Bei Dschingis Khans Erben

Bericht -  OÖ NACHRICHTEN / 16.10.2010

Text + Fotos: Martin Dunst

Reiseziel: Die Mongolei

Boot: GRABNER Outside

Die Mongolei - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2010. Dies sind die Abenteuer des Schlauchboots "Lieselotte", das mit seiner zwei Mann starken Besatzung knapp vierzehn Tage lang unterwegs ist, um eine fremde Welt zu erforschen, abseits eingetretener Tourismuspfade und  fern der Zivilisation. Sechstausendfünfhundert Kilometer Luftlinie von Österreich entfernt, bezwingt "Lieselotte" Stromschnellen und  Untiefen, bahnt sich den Weg vorbei an badenden Yaks, die gar nicht ans Ausweichen denken ...

Wir sind gekentert. Lieselotte ist schwer und träge, der Fluss ist gespickt mit tückischen Steinen. Auf diesem Wildwasser-Slalomparcours wird ein Torfehler schwer bestraft. Mit festem Griff zerrt der eiskalte Fluss an den Beinen und drückt das schwarze Schlauchboot gegen einen Stein. Seit zwanzig Minuten kämpfen wir gegen die Strömung. Durchgefroren und klatschnass müssen wir das vollbepackte Boot irgendwie umdrehen und ans Ufer retten. Gerade einmal zwei Stunden ist unsere Abenteuerfahrt alt. Die Libelle, die anfangs meinen Sonnenhut als  Flughafen genutzt hat, ist abgeschwirrt. An ihrer Stelle kreisen jetzt Adler und Geier über uns. In einem Kraftakt gelingt es dem Mollner Walter Wagner, Bundesförster und seit dreißig Jahren Abenteurer, "Lieselotte" umzudrehen und mit Hilfe seines weit weniger routinierten Reisegefährten an Land zu hieven.

Von Krämpfen gebeutelt, fluchen die beiden so laut, dass sogar der Teufel rote Ohre bekäme. Doch hier an diesem gottverlassenen Ort hört uns wohl nicht einmal der. Wir sind an einem Fluss voller Steine und Stromschnellen namens "Suman Gol" gestrandet - mutterseelenallein in der Zentralmongolei, tausend Kilometer entfernt von der Hauptstadt Ulan Batar. Was sich wie der Beginn eines Horrortrips anhört, ist  Auftakt zu einem Urlaub der etwas anderen Art - ohne Animation, Fünf-Sterne-Buffet, Luxusliegen und Meer, dafür mit jeder Menge schönen Bildern, herrlichem Spätsommerwetter, Lagerfeuerromantik und viel Zeit zum Innehalten und laut Denken. Die Mongolei ist flächenmäßig vier Mal größer als Deutschland und ist mit knapp drei Millionen Einwohnern eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt.

Wie kommt man nun auf die (Schnaps-) Idee hier Urlaub zu machen, ein Schlauchboot von zu Hause mitzubringen und darauf los zu rudern? Ein Fischer, der Teile unserer Tour selbst gereist ist, schwärmte Walter von der Schönheit des Landes vor. Für die unberührte Natur haben wir jedoch vorerst keinen Blick. Nach unserer kleinen Havarie ist die Hälfte des Gepäcks samt Digitalkamera abgesoffen - Robinson Crusoe und Freitag in einer oberösterreichisch-mongolischen Neufassung. Nach zwei Tassen Tee mit einem Schuss Wodka sieht die Welt wieder anders aus.  Die Kleider trocknen im Ufergebüsch, nach einem Tag Verschnaufpause geht es weiter. Alte russische Militärkarten führen uns. Die Libelle ist zurückgekehrt, nimmt ein Sonnenbad auf meinem Knie.

Hektik hat Pause

Geschlafen wird nahe dem Fluss im Zelt gemeinsam mit Ameisen, Stechmücken und Spinnen. Hauptnahrungsmittel sind Konserven mit dem selbstbewussten Markennamen "gut und günstig". Die Landschaft erreicht allerdings Fünf-Sterne-Niveau. Die Kulisse wechselt von rostbraunen Felsen wie im Grand Canyon zu grasbewachsenen Hügeln, die sich wie grüne Dünen am Flussufer entlang schwingen. Jeder Tag bringt neue Bilder - hundert Prozent Natur ohne Straßen, Autos, Stromkabel, nicht einmal Kondensstreifen von Flugzeugen zeichnen sich am tiefblauen Himmel ab. An den Lagerplätzen riecht es wie in Muttis Kleiderschrank. Was zu Hause im Kräutersackerl angenehmen Duft verbreitet, überzieh hier wie ein Teppich die Uferbereiche: Kamille, Baldrian, Melisse. Die Hektomatikwelt hat auf diesem Trip Sendepause - kein Telefon, kein Internet, keine Facebook-Statusmeldungen, stattdessen Lagerfeuer, Sternenzelt und Dosenmenü. "Herz, was willst du mehr", frohlockt Walter und stellt fest, wie wenig man für ein zufriedenes Leben wirklich benötigt.

Die einzigen Spuren von Zivilisation sind Schafe und Ziegen, die wie Krippenfiguren hintereinander aufgefädelt über schmale Steige in den Felsen trippeln. Ab und an sind Jurten, die Behausungen der Nomaden, zu sehen. Das Leben der Viehnomaden hat sich wohl seit der Herrschaft von Dschingis Khan vor vielen hundert Jahren nur wenig verändert. Auf den zweiten Blick sind einige Zugeständnisse an den Forts hritt zu  entdecken: Das Vieh wird mit Motorrädern aus China zusammengetrieben, neben den Behausungen sind Satellitenschüssel und Solarpanel installiert. Die Nomaden, die wir treffen, sind neugierig und gastfreundlich. Die Verständigung klappt mit Händen und Füßen. Einheimisches Essen lehnen wir, so gut und höflich es geht, ab: Schafinnereien-Nudelsuppe, Salz-Butter-Tee und Yak-Topfen sind weder Gaumenfreude noch bekömmlich für unseren Magen.

Einmal tuckert ein Dorfoberhaupt mit seinem Moped sogar extra fünfundzwanzig Kilometer weit zur nächsten Ansiedelung, um eine Flasche russisches Bier zu organisieren, die gemeinsam am Feuer geleert wird.

Unter vielen wohlwollenden Begegnungen kommt es auch zu einer Schreckminute. Ein schwarzes Schaf unter den Einheimischen stiehlt mitten in der Nacht Teile des Gepäcks aus dem Vorzelt: Während wir Geld und Pässe am Leib tragen, gehen mit den russischen Karten unsere Reiseführer verloren. Die Fahrt führt dennoch weiter.

Der Fluss hat längst seinen Namen gewechselt, die fremden Reisenden akzeptiert und sich beruhigt. Während des Ruderns bleibt daher viel Zeit für eigene Gedanken, erfolglose Versuche, die Begleitlibellen zu domestizieren und lange Diskussionen unter dem Titel "Gott und die Welt". Ein beliebtes Thema ist das Reiseland selbst. In der Hauptstadt Ulan Batar lebt ein Drittel der Landesbevölkerung, teils in Jurten und im Chaos, die Luftverschmutzung ist extrem, der Lebensstandard nur für die reiche Oberschicht hoch. Im Stadtzentrum steht eine Videowall größer als ein Fußballtor und spielt vierundzwanzig Stunden lang Werbeclips ab. "Wie anno dazumal bei uns Reich und Schön", sag Walter, der Kapitalismus sei eben unersättlich. Die Mongolei ist reich an Bodenschätzen: von Gold über Silizium bis Kohle lagern hier riesige unerschlossene Vorkommen. Profitiert haben davon bisher nur einige wenige korrupte Politiker und ausländische Minengesellschaften.

Gier nach Rohstoffen

Der Rohstoffhunger der Industrienationen bedroht auch die intakte Aulandschaft durch die wir schippern. So muss es entlang der Donau vor 50 Jahren ausgesehen haben. Mit Hilfe der Weltbank finanzierter moderner Baumaschinen entstehen auch außerhalb Ulan Batars befestigte Straßen, die den Weg für schwere Lastwagen ebnen, auf denen künftig Edelmetalle, Kohle und Mineralien abtransportiert werden sollen. "In zehn Jahren  wird die Gegend hier nicht mehr wieder zu erkennen sein", prophezeit Walter.

Angesichts der noch intakten Natur und der trüben Aussichten entwickeln wir ein Konzept für eine revolutionäre Fernsehsendung "Big Brother im Ökohaus": Es geht um die Frage Energieeffizienz contra Lebensstandard. Mit neuester Forschung und althergebrachtem Wissen soll eine Familie oder eine ganze Gemeinde Strom sparen, so energieautark wie möglich leben und dabei herausfinden mit wie viel mehr zeitlichem Aufwand das verbunden ist.

Bei so viel Weltverbesserung lassen wir den Fluss aus den Augen, der sich auf seine Weise rächt. Nach einer Kollision mit einer Weide, landen wir im Wasser, treiben dreihundert Meter weit ab. Die Reise hört also auf, wie sie angefangen hat. Zehn Minuten später sind wir am Ziel, steigen an einer wackeligen Pontonbrücke aus dem Wasser.

"Lieselotte" und ihre Besatzung haben die knapp dreihundert Kilometer lange Flussexpedition gut überstanden. Für das in die Jahre gekommene Schlauchboot war es wohl die letzte große Reise, auf der es noch einmal einen wichtigen Dienst leisten muss. Wir stolpern nämlich von einem Abenteuer ins nächste: Achtzehn Stunden Busfahrt über Stock und Stein im Mittelgang auf der zusammengerollten "Lieselotte" sitzend zurück nach Ulan Batar.

Die Hektomatikwelt hat auf diesem Trip Sendepause - kein Telefon, kein Internet, keine Facebook-Statusmeldungen. Stattdessen Lagerfeuer, Sternenzelt und Dosenmenüs.

Die Mongolei

Nachbarländer: Russland und China

Amtssprache: Mongolisch

Hauptstadt: Ulan Batar

Staatsform: Republik

Staatsoberhaupt: Tsachiagiin Elbegdordsch

Regierungschef: Süchbaataryn Batbold

Fläche: 1.564.116 km¼

Einwohnerzahl: 3.041.142

Bevölkerungsdichte: 1,9 Einwohner pro km¼

Währung: Tögrög