Abenteuer Alaska

Mit dem Grabner "Outside" durch unberührte Wildnis

Wir wollen ausbrechen aus dem Alltag, hinaus aus der automatisierten Welt, die nichts dem Zufall überlässt. Wir wollen eintauchen in das große Abenteuer, die Freiheit atmen, eintauchen in die Schönheiten der unberührten Natur! Unser Lebenstraum ist, Alaska zu durchqueren; von Nordkanada aus durch menschenleere, teils unentdeckte Wildnis zur Bering See ganz im Westen.

Schon von Kindheit an hatten wir davon geträumt, eine Reise zu unternehmen, wie die großen Entdecker vor mehr als hundert Jahren - eine Reise in die Wildnis.
Wir meinten aber nicht die Wildnis, die man in Nationalparks zum Eintrittspreis erleben kann, denn diese besteht nur innerhalb einer Umzäunung, sie ist unwirklich und gleicht eher einem Freilichtmuseum. Wir wollten dorthin, wo nicht jedermann hingelangen kann, mit Angel und Flinte von dem leben, was die Natur hergibt und dort lagern, wo wir gerade Lust dazu haben. Vor allem aber wollten wir einmal das Gefühl verspüren, ganz auf uns allein gestellt zu sein, von fremder Hilfe abgeschnitten.

Heutzutage sind solche Orte kaum noch zu finden, schon gar nicht in Europa. Fast überallhin ist die Zivilisation hier schon vorgedrungen und Wildnis, wie wir zwei sie suchten, gibt es praktisch nicht mehr. Unser Trip führte uns daher viel weiter weg von zu Hause, auf den nordamerikanischen Kontinent, ins Herz Alaskas.

Der Plan

Als wir zwei Jahre zuvor eine sechswöchige Flussreise am berühmten Yukon River, an der Stelle beendeten, wo der Dalton Highway diesen mächtigen Fluss überquert, nahmen wir uns beide eines vor: Wir wollten eines Tages hierher zurückkommen, um die "zweite Hälfte" der Ost/West Durchquerung Alaskas von der Grenze zu Kanada bis an die Bering See in Angriff zu nehmen. Wer jedoch den sagenumwobenen Yukon kennt, der weiß, dass man heutzutage dort zwei Dinge leider nicht mehr findet: absolute Einsamkeit und unberührte Wildnis.

Betrachtet man die Landkarte von Alaska, so fällt außer dem großen Yukon River bald ein weiterer großer Fluss auf, der von Nordosten nach Westen fließt: der Koyukuk River, der hoch im Norden in den Bergen der Brooks Range entspringt und nach ca. 900 Kilometern in den Yukon mündet.
Folgt man dem Yukon - Fließwasser weiter stromabwärts, so stößt man schon bald auf Kaltag, ein kleines Indianerdorf, nur zirka 120 km Luftlinie von der Bering See entfernt. Beim genaueren Hinsehen fällt hier ein als Winter Trail beschriebener Pfad auf, der von Kaltag nach Unalakleet, einer kleinen Inuitsiedlung an der Bering See, führt.
Dieser Pfad erscheint einem auf der Karte wie eine "Abkürzung" zum Meer - "nur" zirka 120 km Landweg, statt einiger hundert Flussmeilen bis zur Yukonmündung. Diese Abkürzung rückte immer mehr in den Mittelpunkt unseres Interesses?
Im Winter ist der auch Kaltag Portage genannte Pfad eine viel befahrene Teilstrecke des berühmten Iditarod Trails. Dieser 1.860km lange Winter Trail ist Austragungsort des seit 1973 bestehenden Iditarod Schlittenhunderennens, das seinen Ausgangspunkt in Anchorage nimmt und in Nome an der Bering See endet.


So berühmt diese Strecke im Winter auch ist, so gänzlich unbekannt und praktisch unberührt ist sie im Sommer. Es war fast nichts über den Zustand der Kaltag Portage im Sommer zu erfahren.
"Grizzlybären und Moskitos, kein begehbarer Weg, unzählige Sümpfe und Flüsse zu durchqueren, ?", so lauteten die Antworten auf unsere Fragen. Alle rieten uns von diesem Vorhaben ab. Und wir sollten auch bald wissen warum?

Das Abenteuer beginnt

Schon am Beginn der Reise, am Middle Fork Koyukuk River, mussten wir unserem Vorhaben Respekt zollen. Nach nur einer halben Stunde im Hochwasser führenden Fluss wurden wir von einer riesigen Welle überrascht und ins Wasser geschleudert.

Es war Samstag, der 26. Juli 2003, der erste Tag unseres Abenteuers - und schon waren wir mitten im Überlebenskampf. Weit nördlich des Polarkreises - inmitten der verschneiten Berge der Brooks Range - bewahrheiteten sich alle Warnungen und unser anfänglicher Hochmut wich der bitterkalten Realität. Mit kurzen Atemzügen rangen wir nach Luft, schluckten und spuckten sandiges Wasser, und mussten dabei zusehen, wie die gewaltige Strömung so manch wertvollen Gegenstand aus dem davon treibenden Boot riss!
Es schien der wahr gewordene Albtraum zu sein, nur das erhoffte Erwachen blieb aus - und so wurden die nächsten Minuten zu einem beinharten Kampf gegen die eisig kalten Wellen des Koyukuk.
Wir hatten Glück - wir bibberten zwar vor Kälte, als wir völlig durchnässt unser Boot, ein Grabner Outside, an eine kleine Schotterinsel schleppten, doch es war uns gelungen, den Großteil unserer Ausrüstung und vor allem uns selbst zu retten.

So turbulent und gefährlich wie unsere zweimonatige Odyssee begann, so sollte es auch weitergehen. Zunehmend mussten wir erkennen, wie hart und grausam das Leben in der Wildnis sein kann. Wir waren schon nach zwei Wochen kaum wieder zu erkennen: ausgehungert, von Moskitos und anderen Quälgeistern zerstochen und vom dauernden Regen bis auf die Haut durchnässt! Doch wir fühlten uns auch irgendwie privilegiert, diese einmalige Schönheit der Natur hier draußen erleben zu dürfen!

Am Koyukuk River

Die Herausforderungen im ersten Monat waren vielfältiger Natur. Das größte Problem war wohl der Fluss selbst. Der Koyukuk River hätte für uns Wildwasseramateure eigentlich kein Problem darstellen sollen und war von uns beiden im Vorfeld als "sehr leicht" eingestuft worden.
Doch schon der erste Tag hatte uns eines Besseren belehrt! Der Fluss wurde nach den ersten turbulenten Kilometern mit zunehmender Wassermenge zwar immer ruhiger, doch der andauernde, oftmals stürmische Gegenwind konnte auch die glatteste Wasseroberfläche in ein schaukelndes Meer mit teils meterhohen Wellen verwandeln! Unser strenger Zeitplan wurde dadurch aufs Äußerste strapaziert und war bei der langsamen Strömung im unteren Flussabschnitt nur noch mit größtem Ruderaufwand zu schaffen. Hierzu kam die Witterung - in den ersten fünf Wochen durften wir nur vier regenfreie Tage erleben!

Doch unsere Hauptsorge war etwas anderes. Bei unserem Wildnistrip wollten wir uns ja so ursprünglich wie möglich ernähren - Schrotflinten sowie Angelruten bildeten das Herzstück unserer Ausrüstung. Die wenigen Grundnahrungsmittel waren streng rationiert und nur als Beilage zu den schwimmenden, fliegenden oder laufenden "Lebensmitteln" vorgesehen, die wir uns zu erjagen und zu erfischen erhofften. Doch der gewaltige Zeitaufwand der Nahrungsbeschaffungs-Maßnahmen machte uns einen Strich durch die Rechnung! Allein das tägliche Kilometersoll kostete uns schon 6-8 Paddelstunden am Fluss.

Dazu kamen die vielen Alltagsarbeiten, wie Holz hacken, Feuer machen, Brot backen und kochen. Hierbei noch die Zeit für Jagen oder Angeln unterzubringen war äußerst schwer, und das durch den Regen völlig aufgewühlte Wasser machte das Fischen anfangs sowieso unmöglich.
Erst später erlegten wir Hechte, Äschen, Lachse, Weißfische, Enten, Gänse und auch einige Stachelschweine, doch dadurch wurde unser enormer Energiebedarf nur teilweise gedeckt - sechs Stunden Rudern täglich kosten einfach viel Kraft!
Doch wir gaben nicht auf und erreichten Kaltag nach einem Monat. Zu diesem Zeitpunkt waren unsere Körper eigentlich schon völlig ausgebrannt. Jeder hatte an die 6kg Gewicht verloren und das, obwohl wir schon mehr Proviant aufgebraucht hatten, als unsere strenge Einteilung eigentlich erlaubte!

Fatale Entscheidung

In Kaltag mussten wir eine Entscheidung treffen. Auch die Einheimischen, die ja am besten über die Gegend Bescheid wussten, rieten uns ab, die Portage zu beschreiten. Die Sümpfe dort wären im Sommer unüberwindbar, die vielen Grizzlies lebensgefährlich und die Myriaden von Moskitos, Black Flies und Punkies zermürbend. Doch wir waren bereits zermürbt, ausgehungert und erschöpft - was sollte noch schlimmer sein?Eigentlich hätte der kleine Funken Verstand, der von unserem "lagerfeuerrauchvergifteten" Gehirn noch übrig geblieben war, uns zum Aufgeben mahnen müssen! Doch die Abenteuerlust, und vor allem der Wille, die seit über zwei Jahren geplante Route zu schaffen, trieben uns schließlich weiter, weiter Richtung Unalakleet! Unsere Ausrüstung war zum Teil verloren gegangen, zum Teil unbrauchbar geworden, und von unseren vier Flintenläufen funktionierte nur noch einer! Außerdem war klar, dass der Proviant ohne Jagdbeute nur noch für einige Tage reichen würde!Dennoch nahmen wir eine Tour in Angriff, durch ein im Sommer völlig unbekanntes Gebiet bestehend aus Dickicht und Sümpfen, in dem uns nichts anderes erwarten würde, außer Mosquitos, Hunger, Grizzlies und allerhand sonstige Gefahren. Dies alles mit etwa 140 kg Gepäck, denn von nun an mussten wir auch das Boot auf dem Rücken transportieren! Wir folgten einem Pfad, der im eiskalten Winter wunderschön und für Schlittenhunde gut begehbar sein sollte, im Sommer jedoch in den sumpfigen Ebenen der arktischen Tundra versinkt. Der Wahnsinn begann?

Egal ist, ob Hunger und Erschöpfung uns fast den Verstand raubten, Bären, Elche oder Wölfe uns den Weg verstellten oder wir neuerlich in eiskaltem Wasser um unser Leben kämpfen mussten! Wichtig ist auch nicht, ob wir unser Ziel, die Beringsee erreicht haben. Alles was zählt ist das, was wir hier in Alaska erlebt haben und das hat uns für unser restliches Leben geprägt!

 

Das Buch
Irgendwann haben wir beschlossen, unser Erlebtes niederzuschreiben und im Laufe der Jahre ist daraus ein Buch entstanden, das die ganze Geschichte erzählen soll - von Zentralalaska bis an die Beringsee.
Darin beschreiben wir eine außergewöhnliche Reise in der wir oft dem Tode näher waren als dem Leben, ein Abenteuer, das uns nicht nur an unsere Grenzen führte, sondern weit darüber hinaus und das uns außerdem lehrte, dass selbst die absolute Freiheit sehr schnell zu einem Gefängnis werden kann, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt...

"Der Versunkene Pfad - Abenteuer in der Wildnis Alaskas"
Von Christoph Biedermann und Christian Langegger
Berenkamp Verlag 2006


www.der-versunkene-pfad.com