Herbsttour auf der Luznice

Text und Fotos:Reinhold Müller
Reiseziel:Luznice
Boote:GRABNER Outside

Gemächlich zockelt unser Gespann, Toyota Landcruiser und im Schlepp der Trailer "Tundra" auf schmalen, holprigen Sträßchen gen Osten. Wir sind unterwegs in Südböhmen, im Land der Rosenberger, deren Emblem, die fünfblättrige Rose, noch heute an vielen Türen, Toren und Giebeln prangt. Mit an Bord, die vierjährige Hannah; sie wollte unbedingt mit auf die Reise.

Irgendwie hat eine Herbsttour nach Südböhmen bei uns seit einigen Jahren Tradition - Bootstouren auf der Moldau, Exkursionen durch den Sumava Nationalpark, Städte wie Ceský Krumlov und Ceské Budejovice erkunden. Diesmal haben wir die weiter östlich gelegenen Rosenberger Seen und die Luznice, den beliebtesten Kanufluss Tschechiens, im Visier. Doch Anfang Oktober ist die Paddelsaison in Tschechien vorüber. So haben wir das landschaftlich reizvolle und historisch schöne Südböhmen fast für uns allein. Östlich des hübschen Städtchens Trebon beginnt eine Seenlandschaft die an Skandinavien erinnert. Doch in Wahrheit handelt es sich dabei um Fischteiche die diese Atmosphäre zaubern. 800 Jahre reichen die Ursprünge des Teichbaus zurück, doch erst die Rosenberger begannen mit dem systematischen Bau von Großteichen.

Hunderte, zum Teil mehrere Quadratkilometer große Teiche prägen das Landschaftsbild. Bei dem Dorf Nová Hlina (465 m) finden wir zwischen den beiden Seen Rozmberk und Vitek einen Traumplatz am Ufer. Die Sonne strahlt, ein laues Lüftchen schiebt Schönwetterwolken über das flache Land. Rasch ist unser Schlauchkanadier "Outside" mit Luft gefüllt. Hannah bekommt ihre Schwimmweste umgeschnallt, die frohe Fahrt beginnt. Gegen den Wind paddeln wir am Ufer entlang. Eichen wurden vor Jahrhunderten als kleine Pflänzchen eingesetzt und dienen der Stabilisierung und Verdichtung der Dämme. Dann wieder sumpfige Schilfgürtel, Refugien für seltene Vogelarten. Fasziniert folgt Hannah mit den Augen einem Reiher, der aus dem Schilf aufsteigt und hinüber ans andere Ufer segelt. Der Rozmberk (489 ha) ist der größte Teich in dieser Seenlandschaft und mitten hindurch fließt die Luznice. Doch heute lockt uns das stehende Wasser dieses Sees.

Immer wieder springen Fische aus dem Wasser, unmittelbar neben dem Boot. Beinahe wähne ich mich im Schlaraffenland als ein Karpfen direkt vor Hannah im Outside landet - Fischen ohne Netz und Angel. Gegen Abend schläft der Wind ein, wir sitzen vor unserem Gespann, blicken auf den spiegelglatten See und genießen die malerische Stimmung der "Blauen Stunde". Ganz anders Hannah, gedankenverloren spielt sie mit ihrer Barbie-Puppe auf der Iso-Matte.

Der nächste Morgen empfängt uns mit Regen. Nach dem Motto: das Warten auf besseres Wetter verkürzt man am besten, wenn man ausgiebig und lange frühstückt, verbringen wir die nächste Stunde im Camper. Gegen zehn hat Petrus ein Einsehen und schiebt die Wolken weiter. Die Sonne lockt uns aus dem Landcruiser, zu einer Radtour durch das "Biosphärenreservat Trebonsko". Ausgedehnte Mischwälder säumen die Wasserflächen, gewaltige, vielhundertjährige Eichen sichern die Dämme. Der Wald öffnet sich, in der Niederung breitet sich sumpfiges Marschgebiet aus; mit einer seltenen Flora. Einige Kilometer weiter das Dorf Stríbrec, umgeben von einer reizvollen Wald- und Wiesenlandschaft, Ackerland und Streuobstgärten. Eine Landschaft zum Genießen.

Am frühen Nachmittag brechen wir mit unserem Gespann auf. Trebon, deutscher Name Wittingau, erinnert an die Wittigonen, Vorfahren der Rosenberger. Das Städtchen liegt inmitten dieses großen Seengebietes.

Ab dem 16. Jahrhundert war es das Zentrum der Böhmischen Teichwirtschaft, heute ist es ein geschätzter Moorkurort bei orthopädischen Krankheitsbildern. Uns hat es besonders der linsenförmige Marktplatz angetan, mit seinen Arkadengängen, den hübschen Renaissance- und Barockhäusern und dem obligatorischen Brunnen.

Weiter nördlich, bei Tabor, zeigt die Luznice ihr ganz anderes Gesicht, sie taucht in ein enges Waldtal. Hier ist der reizvollste Abschnitt des Flusses. Das ganze Taborer Gebiet ist mit der Hussitenbewegung verbunden. Von hier nahm die Lehre von Jan Hus Kozi Hrádek ihren Ausgang.

Ebenso wie Trebon ist auch Tabor ein hübscher, sehenswerter Ort mit seinem gotischen Rathaus, mit einem System von unterirdischen Gängen und einer unikaten Struktur von schmalen Gassen, die bereits von den Hussiten angelegt wurde. Bereits 1961 wurde der historische Stadtkern von Tabor unter Denkmalschutz gestellt. Etwa 15 Kilometer flussabwärts finden wir bei Becíce einen schön gelegenen Zeltplatz am Ufer der Luznice.

Seit Mitte September ist er offiziell geschlossen, das heißt, die Gastronomie wird nicht mehr bewirtschaftet und die Stellplatzgebühren fallen weg. Ansonsten kann man problemlos sein Lager unter den Bäumen am Ufer errichten.

Tags darauf lassen wir den Tundra auf dem Zeltplatz zurück und erreichen mit dem Camper und dem Schlauchkanadier "Outside" Tabor. Noch im Stadtbereich setzen wir das Boot ins Wasser. Der Fluss wird ruhig, dann kündigt dumpfes Rauschen ein Wehr an. Ohne Probleme rutscht die Gummiwurst über die Schräge.

Durch die Granit- und Gneisplatte des Táborer Höhenzuges, gräbt sich die Luznice in vielen Windungen, ein enges, tief eingeschnittenes Tal. Zu beiden Seiten klettern herbstlich gefärbte Wälder die steilen Hänge hoch. Die Waldschlucht beginnt. Vor dem nächsten Wehr warnt ein Schild vor der Befahrung, wir umtragen es links. Gemächlich treibt unser Boot bei traumhaftem Herbstwetter durch das Tal der Luznice, der Himmel ist wolkenlos. Am rechten Ufer, hübsche Holzhäuser, umgeben von schlanken Fichten. Dann wieder wölben sich bunt beblätterte Äste weit über den Fluss. Ein verfallenes Wehr lauert auf Boot und Mannschaft. Wir legen an und besichtigen den Abschnitt, der einige Höhenmeter durch eine verblockte Passage mit zum Teil nur knapp überspülten Felsen talwärts führt - mit Hannah an Bord gehen wir auf "Nummer sicher", erkunden den bestmöglichen Wasserweg.

Herbsttour auf der Luznice

Die Strömung nimmt uns mit, lässt uns über eine garstige Welle reiten und wirft uns vor die nächste Walze. Weißwasser schlägt über das Bug des Outside, und somit über Hannah zusammen die tief gebeugt ganz vorne im Boot kniet. Brrrr - sie schüttelt sich, wischt sich das Wasser aus den Augen und lacht uns an. Die Fahrt geht weiter. Lautlos tauchen wir die Stechpaddel ein und ziehen sie gleichmäßig entlang der Bordwand zurück. Außer dem Rascheln der Blätter, wenn ein Windhauch durch die Bäume fährt, absolute Stille - Zauber der Herbstnatur. Am Ufer legen wir eine Rast ein. Das Wurzelwerk der Weiden und Erlen durchzieht die Uferböschung, Rankengewächse hangeln sich hoch bis in die Baumwipfel. Auf einem sonnigen Plätzchen lassen wir uns nieder, genießen die traumhafte Herbststimmung und kauen unser Trockenfutter.

Höher und höher steigt die Sonne. Auf lustig plätscherndem Wasser geht es zügig voran, doch bald fließt die Luznice wieder träge in weiten Schleifen durch ein reizvolles Engtal. Still und glitzernd wie ein See liegt das Wasser bei der Matouskov sky mýln, doch das Wehr hat es in sich und verlangt eine sichere Bootsführung. Wir halten uns links. Slalomartig steuern wir das Outside durch die mit ausgewachsenen Felsen gespickte Strömung im Auslauf. Tief taucht das Kanu in die Wellenberge ein. Wasser schwappt über die Bordwand.

Mit fröhlichen Jauchzern begleitet Hannah diese spritzige Fahrt. Hinter jeder Biegung ein anderes Bild dieses idyllischen Flusstales. Wir genießen die Ruhe, die wärmenden Sonnenstrahlen, das Singen der Blätter im Wind. Zügig geht es durch herbstlich bunte, mit Felsen durchsetzte Mischwaldschluchten. Beeindruckt von der Atmosphäre und den Erlebnissen dieser Bootsfahrt erreichen wir den Zeltplatz bei Becice-Luznicanka.

Am Abend, "Märchenstunde" für Hannah. Mit leuchtenden Augen lauscht sie den Geschichten, die Helmut und ich von unseren Reisen erzählen. Die späte Abendsonne wirft seidigen Glanz auf die Wellen des Flusses. Wie goldene Speere dringen ihre Strahlen durch das Geäst der Bäume.

INFO Luznice (Tschechien)

Die Tschechische Luznice entspringt als Lainsitz, am Tischberg, im Norden Österreichs auf etwa 1000 m Höhe und mündet nach 146 Kilometern bei Týn n. Vltava (Tschechien) in die Moldau. Er ist der von Kanuten am häufigsten befahrene Fluss in der Tschechischen Republik.

Am Oberlauf fließt sie durch eine Ebene mit reichlich Wäldern, Wiesen und mehr als 2000 Fischteichen die vor Jahrhunderten von den Rosenbergern angelegt wurden. Der größte Teich, der "Rozmberk", breitet sich, seeartig, auf einer Fläche von 489 ha aus.

Weiter flussabwärts, bei Tabor, beginnt der reizvollste Teil der Luznice. Der Fluss verläuft hier durch ein tiefes, landschaftlich schönes, streckenweise schluchtartiges Waldtal.

Die Luznice hat hier gute Strömung, leichte Stromschnellen (WW I). Beim Durchfahren von zerstörten Wehren wird es spritziger (besichtigen, ggf. umtragen).