abgeweidet, dafür gibt es zahlreiches Wild. Die mongolischen Nomaden meiden das Gebiet, denn immer wieder kommt es in Grenznähe zu Übertritten von tuwenischen Viehdieben, welche mit gestohlenen Tieren auf Nimmerwiedersehen über die russische Grenze verschwinden. Nach zwei Tagen Ritt – Schenkel, Knie und Gesäß sind schon ziemlich lädiert – noch einmal eine Herausforderung: Steile Flanken und dichter Wald trennen uns vom Tal des Delgermoron, doch auf die Trittsicherheit der mongolischen Pferde ist Verlass. Die Spannung ist unerträglich, den Fluss endlich zu erblicken: Wird die Wassermenge hier oben schon zu einer Bootsbefahrung reichen, sind wilde Stromschnellen oder gar Wasserfälle zu befürchten?

Am Oberlauf - Grenzerfahrungen

Abschied am Beginn der Bootstour
Peter mit prächtig gefärbtem Taimen

Ich kannte den Delgermoron unten an seiner Mündung in die Selenge bereits von meiner Bootstour 2005 (siehe Reisebericht „Auf dem Schlauchboot vom Fluss der Steine zur Mutter der Flüsse: Ein Fliegenfischer - Abenteuer in der Mongolei“).

Damals führte er trübes Hochwassser, doch heuer zeigt sich der Wettergott von einer besseren Seite: Der Delgermoron ist glasklar, während sich die Flüsse Chuluut und Ider aus dem Süden bis weit in den September hinein nicht aufklaren und mies zu befischen sind, wie wir später erfahren. Wir verabschieden uns von den Soldaten, die beim Reiten zu Freunden geworden sind. Ab jetzt sind wir auf uns selbst gestellt. Vor uns liegt ein Riesen-Abenteuer: 300 km traumhafte, im Oberlauf unbefischte und absolut menschenleere Flusslandschaft!

Blick auf das rechte, russische Ufer des Delgermoron

Entlang der Grenzstrecke läuft’s noch zäh: Im Bett liegen Steinblöcke verstreut, zwischen denen sich der herbstliche Niederwasserabfluss verteilt. Allzu oft heißt’s Aussteigen und die Grabner Boote (den „Outside“ Schlauchkanadier für Peter und Michael, das „Explorer“ Kajak für mich) viele hundert Meter ziehen und stemmen. Doch nach der Mündung einiger russischer Zubringer reicht die Fahrwassertiefe. Was eine solche Bootstour zur Besonderheit macht, ist die Möglichkeit, bei jedem schönen Platz stehen zu bleiben und zu fischen, sodass eine lange Flussstrecke effektiv abgesucht werden kann. Bereits am zweiten Bootstag landet jeder von uns beim Fliegenfischen mit silbrigen Streamern einen kleineren Taimen.

Am dritten Bootstag geht die Rechnung dann so richtig auf: Das Wetter ist trüb und regnerisch, doch das dürfte die Beißlaune der Taimen so richtig in Fahrt bringen: Viele unserer Bootsstopps für eine Stunde Fliegenfischen werden mit einem Taimen belohnt, leider bleiben sie aber alle unter der magischen Grenze von einem Meter. Als beste Fangplätze kristallisieren sich tiefere Rinnen in rasch fließenden, seichteren Strecken heraus. Besonders „heiß“ sind auch Einläufe von Kolken, vor allem bei anstehendem Fels oder wenn Felsblöcke an der Sohle liegen (siehe Panoramafoto am Beginn, Pfeil). In großflächig tiefen, mäßig strömenden Kolken und Zügen sind beim Drüberfahren mit dem Boot zwar vereinzelt Taimen auszumachen – zu fangen dürften sie jedoch hier eher schwierig sein.

Wir hoffen, dass der Fangerfolg in den nächsten Tagen so weiter geht, doch leider kommt’s anders. Sehr viel Zeit bleibt auch nicht zum Fischen – wir müssen Strecke machen, um unseren Endpunkt (die Provinzstadt Mörön) rechtzeitig erreichen zu können. Auch das tägliche Kochen, Auf- und Abbauen des Lagers und Beladen des Boots nimmt viel Zeit in Anspruch. Meist bin ich mit dem schnittigen Exporer etwas schneller als meine Freunde mit dem Outside. Das Zuladevolumen des Explorer überrascht mich positiv. Besonders das Verstauen von Ausrüstung Packsäcken hinter dem aufklappbaren Sitz sowie in den Reißverschlusssäcken auf dem Vorder- und Hinterverdeck der erweist sich als überaus praktisch.

Am folgenden Tag stellt sich wolkenloses herbstliches Schönwetter ein, das für die restlichen zwei Wochen anhalten sollte. Ob das dafür verantwortlich ist, dass wir beim Taimenfischen meist erfolglos bleiben, oder die Tatsache, dass wir aus dem Grenzgebiet und daher unbefischten Gefilden heraus gefahren sind, ist schwer zu sagen. Fakt ist: In den folgenden drei Tagen schwingen wir fleißig unser Fliegenruten weiter, können aber trotz optimaler Bedingungen nur einen kleinen Taimen fangen, und als bisherigen Höhepunkt ein 95 cm Exemplar, das sich auf die schwimmende Hirschhaarmaus stürzt.

Doch die traumhafte Gegend entschädigt für die Schneidertage: Glasklares Wasser, am Ufer grüne Lärchen, die beginnen, sich gelb zu verfärben, am Talrand Felsformationen aus weißem Kalkgestein in bizarren Formen – es fällt schwer, sich eine idyllischere Landschaft vorzustellen als die märchenhafte herbstliche Nordmongolei. Wir beschließen, bereits mittags Halt zu machen und den schönen Tag zu genießen. Ich gehe zum Lenokfischen, um für das Mittagessen zu sorgen. Nach einer halben Stunde ohne nennenswerten Erfolg bleibt mein Silberstreamer Größe 2 in der Flussmitte stehen. Ein harter Ruck in der Rute lässt mir die Alarmglocken schrillen: Schon kann ich hinter der Fliege ein riesiges dunkles Etwas erkennen! Huchentypisch kommt der Taimen an die Oberfläche, spreizt und schüttelt sein riesiges Maul, versucht die lächerlich kleine Fliege abzuschütteln. Diesen Fisch zu kriegen, wär mein Traum! Doch realistischerweise hoffe ich kaum, den Kapitalen mit dem feinen Fliegenzeug landen zu können. Ein paar Fluchten mit Urgewalt, es ist nicht mal dran zu denken, den Fisch aufzuhalten. Doch schon werden die Fluchten kürzer, der Große Rote zeigt Flanke und lässt sich schlussendlich wirklich stranden. Ich bin überglücklich: Der wunderschöne Taimen misst 1,22 m und zeigt bei Parade-Proportionen noch keinerlei Alterserscheinungen.

Huchenfischerei – ein Mysterium

Wunderschöner Großtaimen (1,22 m)

Wär hätte das gedacht? So ein Fang mit dem kleinen Köder und bei gleißendem Mittagslicht! Doch irgendwie ist’s bezeichnend, denn selbst alte Taimen-Veteranen tun sich schwer, Regeln und Gesetzmäßigkeiten für den Fang dieser Traumfische aufzustellen. Dies gilt besonders für mongolische Taimen, die sowohl trocken an der Oberfläche auf Maus- oder Heuschreckenmuster, als mit kleinen oder auch riesigen Streamern in knalligen oder Natur-Farben, ja sogar mit Steinfliegennymphen zu fangen sind. Sie stehen nicht nur in tiefen Kolken und gehen unerwartet zum Rauben ins Flachwasser – sei es in der Mittagshitze oder in der Nacht – irgendwann kann überall ein Taimen auftauchen. Jeder hat ein anderes Erfolgsrezept, schwört auf dieses oder jenes. Es scheint wie bei der heimischen Huchenpirsch: Erfolg hat, wer trotz langer Durststrecken fleißig fischt und das Glück oder den Riecher hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Der Mittel- und Unterlauf

Dieser Fisch war der letzte Taimen, den wir an den Haken bekommen sollten – die restlichen 200 km Fluss: Fehlanzeige. Kurz kommen wir in zugängliches Gebiet, eine Seilfähre bietet für Fahrzeuge die einzige Möglichkeit, den Fluss zu queren. Hier hat ein kleiner Goldrausch eingesetzt: Ein paar Dutzende Familien schürfen mit primitiven Werkzeugen im Uferschotter nach dem Edelmetall – die Szenerie sieht genau so aus, wie man sich’s im 19. Jahrhundert im Yukon ausmalen würde.

Der Mittellauf führt uns durch steile Schluchten und teils anspruchsvolles Wildwasser. Hier gilt’s mit den noch mit viel Proviant beladenen Booten geschickt zwischen den Blöcken zu manövrieren, was sowohl mit dem wendigen Outside als auch dem schnittigen Explorer sehr gut gelingt. Erst im Unterlauf weitet sich das Tal auf. Der Fluss beginnt, sich in meist 2 große Hauptarme auf zu zweigen, die zum Mäandrieren neigen und kleinere Alt- und Nebenarme abschnüren. Besteigt man die umliegenden Hügel und Berge, so kann man einen atemberaubenden Blick über die Aulandschaft, die verstreut liegenden Jurten der Nomaden und deren Viehherden erhaschen.

Verblockte Wildwasserstrecke im Mittellauf
Endstation – die Brücke bei Mörön

Noch knapp 70 Flusskilometer verbleiben bis zur Mündung des Delgermoron in die Selenge, aber für diese Strecke bleibt uns keine Zeit mehr. Wir lassen an der ersten und einzigen Brücke des gesamten Flusses die Luft aus unseren Booten, um von Mörön nach Ulaanbaatar und weiter über Moskau zurück in die Heimat zu fliegen.

Um viele Eindrücke bereichert, freuen wir uns nach vier Wochen Wildnis auf Selbstverständlichkeiten wie Dusche, Bett, ein kühles Bier. Groß ist die Freude und Erleichterung, diese abwechslungsreiche Tour so erfolgreich gemeistert zu haben!