KANUFAHREN IN NORDKARELIEN

Liselott & Bernhard Allgeyer

Der Fluss:  Saunajoki     

Länge:  44 km

Dauer:  2 - 3 Tage

Einsetzstelle:  Saunajärvi

Endpunkt:  Kuhmo

Schwierigkeit:  WW II-III

Boot: GRABNER Outside Economy

Der Saunajoki befindet sich unmittelbar an der Grenze zu Russland in der Provinz Kainuu. Im späten August 1998 war es endlich soweit. Wir waren wieder einmal in Finnland, diesmal mit einem OUTSIDE, um die Flüsse im Gebiet um Kuhmo zu erkunden. Die Jahre vorher hatten wir schon mit einem festen Kanadier die klassische Teerroute von Lentiira nach Kajaani befahren.

Wir mieten uns in einer Blockhütte am Ufer des Saunajärvi ein. Hier beginnt die Saunajoki-Tour, direkt vor der Haustür, mit der Befahrung der Niskakoski, dem Ausfluss aus dem See. (Koski [finn.] = Stromschnelle).

Linker Hand der Niskakoski liegen alte Schützengräben und restaurierte Bunker aus dem Winterkrieg 1939/40. Hier gelang es den Finnen, die eingedrungenen Sowjets in mehreren Kesseln einzuschließen. Die ganze Fahrt den Saunajoki hinunter, kann man im Wald alte Stellungen finden.

Nachdem der folgende Alasenjärvi (Järvi [finn.] = See) überquert war, erwartete uns der Luohenjoki-Abschnitt. Über diesen Abschnitt war wenig bekannt. Am Tag zuvor hatten wir versucht, zu Fuß diesen Abschnitt zu erreichen. Dafür mussten wir 2 Stunden durch den Wald marschieren, um uns zum Ufer durchzuschlagen. Es ist dicht bewachsen und nicht an jeder Stelle zugänglich, wie wir feststellen mussten.

Ein Kentern in diesem Abschnitt gehört bestimmt nicht zu den erstrebenswertesten Erlebnissen, zumal auf dem Waldspaziergang dahin in einem Heidelbeerfeld die frischen Losungen eines Braunbären zu finden waren. Nachdem wir den Saunajoki befahren hatten, teilte man uns mit, dass ein paar Tage zuvor in Lähtevänkoski Wölfe gesehen wurden. Aber das wussten wir nicht, als wir diesen Ausfluss des Alasenjärvi erreichten.

Der See ist hier durch ein Wehr aufgestaut, welches zu diesem Zeitpunkt geöffnet war. Wir zogen unser Boot ans Ufer, um die Durchfahrt zu begutachten. Nach dem Wehr tat sich eine Stufe von ca. 60 cm auf, und dann wurde es steinig.
   
Dies führte bei der Weiterfahrt zu einigen Grundberührungen und Anstrengungen das Boot wieder loszubekommen. Der Lauf des Luohenjoki wurde nun von dichtem Wald und Dickicht begleitet. Das Ufer ist unzugänglich. Meist empfängt einen ein kleiner Teich, bevor es zur nächsten Stromschnelle weitergeht. Nach einer Weile bekommt man richtig Spaß an diesem System. Auf jede Schnelle folgt eine Verlangsamung der Fahrt in einem ruhigen Flussabschnitt. Anschließend wird es wieder rasanter, worauf wieder eine Verschnaufpause eingelegt wird. Aber auch der schönste Flussabschnitt endet einmal. Dieser endete im Lutjanjärvi. Und es begann zu regnen.

Nach einigen Regenkilometern hatten wir uns doch entschlossen das Ufer anzusteuern, um die Regenbekleidung auszupacken. In leichtem Regen tat sich am Ufer ein kleiner Sandstrand auf, den wir ansteuerten. Kaum waren wir dort, bemerkten wir, dass dahinter ein finnisches "Mökki", Ferienhaus, lag. Davor stand ein Mercedes 250, ca. 20 Jahre alt, Motorhaube und Türen geöffnet.

Der Besitzer stand daneben und war am Schrauben. Er winkte uns zu und sagte irgendwas auf Finnisch. Verstanden haben wir`s nicht. Mit wenigen Worten machten wir uns bekannt. Er zeigte mir den Motor, sprach etwas auf Finnisch dazu. Aber die Tatsache, dass ich aus dem gleichen Land komme wie sein Auto, hat in dieser Situation auch nicht viel geholfen. Kurzerhand deutete ich auf mich und sagte lediglich "Volkswagen". Da war klar, dass in dieser Situation ein VW-Fahrer nicht helfen konnte. Er meinte dann auf den Mercedes deutend : "Mika Häkkinen - Mercedes-Benz"
   
In der Zwischenzeit trat seine Frau aus dem Haus. Sofort waren wir zum Kaffee eingeladen. Kahvi und Kakku. Da saßen wir nun um den Kaffeetisch mit mehreren Sorten Kuchen. Auch der Hefekuchen war da, mit welchem man in Finnland den Nachmittagskaffee beginnt.

Die Hütte hatte keinen Stromanschluss. Aber die Frau ließ es sich nicht nehmen, zum Himbeerkuchen per Hand Sahne zu schlagen. Mit meinen wenigen Worten Finnisch, die ich vor über 15 Jahren als Au-Pair in einer finnischen Familie gelernt hatte, kam nur eine sehr holperige und zusammenhanglose Konversation zustande. Ganz kompliziert wurde es dann, als meine Frau einwarf, dass ihre Großmutter aus Finnland stammte. Da gab es eine Menge Fragen, aber wenige Antworten, weil die meisten Fragen nicht verstanden wurden.

In dieser etwas verfahrenen Situation folgte nun eine typisch finnische Lösung: Das Handy wurde aus der dunklen Ecke geholt. Mit Hilfe dieser neuesten technischen Errungenschaft überbrückte unser Gastgeber die Distanz zu seiner Tochter nach Helsinki. Die konnte nämlich Englisch. Im weiteren Verlauf lief die Unterhaltung über unsere Dolmetscherin in Helsinki, und das Handy wurde nun jedesmal zwischen den Gesprächspartnern hin und hergereicht.

Zwischenzeitlich hatten wir zwei Stunden bei den Leuten verbracht, und der Regen hatte ebenfalls aufgehört. Vor unserer Abfahrt wurde noch das seltsame Boot begutachtet, und dann ging`s weiter zum Ausfluss des eigentlichen Saunajoki aus dem Lutjanjärvi.

Der Saunajoki ist ein wahres Biberparadies. Hier sind Teiche und ruhige Flussstrecken von diesen tierisch fleißigen Holzfällermeistern bewohnt. Überall an den Ufern ragen spitze Baumstümpfe aus der Erde. Frisch gefällte junge Espen und Birken liegen herum oder treiben im Wasser. Ein würziger Duft frisch abgepellter Laubbaumrinde lag in der Luft, als wir diesen Abschnitt unserer Kanutour anpaddelten. Stromschnellen und ruhiges Wasser wechselten sich wieder ab.

Ein großes Vergnügen war es, die 400 Meter lange Vääräkoski herunterzupaddeln. Unser Kanu, das auf dem ersten Blick bullig und plump vorkommen mag, gehorchte sofort jedem Paddelschlag und war sehr wendig. Jedem Hindernis wurde flink ausgewichen. Wer vorne am Bug saß, wurde ab und zu von Gist und Wellen bespritzt. Unfreiwillig geduscht oder nicht, das fast rodeoähnliche Abreiten der Wellen war ein riesiger Spaß.

Nach der Saunakoski wurde der Fluss ruhiger, um dann in einen See überzugehen. Am späten Nachmittag hielten wir Ausschau nach einem Lagerplatz, denn ein eher schwieriger Abschnitt stand uns ab hier bevor - die Etappe über offenes Wasser nach Kuhmo - und die wollten wir am folgenden Morgen ausgeruht und gestärkt herangehen. Wir fanden eine geeignete Stelle auf einer Insel im östlichen Teil des größeren Binnensees Lammasjärvi.

Nach Routinearbeiten, wie Boot entladen, aus dem Wasser ziehen, umdrehen und gut festbinden, Zelt aufbauen und Ausrüstung ins Trockene bringen, genossen wir in aller Ruhe unser Abendessen. Das Wasser des Lammasjärvi plätscherte am Ufer vor sich hin, die Sonne senkte sich im Westen langsam Richtung der gezackten Silhouette des karelischen Tannenwaldes, und ein Seetaucher erhob seine Stimme, um ein wehmütiges Spätsommerlied über die Wasserfläche hallen zu lassen.

Doch diese Stille sollte nach einer Weile gebrochen werden: Der Motor eines Außenborders brummte im Fernen auf. Von unserer Insel aus war lange kein Boot in Sicht, aber das wespenähnliche Gesumme dauerte an und verriet die Anwesenheit anderer Menschen. Das einzige sichtbare Lebewesen war aber ein Haubentaucher, der erhobenen Kopfes angeschwommen kam. Mit einem Plupp tauchte er plötzlich ab. Wenn das Geräusch des Außenborders nicht ununterbrochen zu hören gewesen wäre, hätte man fast glauben können, der Vogel wäre motorisiert. Ein wenig später tauchte er an einer anderen Stelle wieder auf und schüttelte das Wasser energisch aus seiner bürstigen, rostbraunen Frisur.

Das ferne Summen des Motorbootes wuchs schließlich zu einem Brummen an. Kurz darauf wurde das Boot zwischen zwei Inseln sichtbar. Es fuhr zügig an unserem Lagerplatz vorbei, drehte einen großen Bogen, um danach eindeutig auf unsere Insel Kurs zu nehmen. Nachdem das Boot unten am Ufer angelegt hatte, kamen drei gummibestiefelte Leute auf uns zu: Ein Jüngling, ein Mann und ein Alter mit Zipfelmütze. Wieder machten wir uns auf eine sehr holperige Konversation bereit. "Hyvä päivä!" ([finn.] = Guten Tag), sagte der Mann. "Hyvä päivä", antworteten wir. Die Leute sahen sich an unserem Lagerplatz friedlich um. Unser Kanu, die große, schwarze "Gummibanane", zog wieder Aufmerksamkeit auf sich.

Der Mann versuchte mit uns ins Gespräch zu kommen, was ihm leider nicht sehr gut gelang. So ein Kanu wie unseres hatten die Leute wahrscheinlich noch nie zuvor gesehen. Es fiel ihnen offenbar schwer den Bootstyp ohne weiteres einzuordnen, zumal es verkehrt herum auf Land lag und die Paddel unter dem Kanu waren und nicht gesehen werden konnten.

Mit einem unsichtbaren Phantasiepaddel machte der Mann ein Paar Schläge in der Luft und sah uns fragend an. Mein Mann und ich nickten; ja wir sind Kanuten. Der Jüngling war schweigsam, aber am Kanu sehr interessiert und als das Eis mit den pantomimischen Konversationsversuchen etwas gebrochen war, fasste er ihn an und setzte sich rittlings auf den Bug.

Der Alte mit der Zipfelmütze traute sich auch heran. Er schwieg, grinste glücklich und schwankte etwas. Das Kanu wurde nun zum zweiten Mal am gleichen Tag inspiziert. Einzelne Worte, die wir nicht verstanden, fielen. Dem Ton und den Gesichtsausdrücken nach, waren sie aber positiv. Dann schickte der Mann den Jüngling zum Motorboot. Er kam mit einer unettikettierten Flasche zurück, die eine klare Flüssigkeit beinhaltete.

Klar war jetzt auch, warum der glückliche Zipfelmützenträger ein bisschen torkelte. Die Flasche wurde dem Jüngling aus der Hand genommen, der Korken abgeschraubt und mein Mann durfte den Inhalt schnuppern. Dann wurde ihm mittels Handbewegung angeboten, zu probieren. Er streckte seinen Blechbecher hervor. Ein Schluck des Getränkes gluckste hinein. Mein Mann trank, schluckte und verzog das Gesicht. Vergnügtes Gekicher.
Der Jüngling, der sich auf den Bug des Kanus wieder rittlings hingesetzt hatte, hüpfte leicht. Mein Mann ging zum Zelt und holte eine kleine Feldflasche mit fünfzigprozentigem Schwarzwälder Pflaumenschnaps, den sein Onkel gebrannt hatte, und ließ die erwachsenen Männer davon einen Probeschluck nehmen. Sie schluckten, rissen die Augen weit auf und schnappten nach Luft. Finnische Wörter und halbgequältes Gelächter wurde hervorgehustet, worauf sie sich, gut gelaunt, von uns verabschiedeten.

Wir standen am Ufer, als das karelische Trio in ihr Motorboot stieg. Als es langsam Richtung offenes Gewässer zufuhr, riss der Alte seine Zipfelmütze vom Kopf und winkte damit. Er setzte sie aber schnell wieder auf, als der Jüngling am Steuer Gas gab und der Fahrtwind stark zunahm. Bald verschwanden sie im Dämmerlicht zwischen den beiden Inseln, woher sie gekommen waren.