KOLA 2006

Beeindruckende Naturlandschaft auf der Halbinsel Kola

 

Text und Fotos:Mag. Clemens Ratschan
Reiseziel:Kola
Boote:GRABNER Outside

Kola - Halbinsel im äußersten Nordwesten Russlands - Teil 1

Tolles Wildwassser und einzigartige Fischereimöglichkeiten in beeindruckender Naturlandschaft fand Clemens Ratschan auf der Halbinsel Kola. Im ersten Teil seines Berichts entführt er uns an die Yokanga - einen erstklassigen Lachsfluss.

Kola - was für die meisten nur nach einem Softdrink klingt, ist für Insider ein heißer Tip: Völlig unberührte Naturlandschaft soll's auf dieser Halbinsel im äußersten Nordwesten Russlands geben, und grandioses Wildwasser. Das Gebiet um die Stadt Murmansk nördlich von Finnland und östlich von Norwegen war bis zur Wende militärisches Sperrgebiet und für Ausländer nicht zugänglich. Dementsprechend schwierig ist es zum Teil bis heute, zu verlässlichen Informationen über die Möglichkeiten für Bootfahrer und Fischer in diesem Gebiet zu kommen.

Der entscheidende Knackpunkt für Bootstouren auf Kola ist natürlich die Auswahl eines geeigneten Flusses. Die meisten Fließgewässer auf der Halbinsel sind kurz, und stürzen steil Richtung Norden ins Eismeer, sodass sie für längere Bootstouren nicht geeignet sind. Der größte Fluss auf Kola, der Ponoi, führt 400 km Richtung Ost. Im Oberlauf hat er kaum Gefälle, und der Unterlauf dieses bekannten Lachsflusses ist durch die Fischerlodges reserviert. Es bleiben im Wesentlichen zwei größere Flüsse übrig: Die Umba, welche Richtung Süden ins Weiße Meer entwässert, und die Yokanga, welche im Norden ins Eismeer mündet.

Weites stellt sich die Frage, wie kommt man zum Fluss und wieder retour? Mit Ausnahme der Hauptverkehrsachse von Karelien nach Murmansk und einiger kurzer Nebenstrassen gibt es auf Kola kaum Landverbindungen, daher ist eine Anreise auf dem Landweg an den Oberlauf der Yokanga nicht möglich. Daher wollen wir für den Transport in die menschenleere Wildnis einen Versorgungsflug per Helikopter nutzen. Der macht auf dem Weg zu einer Fischerlodge einen Zwischenstopp und lädt am Oberlauf der Rova ab - einem kleinen Fluss im Einzugsgebiet der Yokanga. Wir haben vor, diese beiden Flüsse in den nächsten zwei Wochen bis zum oberen der beiden Fischercamps an der Yokanga zu befahren. Der unmittelbare Unterlauf ist militärisches Sperrgebiet - hier ist sogar Russen der Zutritt verwehrt, sodass eine Befahrung bis ganz zum Eismeer leider nicht in Frage kommt. Im Fall der Umba ist das Problem der An- und Rückreise einfach: Eine Nebenstrasse führt über den Ausrinn des Flusses aus dem Umbozero See, und bei der Mündung des Flusses ins Weiße Meer liegt das gleichnamige Dorf Umba.

Peter und ich haben uns also Ende Juni - zur Zeit der am höchsten stehenden Mitternachtssonne - auf den Weg gemacht und sind für vier Wochen nach Russland gestartet. Anreise kostengünstig und Umwelt schonend mit dem Zug, 24 Stunden von St. Petersburg Richtung Nord. Das Grabner Outside im Gepäck. Zwei Tage und viele Flug-, Zug- und Taxi-Kilometer später stehen wir endlich auf dem kleinen Helikopterlandeplatz in Lovozero, dem letzten Vorposten der Zivilisation inmitten der Halbinsel.

Etwas grotesk wirkt die Situation doch, als man den Mi-8 Helikopter randvoll mit etwas Lebensmitteln, vor allem aber bestem französischen Wein, deutschem Bier, Krimsekt und feinstem Whiskey für die luxuriöse Lachsfischer-Lodge belädt und wir uns mit Schlauchboot und Kartoffelsack dazwischen zwängen. Doch der Flug über die urige Landschaft mit tausenden Seen und unzähligen Flüssen vertreibt rasch kritische Gedanken und stimmt uns auf das Kommende ein. Je weiter wir von Richtung Nordost fliegen, umso spärlicher wird die Vegetation. In den Tälern gibt es noch verkrüppelte Birkenwälder, die Hügel sind nur mehr mit baumloser Tundra, also Zwergsträuchern, Beeren und vor allem Rentierflechten überzogen. Was für eine endlose Wildnis!

Schließlich geht der Vogel runter, wir können "unseren" Bach bereits erkennen. Der Copilot öffnet die Tür zum Cockpit und fragt, ob das Rinnsal schon groß genug für eine Befahrung scheint - wir stimmen zu. Also Landung, rasch die Säcke mit Ausrüstung und Proviant rausgeworfen, und schon hebt der Heli wieder ab, um am Horizont zu verschwinden. Stille! Stille? Als sich unsere Ohren vom Lärm der Maschine erholen, erkennen wir, dass die vermeintliche Stille vom Summen tausender Stechmücken durchbrochen wird, welche uns mit blutrünstigem Surren und bereits ausgefahrenen Stacheln in der Tundra willkommen heißen. Wir hatten damit gerechnet. Aber in dieser Zahl? Also rasch die Mückennetze und Handschuhe rausgekramt, und nichts wie rein in die Wathose, damit die Biester nicht mehr die Hosenbeine raufkrabbeln können.

Die Tundra bietet Stechmücken paradiesische Verhältnisse. Nach der Schneeschmelze im Mai bleiben auf dem dünnen, gefrorenen Boden überall seichte Lachen stehen, deren braunes Wasser sich in der hier - weit nördlich des Polarkreises - den ganzen Sommer nicht untergehenden Sonne aufheizt. Bereits nach wenigen Wochen entsteigen die fertigen Plagegeister, um sich auf Vögel, Elche oder Rentiere zu stürzen. Zweibeiner, welche sich vereinzelt hierher verirren, bieten da eine willkommene Abwechslung. Noch übler die Kriebelmücken, doch die können wir eher akzeptieren: Ihre Larven sind schließlich die wichtigsten Fischnährtiere in den kargen Tundrenflüssen.

Damit zum Thema. Die Rova, besonders aber die aus einem riesigen Seensystem entspringende Yokanga, hat über weite Strecken kaum Fließgefälle. Darum gilt es, täglich viele Kilometer zu rudern - teils gegen den Wind. Alle paar Kilometer finden sich dann Furten und überaus wilde Stromschnellen mit riesigen Steinblöcken. Und hier finden wir sie: Große Bachforellen stürzen sich gierig auf künstliche Fliegen, Fischchenimitationen aus Federn und Lemmings-Muster aus Rehhaar. Feiste Tiere, wunderschön gesprenkelt mit unzähligen dunklen Punkten auf goldbraunen Flanken. Doch allzu viele sind es nicht: Nach einem kurzen Fangsegen an fast jeder neu befischten Stelle lassen die Bisse rasch nach und werden auch am Folgetag nicht mehr - die ansässigen Forellen wissen bereits Bescheid. Mit einem Boot mobil unterwegs zu sein, scheint also die optimale Strategie.

Unvergesslich bleibt jener Tag an der Yokanga, als Peter bereits am Morgen eine Bachforelle mit drei Kilo aus der Tiefe lockt. Wir queren den riesigen Kolk nach der Stromschnelle bei unserem Lager mit dem Boot, um auch die andere Seite nach großen Bachforellen abzusuchen. Ein paar Würfe, Standplatzwechsel - Peter lässt seine schwarze Fliege schlaff in den Kolk hängen. Widerstand - die übliche "zuerst glaubte ich an einen Hänger" - Anekdote möchte ich mir verkneifen. Zum Vorschein kommt ein wahres Hecht-Krokodil von 96 cm. Aus dem Schlund hängt noch der Schwanz einer Aalrutte, die sich mit der Arterienklemme rausziehen lässt. Sie misst 60 cm! In der folgenden halben Stunde überlisten wir in dem Hecht-Loch noch Exemplare von 90 und 101 cm, dazu ein paar "kleine" um die 80. Beifang beim Fliegenfischen mit der Forellenrute. Adjektive des Tages: abartig, unglaublich, gruselig, ?

Doch nicht genug der Münchhausiade. Am Abend geh ich noch an die Stromschnelle zum Forellenfischen, und hake prompt eine 51 cm lange Bachforelle. Tapfer kämpft sie zuerst in der Strömung und flüchtet dann stromab in ein kleines Pool in der Kaskade. Hier wird das Tänzeln der Forelle zu einem urgewaltigen Ziehen, ich halte etwas dagegen und sehe - ein riesiger Hecht ist zum Abendmahl auf die Furt gekommen, um sich ein paar Forellen zu gönnen. Meine 51er kam da gerade recht. Nach kurzer Zeit lässt er los, um das arme Tier noch ein zweites Mal zu attackieren. Voll Todesangst flüchtet sie mit letzter Kraft wieder über den Katarakt zu ihrem Einstand, um sich total erschöpft landen zu lassen. Jetzt möchte ich's aber wissen. Schnell zum Zelt, die Lachsrute montiert, schon stehe ich wieder am Pool. Schon beim zweiten Wurf greift der Räuber an - das Monster misst 104 cm!

Je weiter wir den Fluss Richtung Eismeer befahren, umso größer wird die Hoffnung auf den ersten Lachs - den König der Fische und lohnendes Ziel für uns Fliegenfischer. Die Stromschnellen "riechen" förmlich nach Lachs, doch kein Rollen, kein Springen, kein Lebenszeichen eines Salms - die Spannung wird mit jedem Tag unerträglicher. Noch zwei Bootstage über wilde Stromschnellen mit vielen Unterbrechungen zum Fischen sollten folgen, bis meine Tubenfliege ruckartig in einem pool-Ausrinn stehen bleibt. Schon kann ich erkennen, dass sich am anderen Ende der Flugschnur kein Hecht, keine Bachforelle, sondern ein beachtlicher Silberbarren dreht! Hier - noch etwa 100 km vom Eismeer - lande ich schließlich einen silberblanken, etwa 7 kg schweren Lachs, der den weiten Weg vom Meer wohl in wenigen Tagen geschafft hat. Auf Kopf und Schwanzstiel sitzen noch Meerläuse - Parasiten, welche nach wenigen Tagen im Süßwasser absterben. Die Schönheit des Fisches macht uns sprachlos, der Fang meines ersten Atlantischen Lachs - in menschenleerer Naturlandschaft, ohne den an Lachsgewässern üblichen Trubel - sollte eines der intensivsten Erlebnisse im bisherigen Fischerleben werden.

Am Tag nach diesem erfreulichen Vorfall können wir noch drei weitere Lachse überlisten, dann setzt eine stürmische und regnerische Nordströmung ein, die das Thermometer fallen und das Zelt flattern lässt. Die Wassertemperatur stürzt von etwa 19 auf 11 Grad, was den Lachsen die Beißlust raubt - die Yokanga wirkt wie ausgestorben. Erst am letzten Tag unserer Tour ist mir beim Fischen in der Suchaja, dem größten Zubringer unweit des Eismeeres, das Glück noch einmal hold: Ein starker Lachs nimmt die Fliege im Rinner direkt vor einer langen Stromschnelle. Ich muss dem wiederholt springenden Großlachs über Stock und Stein folgen und kann das Männchen mit starkem Laichhaken und 102 cm Länge wirklich landen. Ein Urviech von Lachs, nicht mehr blank, aber dick und vital. Der krönende Abschluss, und Tagesgespräch im Fischercamp, wo wir herzlich empfangen werden.

Wir versuchen, die Annehmlichkeiten in dieser Oase der Zivilisation einerseits zu genießen, andererseits mit dem komplizierten Leben hier fertig zu werden. Dusche, Bier samt Getränkeliste, Sauna, Abendmenü, Uhrzeit, Frischobst, Gespräche mit anderen Leuten - nach zwei Wochen Wildnis ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen nicht mehr selbstverständlich bis verwirrend.

Der Rückflug eineinhalb Stunden über die endlos scheidende Tundra sollte zu einem weiteren Highlight werden. Wie auch unsere zweite Tour auf Kola, auf dem Umba-Fluss im Süden. Davon im zweiten Teil!

Teil 2 - Umba-Fluss Richtung Süden bis zum Weißen Meer führt.

Im ersten Teil erkundete unser Autor Clemens Ratschan einen Zufluss zum Eismeer auf der Halbinsel Kola. Begleiten Sie die beiden Abenteurer auf ihrer zweiten Tour, die auf dem Umba-Fluss Richtung Süden bis zum Weißen Meer führt.

Der Abschied von der Yokanga ist schwer gefallen, und hat sich durch ein Missgeschick verzögert: Während eines heftigen Sturms, den wir im Zelt zusammengekauert überdauerten, ist die Scheibe des Helikopters gebrochen, der uns im Zuge eines Versorgungsflugs aus der Wildnis nach Lovozero fliegen hätte sollen. Stattdessen können wir verspätet mit den Gästen des Fischercamps an der Yokanga nach Murmansk fliegen. Leider fällt dies auf einen Samstag, sodass wir kein geöffnetes Büro mehr finden würden, um uns Angellizenzen für unsere zweite Tour an der Umba im Süden zu besorgen. Wir stehen also vor einer schwierigen Entscheidung: Plan A: Das Wochenende abwarten und erst am Montag einbooten, und damit stark in Zeitverzug zu geraten? Oder Plan B, ohne Lizenz aufbrechen, und einen Aufenthalt in einem russischen Gefängnis riskieren?

Wir wissen: Die Strecke auf der Umba bis zum Meer ist lang, und an der Yokanga mussten wir bereits erfahren, dass das Überwinden von Seen und zäh fließenden Passagen mit einem Wildwasserboot wie dem Outside recht mühsam ist, vor allem bei starkem Wind. Egal, ob der von schräg hinten, von der Seite oder von vorne bläst, ein gerader Kurs ist nur mit großer Anstrengung zu halten. Andererseits wäre ein spurstabileres, schnittiges Boot keine Alternative: Einige Stromschnellen der Umba sind noch anspruchsvoller als an der Yokanga. Mit einem gewöhnlichen Kanadier ein Himmelfahrtskommando, mit dem voll beladenen "Outside" eine sportliche Herausforderung.

Aufgrund des Zeitdrucks entschließen wir uns mit einem mulmigen Gefühl im Bauch für Plan B und rüsten unsere Fliegenwesten präventiv mir einem 100 Dollar Schein aus, der uns etwaige Probleme mit dem Fischinspektor vielleicht vom Hals halten könnte. Per Taxi geht's bis zur Brücke am Ausrinn des Umbozero Sees, wo der Umba Fluss entspringt.

Das Wetter ist uns gut gesinnt und wir beladen in bester Stimmung unser Boot mit frischem Proviant - endlich geht's wieder raus in die Wildnis! Die Landschaft hier im Süden ist ganz anders als am Eismeer: Borealer Mischwald bedeckt die hügelige Landschaft, bewachsen mit einem dichten Unterholz aus Beeren und vielfältigen Kräutern. Zurück schauend können wir grandiose Blicke auf die noch mit Schneefeldern bedeckten Khibiny Berge erhaschen.

Das Leben hier ist deutlich bequemer als in der Tundra. Es gibt immer genug trockenes Feuerholz zu finden, auch die ersten Heidelbeeren werden jetzt Mitte Juli bereits reif. Die Mücken sind deutlich weniger zahlreich, sodass zumindest Essen und Toilette ohne gröberes Blutvergießen möglich sind. Am Ufer finden wir immer schöne Lagerplätze mit Blick auf den Fluss, ohne von draußen gesehen zu werden - gut für die Nerven von uns Schwarzfischern.

Nur mit der Fischerei klappt's leider nicht auf Anhieb - lediglich kleine Äschen können wir für unsere Fliegen begeistern. Wir versuchen, uns dies mit Nährstoffarmut, dem kalten Wasser aus dem Gebirge oder mit dem Wildern zu erklären - schließlich erspähen wir regelmäßig Legschnüre und Bojen für Kiemennetze. Aufgrund der nur etwa einen Tagesmarsch entfernten Schotterstraße ist die Gegend hier nicht menschenleer wie an der Yokanga, an den Ufern gibt's Trampelpfade, und wir begegnen auch ein paar anderen Booten. Doch der geringe Erfolg beim Fischen lässt sich schwer mit dem wunderschön strukturierten Fluss in Einklang bringen.

Plötzlich werden wir an Bord durch ein schauriges Getöse aus dem Fachsimpeln gerissen: Vor uns bricht der Fluss durch eine enge, einen halben Kilometer lange Schlucht mit reißenden Stromschnellen. Wir gehen an Land, besichtigen die Stelle, diskutieren ausgiebig den besten Weg, und entschließen uns trotz des mahnenden Grabsteins am Ufer zu einer Befahrung. Wir glaubten, alles fest verzurrt zu haben. Trotzdem werde ich bald von Haushaltsgegenständen überholt - nach dem Kentern verzweifelt ans Boot geklammert. Was ist passiert?

Wir hatten die Einfahrt nicht optimal erwischt, wurden schräg in eine Walze gezogen, die uns sofort umdrehte, sodass wir durch den gesamten Katarakt gesaugt wurden. Glücklich bloß, dass wir entgegen der ursprünglichen Absicht in der Mitte eingefahren sind - ansonsten hätten wir Bekanntschaft mit dem Felsen am Ufer gemacht. Hut, Sonnenbrille und Kochtopf sind dahin und wir kriechen mit vollen Wathosen wie die Molche ans Ufer - alles halb so schlimm. Wirklich schmerzhaft ist neben den blauen Flecken bloß, dass auch die jungfräuliche und einzige Flasche Georgievskaya Wodka - fahrlässig als Gallionsfigur in den Bug gesteckt - auf Nimmerwiedersehen in den Fluten entschwindet.

Trost in unserem Kummer finden wir erst zwei anstrengende Rudertage später. Einen Kilometer vor der Mündung der oberen Umba-Strecke in den riesigen Kanozero See machen wir auf einer Insel halt. Traumhaft, die Pools hier, und von der Insel gut zu befischen ohne in Gefahr zu laufen, unliebsame Begegnungen mit der russischen Exekutive zu machen. Während der Tagesetappe waren uns deutlich gröbere Kiemennetze als zuvor aufgefallen - die sechziger Maschenweite kann nur eins bedeuten: Hier ist bereits mit Lachs zu rechnen! Also wird die Zweihand montiert, die Lachsfliege nach allen Regeln der Kunst durch den Pool geführt. Schon fuchtelt Peter aufgeregt mit den Armen: Eine kapitale Äsche sei dreimal auf die große Tube gefahren, ohne zuzubeißen. Er schätze das Exemplar auf über 60 cm, eine so große Äsche hätte er noch nie gesehen! Die folgende stundenlange Modeschau unserer Fliegen bleibt unbeachtet - keine Äschenfahne kommt zum Vorschein.

Zwischenzeitlich kann Peter tatsächlich einen guten Lachs haken, der ihm jedoch im Drill aussteigt. Also konzentriere ich mich halbherzig auch wieder auf die Lachsfischerei, doch die große Raubäsche geht mir nicht aus dem Kopf. Schließlich beißt die Kapitale dann tatsächlich - ich kann die Riesenäsche sehen, sie biegt die Zweihandrute durch wie ein Lachs. Vor Gier drille ich sie auch so und muss prompt Lehrgeld zahlen: Der Haken schlitzt nach einer halben Minute aus. Groß der Frust, leer der Trost spendende Flachmann. Eins haben wir aber gelernt: Die Umba bringt wohl große Äschen hervor, wie für ein See-Fluss-System auch zu erwarten.

Im Unterlauf zweigt sich die Umba in drei Arme auf, im Westen die Nisma, in der Mitte die Podinza, und im Osten die Kitza, welcher durch einen weiteren großen See strömt und gemeinsam mit der Podinza zum Krivetz wird. Die Flüsse wurden vor vielen Jahrzehnten zur Holzdrift verwendet - wir sind überrascht, hier in der Wildnis bei den Aufzeigungen der Arme verfallene Wehre vorzufinden, die wohl in mühevoller Handarbeit erbaut worden sind.

Wir wählen den Nisma-Arm, weil er am abgeschiedensten liegt und keine weitere Seen-Passage erfordert. Hier am Ausrinn zeigt sich die Umba von ihrer besten Seite: Abwechselnd gehen Hechte, Flussbarsche, Äschen und Bachforellen auf unsere Fliegen. Die Umba-Forellen sehen deutlich anders aus als die der Yokanga: Mit messinggelben Flanken und gesprenkelt mit großen Flecken sind sie wahre Schönheiten, bei Größen meist zwischen 45 und 55 cm! Wir sind überrascht: Die Umba ist bekannt als guter Lachsfluss, auch von ihren Äschen hat man bereits gehört. Dass sie auch eine tolle Forellenfischerei bietet, ist uns neu.

 Die Hauptsaison für Lachs an der Umba liegt von Mai bis Juni und wieder ab Mitte August. Jetzt im Juli gibt es kaum frische Lachse, die bereits Aufgestiegenen halten sich wohl in den Seen auf. Zuviel können wir also von der Lachsfischerei nicht erwarten. Außerdem müssen wir etwas vorsichtig agieren - unsere bislang so erfolgreiche Tour soll nicht im Kerker enden. In einer durchfischten Nacht unweit vom Endpunkt unserer Flussfahrt beim Ort Umba ist es schließlich so weit, in kurzer Folge lassen sich ein Fünfpfünder und ein Sechspfünder von kleinen Lachsfliegen betören. Peter hat zweimal an derselben Stelle Kontakt zu einem Großlachs: das erste Mal schüttelt er die Fliege ab, das zweite Mal kann er ihn haken, in der ersten Flucht verklemmt sich jedoch die Schnur und das Vorfach bricht.

Dieser Fisch hätte unser Kola-Abenteuer zünftig beendet - was soll's, es bleibt ein Grund zum Wiederkommen. Denn eines steht für uns fest: Wer sich durch schweres Wildwasser & Mücken nicht abschrecken lässt, findet auch in Good Old Europe großartige Alternativen zu den ausgetretenen Pfaden jenseits des großen Teichs. So können wir auf der Rückreise im Speisewaggon sitzend die reichen Erlebnisse des letzten Monats noch gebührend nachbesprechen und unsere Reise mit einer Stadtrundfahrt im schönen St. Petersburg ausklingen lassen, dem Venedig des Nordens.