Fluß ohne Mündung

von Jonas Nöcker

Einsatz: Qued Dadès-Msemrir
Aussatz: Sidi-Flah
Fahrstrecke: 120 km
Schwierigkeiten: WW II (III) 

Einsatz: Qued Draa - Agdz
Aussatz: Zagora oder Tamegrout
Fahrstrecke: 90 km
Schwierigkeiten: WW I (II)

Ankunft

Knapp vier Stunden dauert der Flug nach Agadir. Und dann ist man erst einmal in einer gesichtslosen afrikanischen Hafenstadt an der Atlantikküste. Nach einem Erdbeben 1960 fast völlig zerstört, wurde sie modern wieder aufgebaut. Im größten Touristenzentrum Marokkos als Rucksackreisende mit Schlauchbooten angekommen, fahren wir mit überfüllten Überlandbussen ins Landesinnere.

Des Weges übernachten wir in Marrakech, der heimlichen Hauptstadt des Landes. Bevor wir uns am nächsten Tag wieder in einen Bus quetschen, genießen wir zuerst das Geschäftsleben am Djema el Fna.
Auf dem „Platz der Geköpften" gehen außer Wasserverkäufern, Schlangenbeschwörern und Märchenerzählern auch Bettler und Betrüger ihrer Arbeit nach. Letztlich erreichen wir nach drei Tagen das 500 Kilometer entfernt liegende Bergdorf Msemrir.

Bei unserer Ankunft findet gerade ein Markt statt, zu dem Viele aus der Umgebung angereist sind. Die marokkanische Bevölkerung besteht zu 60% aus Arabern und 40% Berbern. Die Berber sind heutzutage zumeist sesshafte Bauern. Nur eine Minderheit lebt noch heute als Nomaden in abgelegenen Gegenden des Mittleren Atlas.

Die Straße der Kasbahs

Flussbefahrungen in Marokko sollten nicht nur aus der Sicht des Wildwasserkanuten gesehen werden. Es ist vielmehr ein Sprung nach Afrika und in den Orient zugleich. Marokko ist immerhin das Land, das sich seinem Besucher wohl als das orientalischste zeigt. Man sieht Frauen und junge Mädchen, die Wäsche im Fluss waschen. Kinder, die nie ein Boot zuvor gesehen haben und Hunderte von Metern neben einem am Fluss entlang laufen, oder aber wie wir es ebenfalls einmal erlebten, mit Steinen nach einem werfen.

So gegensätzlich wie das Verhalten der Kinder ist das Land selbst. Marokko ist ein kaltes Land mit einer heißen Sonne. Schnee bedeckte Berge stehen am Rand der großen Sandwüste Sahara. Auf dem Ibel Toubkal - mit stattlichen 4167 Metern höchster Gipfel Nordafrikas - liegt das ganze Jahr über Schnee, ein bisschen jedenfalls. Immerhin gibt es einen Winterskiort mit Skiliften. Hier im Hohen Atlas-Gebirge, entspringt der Qued Dadès und führt sein Schmelzwasser durch mehrere tiefe Schluchten.

Die letzte Etappe zur Einsatzstelle am Qued Dadès müssen wir zu Fuß gehen. Es hat die Nacht über geschneit, die umliegenden Berge glitzern in ihrem weißen Kleid. Der bis zu einem Meter hohe Neuschnee garantiert uns ausreichend Schmelzwasser für die kommenden Tage. Der Fluss hat aufgrund des weichen Gesteinsbodens eine tiefbraune Farbe.
Unsere OUTSIDE tragen uns durch die oberen Schluchten, die mit bis zu 300 Meter Tiefe mehrere Gebirgsketten des Hohen Atlas durchbrechen. Die Schluchten gleichen Miniaturausgaben vom Grand Canyon des Colorado. Karge Vegetation und grobes Geröll lassen die Landschaft als eine Gesteinswüste erscheinen.

Die ersten 60 bis 70 Kilometer des Qued Dadès sind für den an Wildwasser interessierten Kanuten am lohnendsten. Nachdem der Qued Dadès das Gebirge verlassen hat, fährt er am Südhang des Hohen Atlas entlang. Er wird auf seinem Weg von der „Straße der Kasbahs" begleitet.

Hier findet man die schönsten Kasbahs Marokkos. Es handelt sich dabei um malerische Speicher- und Wohnburgen sowie um Paläste von Stammesfürsten. In diese mehrstöckigen Festungsdörfer zogen sich die Berber bei Überfällen nomadisierender Sippen zurück. Babylonisch, asyrische Formelemente sind an den prachtvollen Familienburgen und Stammessitzen zu erkennen. Architektur und Landschaft stehen hier in Einklang. Als Baumaterial dient der heimische Lehm und gehäckseltes Stroh. Noch heute werden im Süden des Landes Häuser in traditioneller Stampflehmbauweise errichtet.

„Allah gibt und Allah nimmt"

Nach 120 Kilometer erreichen wir Sidi-Flah, wo ein militärisches Sperrgebiet beginnt. Der Qued Dadès wird zum Stausee von Quarzazate aufgestaut, danach hei?t er Qued Draa und fließt in Richtung Süden in die Sahara. Bei starker Wasserführung ist eine Weiterfahrt auf dem Qued Draa möglich. Der Reiz einer Befahrung von den Bergen bis hin in die Wüste liegt in dem Miterleben, wie der Fluss sich stetig verändert. Zuerst ist das Wasser eiskalt und die uferbegrenzende Vegetation mager. Je weiter man in die flacheren Regionen kommt, desto mehr nimmt die Vegetation zu.

Der Fluss gleicht einer unendlich erscheinenden Oase, ein grüner Gürtel begleitet die Ufer. Das Wasser hat sich aufgewärmt, so dass Frösche, Schildkröten und Schlangen den Fluss leben lassen. Nun stehen Palmen entlang unseres Weges, welche vor dem in der Ferne erscheinenden schneebedeckten Atlas unglaubwürdig erscheinen.
Während andere Flüsse meist durch Zuflüsse größer werden, verringert sich das Wasser durch Verdunstung, Ableitungen für Trinkwasser und Bewässerungen. Der von den Schneefeldern des Hohen Atlas gespeiste Fluss verliert viel von seiner Kraft. Aber den Oasen in seinem Tal bringt er noch Leben. Hinter Zagora versickert er als Fluss ohne Mündung langsam im Sand. Hier beginnt die Sahara.

52 Karawanentage sind es südwärts bis zum nächsten Fluss, dem Niger. Fluss ohne Mündung

Nur alle Jubeljahre fährt der Dadès und Draa genug Wasser, dass er den Atlantik erreicht.

Wenn es genügend regnet, dürfte eine Befahrung bereits im späten Herbst möglich sein. Doch die höchsten Wasserstände und die größte Wahrscheinlichkeit ausreichend Wasser anzutreffen, liegen zwischen Februar und Mai. Ist im Winter über genügend Schnee gefallen, ist der Fluss auch bis Juni befahrbar.