Text: Reinhold Müller

Fotos: Reinhold Müller

Reiseziel: DONAUDELTA (Rumänien)

Boote: GRABNER Outside

ABENTEUER DONAUDELTA (Rumänien)

Die Sonne nähert sich bereits dem Horizont, als wir einen abgeschiedenen Lagerplatz zwischen einem kleinen Waldstück aus Karpatenbirken und dem lehmig braunen Fluss Ialomita finden. Walter, ein Siebenbürger Sachse, der uns auf dieser Tour begleitet, spricht den Schäfer, der nebenan seine Herde weiden lässt, an, ob wir hier für eine Nacht bleiben können. Kein Problem! Rasch ist das Lager hergerichtet, dürres Holz gesammelt und ein Lagerfeuer entfacht - der Abend wird lang. Anderntags um sechs, Sonnenaufgang. Der Rest der Mannschaft schläft noch, als ich die Gegend mit der Kamera erkunde. Ganz in der Nähe überspannt eine malerische Hängebrücke die Ialomita, ein pittoreskes Bild vor der aufgehenden Sonne.

 

Unser Ziel, das in der Dobrudja liegende Delta der Donau, liegt noch weiter östlich; gegen 10 Uhr brechen wir auf. Bei Giurgeni wird über einer gewaltigen Brücke der mächtige Fluss überquert. Doch während die Donau noch 90 Kilometer nach Norden fließt, ehe sie nach Osten knickt, kürzen wir auf der 220 den Weg ab. Leicht wellig führt die Straße nach Nordosten, durch fruchtbares Land - Mais-, Weizen- und Sonnenblumenfelder soweit das Auge reicht. Die ebenmäßigen Hügel werden höher, ehe sie zum Delta der Donau hin wieder abfallen.

 

 Tulcea, in der Übergangszone zwischen Trockenland und Delta gelegen, ist der Verkehrsknotenpunkt und das wirtschaftliche Zentrum des Deltas. Bei Tulcea teilt sich die Donau in drei Arme. Im Norden bildet der wasserreichste Arm, der Bratul Chilia die Grenze zur Ukraine. Durch das Zentrum des Deltas, verläuft auf dem kürzesten Weg zum Schwarzen Meer der Bratul Sulina. Er wurde in den Jahren 1862 - 1902 von 93 Kilometer Länge  durch die Begradigung einiger Mäander auf 64 Kilometer verkürzt und für die Meeresschifffahrt ausgebaut. Die südliche Grenze des Donaudeltas bildet der, an Mäandern reiche, Bratul Sfîntu Gheorghe. Mit unzähligen Nebenflüssen und Kanälen ist das Delta netzartig durchzogen, ein Gefüge aus Wasser, Erde und allen denkbaren Zwischenstufen. Dazwischen liegen zahllose Seen, ansonsten Sumpfgebiet und Urwälder. Mehr als eine halbe Million Hektar Wasser und Land, zwischen Tulcea und dem Schwarzen Meer, wurden 1990 von der UNESCO zum Biosphärenreservat geadelt.

Um mit dem Boot das Delta zu erkunden, scheint uns der Fischerort Murighiol geeignet. Murighiol liegt am Südrand des Deltas, privilegiert durch eine Straßenverbindung zum Rest der Welt. Der Ort ist der äußerste Vorposten am Bratul Sfîntu Gheorghe, der mit dem Auto erreicht werden kann. Zudem hat er einen Campingplatz.

 

Ehe wir mit unseren beiden Outside Schlauchkanadiern zu Exkursionen in das Labyrinth aus Wasser und Schilf aufbrechen lockt uns das Donaudelta Informationszentrum in Crisan. Crisan liegt im Zentrum des Deltas und zieht sich entlang des Bratul Sulina. Erreichen kann man es ausschließlich auf dem Wasserweg. Aufgrund der beträchtlichen Entfernung und der einem Irrgarten aus Kanälen, schwimmenden Inseln, Wald- und Schilfregionen gleichenden Geografie des Donaudeltas, entschließen wir uns die Fahrt nach Crisan mit einem ortskundigen Führer zu unternehmen.

 

Walter spricht einige Fischer an und bald macht seine "gefürchtete" Schnapsflasche mit dem undefinierbaren Hochprozentigen die Runde. Bei mir äußerte sich vor einigen Tagen seine Wirkung in einem Reizhusten der mit Erstickungsanfällen einherging. Seitdem wird dieses urinfarbene Teufelszeug "Gelber Würger" genannt. Schließlich einigen wir uns mit Marcel, einem Deltafischer. Er wird uns morgen in seinem kleinen Fischerkahn durch das Donaudelta steuern.

 

Wir mieten uns auf dem nahen Campingplatz ein. Unser Standplatz mit einem herrlichen Blick auf den von Schilfgürteln eingerahmten, angeblich heilkräftigen See „Lacul Murighiol“, ist grandios.

 

Punkt halb acht stehen wir anderntags am Ufer, bereit für die Delta-Exkursion. Einige Fischer kehren gerade mit ihren Booten aus dem Delta zurück - der Fang war spärlich. Die Petrijünger haben auch schon einmal bessere Tage gesehen. Unser Boot schiebt sich den Kanal entlang, vorbei an dicht bewaldeten Ufern, hinaus zum breiten Lauf des Bratul Sfîntu Gheorge. Uzlina wird passiert, ein kleines Fischerdorf, in dem Ceausescu nahe einer Pelikankolonie, eine prächtige Villa für seine Deltaausflüge erbauen ließ. Bereits nach einer halben Stunde befinden wir uns in der Abgeschiedenheit eines schmalen Wasserlaufes. Ein sattgrünes Blätterdach wölbt sich über das Wasser, von Ufer zu Ufer. Fischreiher lauern auf knapp aus dem Wasser ragenden, morschen Baumstümpfen nach Beute. Das Boot legt an. Um uns herum, nur Sumpf, Schilf und Wasser. Wir sind mitten im "grünen Meer", dem größten zusammenhängenden Schilfgebiet der Erde. Am frühen Morgen wirkt das Grün verändert, weicher. Ein Streifen wie ein weißlicher Perlensaum weit hinten am anderen Ufer - das Fernglas offenbart: Pelikane. Mehrere Dutzend. Davor, wie schwarze Schattenrisse, unzählige Kormorane. Die Fischbestände im Reservatsgebiet sind zurückgegangen. Die Fischer schimpfen auf ihre Konkurrenten, die Wasservögel. Zuallererst auf die Kormorane, die man hier als "schwarze Teufel" verwünscht. "Diese Räuber und Diebe hören nie auf zu jagen, selbst dann nicht, wenn sie längst satt sind" schimpft Marcel. Dass die Deltavögel beachtliche Mengen Fisch verzehren, ist kaum zu leugnen. Doch nicht die Vögel gefährden den Fischreichtum des Donaudeltas, sondern die Verschmutzung des Wassers. Auf mehr als 2800 Kilometern trägt die Donau giftige Abwässer aus neun Staaten Europas zum Meer. Dennoch, dem Besucher offenbart sich dieses Naturwunder als phantastisches Biotop mit tropischer Üppigkeit.

Die Zeit vergeht wie im Flug, die Sonne nähert sich ihrem höchsten Punkt. Am Ufer eine Hütte aus Schilf, wir landen an. Marcel erzählt, dass von hier aus ein befreundeter Fischer seine Fischzüge startet, von Mai bis Oktober wohnt er in dieser abgelegen Region des Deltas. Die Hütte ist eine Art Pfahlbau. Sie sockelt auf einigen Baumstämmen, ansonsten besteht sie ausschließlich aus Schilf, abgesehen von dem Moskitonetz, das über das "Schilfbett" gespannt ist.  Ich erkunde die Gegend. Ein kleines Maisfeld und einige gespannte, stählerne Schlagfallen liegen auf dem Areal. Neben der Hütte eine Erdgrube mit einem Eisengrill - die Kochstelle. Ein Feuer ist schnell entfacht und bald grillen Wels und Hecht auf dem Eisengitter. Brot und Fisch - köstlich.
Weiter östlich und mitten im Herz des Deltas, liegt das Urwaldgebiet Padurea Caraorman, ein wild wuchernder Dschungel aus umgestürzten Bäumen, Lianen und umher huschendem Getier. In flachgründigen Seen treiben Teppiche aus Wasserpflanzen, dicht unter der Wasseroberfläche.

 

In Crisan legen wir an. Die ukrainisch gegründete Siedlung ist ein sieben Kilometer langes Straßendorf – allerdings ohne Straße, denn alle Häuser liegen in einer Reihe am Fluss. Sie verbindet ein Fußweg auf dem Uferdamm. Im Donaudelta Informationszentrum erfahren wir interessante Details über die Entwicklungsgeschichte des Deltas und seine Bedeutung für die Umwelt. Zudem ermöglicht uns ein naher Aussichtsturm einen Blick aus der Vogelperspektive auf die umliegende Schilf-, Wald- und Wasserlandschaft.

 

Die feuchte Gegend macht das Delta auch für andere Siedler attraktiv - Frösche und Molche, Wasserschlangen und Sumpfpflanzen, und nicht zuletzt die Stechmücken, deren Anwesenheit sich allerdings erst nach Sonnenuntergang zur Unerträglichkeit steigert. Die Sonne schickt bereits die warmen Strahlen des Abends über die Landschaft, als wir gegen halbacht den kleinen Fischerhafen von Murighiol erreichen.  Der Abend ist kurz, eine Schnakeninvasion treibt uns schon bald in den Camper.

Am nächsten Morgen ist der Himmel wolkenlos. Nach dem Frühstück brechen wir mit den beiden Outside auf, um die sich westlich anschließenden Schilfgürtel zu erkunden. Der Schilfvorhang schließt sich. Die Schlauchkanadier gleiten in eine Traumwelt, in der Wasserkäfer und Wasserschildkröten zwischen Seerosen und Lilien paddeln. Die Wasserlandschaft ist grün. Matt-, silbrig- und zartgrün, tief dunkelgrün oder sattgrün, wie die Algenfäden unter Wasser und die Frösche auf den Seerosenblättern, ein lautloses Abenteuer. Immer wieder begeistern uns Kormorane und die Flugakrobatik der Möwen…….
Tulcea liegt hinter uns, wir sind unterwegs nach Süden, entlang der Küste des Schwarzen Meeres. Doch in Gedanken wirkt noch immer das „Abenteuer Donaudelta“. Eine phantastische Landschaft die durch seine Vielfalt und seine Ursprünglichkeit besticht.

 

Reinhold Müller
E-Mail: reinhold.e.mueller(a)t-online.de

 

 

 

KURZINFO (Donaudelta, Rumänien)

 

Donaudelta:

Hinter dem Delta der Wolga ist das Donaudelta das zweitgrößte Delta Europas. Die gesamte Ausdehnung beträgt 5.640 qkm, von denen 4.340 qkm auf rumänischem 1.300 qkm auf ukrainischem Gebiet liegen. Es entwickelt sich seit rund 6000 Jahren in einer ehemaligen Bucht des Schwarzen Meeres durch die Anlagerung von Schwemmstoffen, und verschiebt sich im Norden jährlich etwa 40 Meter weiter ins offene Wasser. Südlich von Sulina geht die Küstenlinie durch Erosion zurück. Bei Tulcea teilt sich die Donau in drei Arme die das eigentliche Delta bilden. Mit unzähligen Nebenflüssen und Kanälen ist es netzartig durchzogen; ein Gefüge aus Wasser, Erde und allen denkbaren Zwischenstufen. Das Donaudelta gilt als größtes zusammenhängendes Schilfgebiet der Erde. 1990 wurde das Donaudelta zusammen mit dem Seenkomplex Razim-Sinoe von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt.
300 Vogelarten (Rosa- und Krauskopfpelikan, Silberreiher, Seidenreiher, Löffler, Höcker- und singender Schwan, Säbelschnäbler, Kranich, Aasgeier, Donaufalke usw.) und 110 Fischarten (Stör, Hecht, Karpfen, Wels, Donauheringe, an der Mündung Delphine, Schwarzmeerseehunde und eine kleine, ungefährliche Haifischart) wurden registriert. Desweiteren Fischotter, Bisam- und Biberratte, Nerz, Wolf, Wildschwein, Wildkatze, Sumpfschildkröten, Schlangen und Lurche, um nur einige zu nennen.

Ebenso vielfältig ist die Pflanzenwelt mit einer schwimmenden Unterwasserflora, Seerose, fleischfressende Pflanzen wie Wasserschlauch und Wasserhade, Sumpfwolfsmilch, Tamariske und Sumpffuchsschwanz. Doch auch tropisch anmutende Urwälder die von Eschen, Eichen, Weiden und bis zu 25 Meter langen Schlingpflanzen geprägt werden.

 

Anreise:

Von Deutschland aus über Österreich und Ungarn. Die Entfernung von Würzburg bis zur rumänischen Grenze beträgt 1120 Kilometer (Grenzübergang Bors) und 1079 Kilometer (Grenzübergang Nadlac).

 

Einreise:

Reisepass oder Personalausweis, Führerschein, Kfz-Schein oder Zulassungsbescheinigung Teil I, Grüne Versicherungskarte.

 

Geld:

Währung ist der Lei.  1,- € ist 4,09 RON (Rumänischer Lei).
Verbreitete Akzeptanz von ec-/Maestro-Karte und internationalen Kreditkarten.

 

Verkehr:

Nachtfahrten auf Rumäniens Straßen sind ein höchst gefährliches Unternehmen. Die ohnehin schlechten Straßen ohne Seitenbefestigung und Fahrbahnmarkierungen werden nach Einbruch der Dämmerung zu einen lebensgefährlichen  Abenteuerspielplatz: alles strebt heimwärts - unbeleuchtete Pferdegespanne und Radfahrer, Schaf- und Kuhherden, Traktoren und Betrunkene. Von Nachtfahrten ist generell abzuraten.

 

Übernachtung:

Campingplätze gibt es oft in schöner Lage, jedoch sind die hygienischen Bedingungen der sanitären Anlagen häufig (meist) katastrophal.
Hinweis des Auswärtigen Amtes (www.auswaertiges-amt.de): Von "wildem" Camping oder Zelten wird abgeraten, es sollten nur die ausgewiesenen Plätze benutzt werden. Von der Aufbewahrung von Nahrungsmitteln im Zelt wird abgeraten, da es in der Vergangenheit öfter zu Angriffen wilder Tiere - insbesondere von Bären auf Nahrungssuche - gekommen ist.