Mittlerer Lech

Österreich aus der Bootsperspektive

MITTLERER LECH

 

Boot : GRABNER OUTSIDE

Bericht + Fotos : Reinhold Müller

 

Vorbei an rauen Gebirgsmassiven,

unberührten Auwäldern und sanften Blumenwiesen.

Eine Bootsfahrt durch eine der letzten Wildflusslandschaften

Mitteleuropas verbindet Alpenglühn mit Abenteuerromantik.

 

Die Sonne scheint, ein laues Lüftchen schiebt einige schneeweiße Schönwetterwolken über die Gipfel; blendende Steinfelder, das satte Grün der Wiesen und das Blaugrün des Flusses kontrastieren perfekt. Seit der Eiszeit hat sich der Fluss mit seinen Mäandern ein großzügiges Bett in die Bergwelt geschliffen und dabei Tausende Tonnen Geröll zu Tale transportiert.

 

Steeg ist die letzte Gemeinde im Tiroler Teil des Lechtales. Oberhalb der Ortschaft zieht sich das Tal zu einer romantischen Wald- und Felsschlucht zusammen. Über Katarakte stürzt der Lech mit starker Verblockung zu Tal und bietet den Spezialisten höchste Wildwasserschwierigkeit. Nichts für uns; wir wollen an den beiden nächsten Tagen den mittleren Lech von Steeg bis Weißenbach befahren. Während Hubert und Helmut die Fahrzeuge zum Ausstiegsort umsetzen, mache ich mit Christine und dem vierjährigen Philip, schon mal die Boote startklar.

 

Gesäumt von bunten Blumenwiesen steigen die umliegenden Berge steil an. Ein herrlicher Wechsel von Matten, Bergwald und schroffen Felsengipfeln hält mich gefangen. Mitten durch dieses "Schmuckkästchen" rauscht mit einer flotten Strömung, völlig ungebändigt, der Lech, der letzte Wildfluss der Ostalpen.

 

Wir schieben die Boote ins Wasser, stoßen ab, und schon nimmt  uns die Strömung mit. Deutlich sieht man die Schaumkronen auf der Wasserfläche. Schon bald liegt das Dorf Steeg hinter uns. Schwallstrecken, gespickt mit kleinen Felseninseln und nur knapp überspülten ausgewachsenen Steinen, lenken den Blick auf das Wasser und erfordern konzentriertes Steuern. Eingerahmt von herrlicher Bergwelt lassen wir die Boote treiben, genießen die spritzige Fahrt. Die umliegenden Blumenberge verleihen dem Tal einen freundlichen Charakter. Allerdings lassen die umfangreichen Lawinenverbauungen an den steilen Grasflanken etwas von den Gefahren des Winters im Lechtal erahnen. Die Ufer sind dicht bewachsen; von den Dörfern sehen wir meist nur den Kirchturm, ab und an einige Häuser.

 

Helmut ist mit seiner Crew 100 Meter voraus und "schaukelt" sein Boot durch einen wellenreichen Flussabschnitt. Er winkt uns, es ihm nachzutun, wir tun's und fangen uns die ersten 20 Liter klaren Flusswassers ein - es sollen nicht die letzten bleiben, denn vor uns liegen noch 40 Kilometer Fahrt. Bei jeder noch so kurzen Rast bringt Philip seinen mitgeführten Spielzeugkran zum Einsatz, verlagert Sandbänke, baut Wehre und kämpft gegen ausgewachsene Steinbrocken.

 

Angelehnt an den Bergfuß liegt Elbigenalp, einer der schönsten Orte im Lechtal. Aus der ursprünglich durch Rodung entstandenen Alpe des Klosters Füssen entwickelte sich ein traditionelles Holzschnitzerdorf. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in der Gemeinde die bisher einzige Holzschnitzschule Österreichs gegründet. Elbigenalp war auch die Heimat  der Blumen- und Portraitmalerin Anna Stainer-Kittel die als "Geierwally" bekannt wurde.

 

Vor Häselgehr drängt sich der Fluss ganz an die südliche Talseite, der Charakter des Tales beginnt sich zu ändern. Das Tal wird enger, düsterer. Schroffe Felsgipfeln verdrängen die Blumenberge; die steilen Flanken lassen landwirtschaftliche Nutzung kaum zu. Auch die Lechtaler Alpen sind ein Refugium der Ruhe und Ursprünglichkeit. Die Natur selbst hat sich hier zur Wehr gesetzt; enge Kerbtäler und Schluchten blockieren fast überall die Zugänge. Die meisten Gipfel der Region stellen hohe Anforderungen, verlangen Können und Erfahrung. Die Lechtaler sind Berge für Individualisten - und die findet man immer seltener.

 

Der Fluss knickt nach links, einige hundert Meter vor uns schiebt sich die Brücke bei Häselgehr ins Bild. Im Kanuführer wird der Brückenschwall von Häselgehr als der fahrtechnisch schwierigste Teil unserer Tour beschrieben, mit wuchtigen Wellen und leichter Verblockung. Schon von weitem sieht man die von Wellen umspülten Felsen. Doch problemlos zieht uns die Strömung auf der Ideallinie durch diese Passage und bald erreichen wir die Anlegestelle des Campingplatzes.

 

Es ist später Nachmittag, die nassen Klamotten sind zum Trocknen aufgehängt, das Lager ist hergerichtet. Die Talsole liegt im Schatten, nur der gegenüberliegende Talhang wird noch von der Sonne beschienen. Wir machen uns auf um den Ort kennenzulernen. Die Gemeinde ist eine der größten im Lechtal und zieht sich an der Straße entlang. Bevor wir im Gasthaus Sonne einkehren, lenken wir unsere Schritte in Richtung Spielplatz - Philips Augen leuchten. Doch nach einer halben Stunde Klettern, Karussell fahren und Schaukeln machen sich bei ihm Hunger und Durst bemerkbar.

 

Kaum eineinhalb Kilometer sind wir unterwegs, als sich die Reste einer Brücke ins Blickfeld schieben. Wir halten uns rechts, die Strömung nimmt uns mit und wild schaukelnd passieren wir die Reste zweier Brückenpfeiler. Der Fluss wird ruhig, nichts mehr erinnert an die vergangene Stromschnelle. Ein leichter Wind frischt auf und meint es gut mit uns: Wir können es treiben lassen - Zeit zum Verschnaufen, können uns auf die imposante Felslandschaft konzentrieren. Hinter der nächsten Biegung reißt uns ein dumpfes Rauschen aus den Träumen. Ein ausgewachsener Fels liegt mitten in der Strömung und lässt das Wasser wie einen Springbrunnen gischten. Die Stromzunge zieht uns hinein in ein Wellen- und Walzenszenario. Instinktiv tun wir das Richtige und steuern den Bug zur Seite. Im Weißwasser stochern die Paddel ins Leere - mehr Luft als Wasser. Doch irgendwie kommen wir durch.

 

Das Tal weitet sich, Auwälder, Kiesbänke und Weiden prägen das Bild. Von dem nahen Stanzach ist kein Haus zu sehen. Bei jedem Hochwasser transportiert der Lech große Mengen Schotter aus seinem Haupttal und aus seinen Seitentälern talwärts. Kiesbänke und Schotterinseln werden abgetragen und entstehen dabei an anderer Stelle. Immer wieder teilt sich der Fluss. Wir richten uns auf, recken die Hälse, beobachten genau die Wellenbildung, um die günstigsten Rinnen zu finden und gleiten an den weiten Kiesbänken entlang. Manchmal landen wir an, gönnen uns eine Pause. Einst prägten solche Wildflusslandschaften die Alpen, heute findet man nur noch selten unversehrte Täler.

 

Die Strecke um Forchach ist die letzte, wirklich intakte Wildflusslandschaft Mitteleuropas. Unübersehbar ist hier das Flussbett des Lechs, breit und flachgründig bildet er Inseln, umspült angeschwemmte Kiesbänke. Im Uferbereich wachsen Weiden und die bis zwei Meter hohe Deutsche Tamariske, die in Mitteleuropa fast ausgestorben war. Die Auenwälder bieten einer ganz besonderen und vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt Lebensraum und Unterschlupf. Mit allen Sinnen spüren wir, dass wir durch eine außergewöhnliche Flusslandschaft paddeln. Hinter der nächsten Kurve lauert ein langgezogener Kiesbankschwall, er lässt die Boote steil aus dem Wasser steigen - ein heißer Wellenritt. Wir paddeln weiter und finden einige Kilometer flussab eine einsam gelegene Kiesbank mit imposanter Kulisse, hier legen wir eine Rast ein.

 

Einige Kilometer weiter wird die Johannesbrücke bei Weißenbach passiert, wir lassen die Boote treiben, gemächlich zieht der Ort an uns vorbei. Noch wenige hundert Meter, dann erkennen wir am Ufer Huberts VW Bus, der das Ende unserer Bootsfahrt ankündigt. Ganz ungetrübt ist unser Bootsvergnügen jedoch nicht, wenn wir an die Pläne der Energiewirtschaft denken, die Schluchten des oberen Lech in einem Stausee ertrinken zu lassen.

-----------------------------------------------------

 

INFO  Lechtal (Österreich)

Mit einer Länge von 260 Kilometern ist der Lech einer der größten Gebirgsflüsse Österreichs. Seine Quellflüsse entspringen in etwa 1800 Meter Höhe dem Spullersee und Formarinsee. Flankiert von den Allgäuer- und Lechtaler Alpen windet sich der Tiroler Teil des Lech durch eine prächtige Bergwelt. Eine Reihe von munteren Gebirgsbächen aus den Seitentälern speisen den Fluss.

 

Bei Hochwasser werden große Mengen Schotter talabwärts transportiert, Kiesbänke werden abgetragen und entstehen dafür an anderer Stelle. Die so genannte "Forchacher Umlagerungsstrecke" ist die wohl letzte wirklich intakte Wildflusslandschaft Mitteleuropas. Im Lechtal überschneiden sich die beiden Gebiete der ost- und westalpinen Flora. Für rund 150 alpine, submediterrane und kontinentale Arten stellt der Lech eine "Pflanzenbrücke" dar.

 

Botanische Raritäten wie das Edelweiß und die Orchideenarten Frauenschuh, Hummel- und Fliegenragwurz finden hier einen Lebensraum, ebenso wie Alpenrose, Enzianarten und Arnika. Die Tierwelt reicht von Gämse, Hirsch, Murmeltier, Alpensalamander, Flussuferläufer, Flussregenpfeifer, Gebirgsstelze und Wasseramsel bis hin zur sehr seltenen gefleckten Schnarrschrecke.

 

 

Wildwasser:

Die beschriebene Strecke entspricht WW I - II, einige Stellen bis WW III-.

Der Lech verlangt eine sichere Bootsführung. Dennoch, auch bei korrekter Fahrweise fängt man sich hin und wieder bei Schwallstrecken und Walzen einen Brecher ein - also, wer das Anlanden nicht vom Wasserstand im Boot abhängig machen will sollte eine Spritzdecke überziehen. Sowohl vom Fahrspaß (flotte Strömung, keine Trage- oder Treidelpassage) als auch landschaftlich ist der "Lech" eine Traumtour.

Schwimmweste und je nach Jahreszeit Neoprenanzug.