Kanutour in Jakutien - Sommer 2005

Es regnet in Strömen, als wir die Treppe der Tupolev hinuntersteigen. Wir folgen den anderen Fluggästen durch ein Tor und stehen plötzlich vor dem Flughafen Jakutsk. Hätten wir da nicht noch unser Gepäck auschecken sollen? Sekunden später stehen mir Peter, Juri und Vitja strahlend gegenüber - sie begrüssen uns herzlich mit einer Runde russischen Schampanskoje. Der Regen wird stärker - aber dies trübt unsere Stimmung nicht. Wir sind in Jakutien und die Reise kann endlich losgehen! Aber  -  beginnen wir von vorne:

Die Idee einer Kanutour von rund 400km aus dem Werchojansker Gebirge bis zur Lena hatte mich vom ersten Moment an fasziniert. Unterbreitet wurde sie mir von meinem Freund Peter "Pjotr" Eichenberger, der in Bern in der Schweiz lebt. Peter bereist seit Jahren die verschiedensten Regionen Russlands, spricht die Sprache fliessend und hat vor kurzem ein Bilderband "Sibirien" veröffentlicht. 

Die Planung lief schon Monate vor der Reise. Peter hatte mit seinen russischen Freunden die gesamte Logistik der Reise minuziös geplant. Trotzdem: in Russland reisen setzt Flexibilität und gute Nerven voraus - und genügend Zeitreserven. Die Linienflüge von Zürich nach Moskau und weiter nach Jakutsk mit unseren Grabner Adventures im Gepäck waren verhältnismässig schnell organisiert. Einiges anspruchsvoller ist es, in Jakutien im Osten von Sibirien einen Helikopter zu chartern, der eine 13 köpfige Gruppe mit samt Bootsmaterial und Verpflegung für 3 Wochen von Jakutsk bis zum Dorf Sebjan im Werchojansker Gebirge fliegt. Ein Tragflügelboot, das unregelmässig von Jakutsk aus auf der Lena in Richtung Polarmeer verkehrt, soll uns am Ende der Kanutour zurück nach Jakutsk bringen.

"Unser" Gebirgsfluss Sagandscha entspringt in den Werchojanksker Bergen und erreicht nach ca. 150 km die Djanischka, die ihrerseits 250 km durch die immer flacher werdende Taiga fliesst und schliesslich in die Lena mündet.

Wir sind in Russland und hier herrschen russische Dimensionen. Auch bei den Wartezeiten. Nach dem 4. Tag am Flugplatz Magan, ca. 20 km ausserhalb von Jakutsk, ist unsere Stimmung genauso am Boden wie der Heli, der uns hätte in die Berge fliegen sollen. Wir haben soeben unseren ganzen Gepäckberg von Rucksäcken, Verpflegung und Bootsmaterial wieder aus dem Helikopter ausgeladen, ohne gestartet zu sein. Das Flugwetter will nicht mitspielen. Obwohl sich heute hier in Magan ein makellos blauer Himmel über uns erstreckt, wird der Pilot von den staatlichen Meteorologen in Jakutsk beim Start per Funk zurückbeordert. Das Wetter im Gebirge sei zu unstabil mit dichten Wolkenfeldern. Nach mehreren Tagen, die wir nun vorwiegend auf der Treppe des Flugplatzes verbracht haben, und von Wetterbericht zu Wetterbericht gehofft haben, ist die Geduld der Gruppe etwas arg strapaziert.

Da wir heute nicht fliegen können, werden wir uns direkt an der Einbootsstelle aussetzen lassen, und auf die ursprünglich geplante Wanderung zum Fluss verzichten. So bleiben uns auf der Flusstour noch genügend Reservetage zur Verfügung.

 

Der einzige Zugang nach Sebjan, dem Dorf im Werchojansker Gebirge, ist im Sommer der Luftweg. Im Winter, wenn der Boden gefroren ist, können Lastwagen äusserst beschwerlich den Flussläufen entlang dorthin gelangen. Heute bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Camp am Hügel neben dem Flugplatz wieder aufzubauen und auf den nächsten Tag zu hoffen.

Am 5. Tag klappt es endlich. Der Flug ins Gebirge bietet herrliche Ausblicke über das Gebiet, in dem wir die nächsten 3 Wochen unterwegs sein werden. 2 1/2  Stunden später entladen wir den Heli und richten unser erstes Camp am Ufer der Sagandscha ein.

Wir benötigen einen Tag, um alles für die Kanutour vorzubereiten. Die Schlauchkanadier  aufpumpen, Katarafts aufbauen, Faltboot zusammenstellen, Essen verpacken. Auf den Booten muss alles wasserdicht verstaut werden.

Dennoch nehmen wir uns Zeit für eine Wanderung auf den nahe gelegenen Berggipfel und einen Besuch bei den Rentierzüchtern, welche in der Nähe ihre Herde betreuen. Abends braten wir frisches Rentierfleisch über dem Feuer. Eine leichte Spannung ist spürbar. Was uns wohl morgen auf dem Fluss erwartet?

 

Wir kennen den Fluss nicht. Was aus Kartenmaterial und aus Flussberichten erhältlich war, hat Peter eingehend studiert. Das Gefälle wird anfangs ca 12 Promille betragen, wir rechnen für die ersten Tage mit Wildwasser mittleren Schwierigkeitsgrades, danach nimmt das Gefälle zusehends ab.

Endlich geht es los. Unsere Boote sind verpackt. Das grosse 4er Kataraft wurde x mal umgeladen, bis der russiche Bootsführer Juri mit der Gewichtsverteilung und den Knoten zufrieden ist. Auch die Adventures sind mit Packsäcken beladen. Zelt, Schlafsack, Matte, Zelt, Kleider und ein Teil des Essens machen das Boot schwerer als wir es gewohnt sind. Die Strömung der ersten Stromschnelle drückt uns ungemütlich nahe an die Felswand. Im einem grossen Kehrwasser warten wir auf die anderen Boote. Beruhigend zu wissen, dass es ihnen nicht besser geht - alle müssen sich erst an die Trägheit der bepackten Boote gewöhnen.  

Unsere Gruppe besteht aus je einem russischen 2er und 4er Kataraft, 3 Schlauchkanadier, und einer Bajdarka, einem russischen Faltboot. Ich bin froh, in einem Grabner Adventure unterwegs zu sein. Das zähe Material, die Ösen, die das Bepacken erleichtern, und die Bootsform des Adventures überzeugen meinen Mann und Paddel-Partner Peter (ein weiterer Peter) und mich vom ersten Moment an.

Das Wasser ist glasklar. Stromschnellen wechseln sich ab mit ruhigen Stellen, die uns Zeit geben, die Flusslandschaft zu bestaunen. Immer wieder halten wir an und steigen aus, um die nächste Stromschnelle einzuschätzen. Können wir sie fahren oder sollen wir treideln? Das Flusswasser ist eiskalt - es gilt, kein Risiko einzugehen. Zum einen wollen wir das Bootsmaterial nicht verletzen, vor allem beim Faltboot kann die Bootshaut aufgeschlitzt werden. Zum anderen wäre Schwimmen bei diesen Wassertemperaturen eine ernsthafte Gefahr.

Wir sind froh um die Chemieanzüge der russischen Armee, die wir zu Trockenhosen umfunktioniert haben. Mit ihnen ist das Treideln und Gehen im Fluss kein Problem. Wir geben wohl ein ungewöhnliches Bild ab auf unseren verschiedenen Booten, eingekleidet in Gummihosen, russischen Rippenwesten und Eishockeyhelmen. Abgesehen von den Rentierzüchtern am ersten Tag begegnen wir jedoch keiner Menschenseele. Wir scheinen hier draussen die einzigen Menschen zu sein.

Am Ende einer Serie von längeren Stromschnellen schlagen wir unser Lager auf. Die Katarafts sind vorausgefahren, da sie auf diesem Wildwasser schneller unterwegs sind als wir in den Kanadiern. Die Suppe kocht schon über dem Feuer, als wir dazu stossen. Wir schlagen unser Zelt auf und machen es uns am Feuer gemütlich. Schön ist es, endlich auf dem Fluss unterwegs zu sein!

 

In den nächsten Tagen erwartet uns eine eindrückliche Kulisse. Leider hängen die Wolken recht tief, und ein Weitblick in die Berge wird uns vorenthalten. Trotzdem können wir uns kaum satt sehen - hinter jeder Kurve wartet ein neues Bild. Imposante Felswände, riesige Geröllhalden an den Bergflanken, Wälder mit leuchtenden Lärchen, ganze Flechtenteppiche, unzählige Beeren - und alles völlig unberührt. Trotz allen Eindrücken spielt sich schon bald an eine Art Alltag ein. Morgens Frühstück kochen, Lager abräumen, alles verpacken, Boote laden. Abends einen geeigneten Platz in der Taiga suchen, um unser Camp aufzuschlagen. Immer wieder Holz sammeln, Sitzbänke einrichten, Essen zubereiten. Fast immer finden wir Pilze oder Beeren, die unseren Speiseplan aufwerten.

Der Flusslauf ist spannend und bietet keine technischen Probleme für unsere Gruppe, die aus erfahrenen PaddlerInnen besteht. Wir geniessen die Stromschnellen in vollen Zügen. Das Gefälle nimmt nach den ersten 3 Tagen ab und wir fahren durch riesige Auengebiete. Oft verzweigen sich die Flussarme zwischen den vielen Kiesinseln.
 

An einem sonnigen Tag beschliessen wir, bereits am Mittag unser Lager aufzuschlagen, um einen Berg zu besteigen. Es sind die ersten überzeugenden Sonnenstrahlen seit unserem Aufbruch und beim Mittagessen stürzen wir uns übermütig in kurze Hosen und T-Shirts. Ein steiler Aufstieg über Geröllhalden bringt uns auf den Berggrat. Von hier aus können wir weit flussaufwärts sehen und gleichzeitig auch begutachten, was uns in den nächsten Tagen erwartet.

Das sonnige Wetter beflügelt unsere Stimmung. Wenn wir trocken und warm sind, ist das Leben hier draussen leichter. Bereits am nächsten Morgen plätschert jedoch der Regen an unserem Zelt. Ich liege noch im Schlafsack und rüge mich selber - ich habe einige Kleider über Nacht draussen hängen lassen, na super. This, der sein Zelt neben uns hat, beginnt den Tag mit einer Reihe von Fluchwörtern - er hat seine Regenjacke ebenfalls draussen hängen lassen - Futter nach aussen gekehrt?

Das nasse Wetter bleibt uns den ganzen Tag über treu. Im Regen braucht alles mehr Energie. Dazu kommt die Sorge, dass mindestens Innenzelt und Schlafsack trocken bleiben müssen. In diesen Situationen gilt es, positiv und aktiv zu bleiben, was nicht immer einfach ist. Gedanken an ein warmes Bett oder das Essen zuhause drängen sich auf. Doch davon sind wir weit weg.

Abends spannen wir eine Plane als Unterstand und warten eine Regenpause ab, um unser Zelt aufzustellen. In der Zwischenzeit köchelt eine Suppe auf dem Feuer, die uns nach dem feuchtkalten Tag auf dem Fluss aufwärmt.

 

Am nächsten Tag ist der Fluss deutlich angestiegen und unsere Reisegeschwindigkeit nimmt zu. Mittlerweile können wir die meisten Stromschnellen auf Sicht fahren. Unsere Boote scheinen winzig klein auf dieser riesigen Wassermasse, die um ein mehrfaches zugenommen hat seit dem Start auf dem kleinen Gebirgsfluss. Soviel fliessendes Wasser habe ich noch nie erlebt.

Bald erreichen wir die Djanischka, und die Wassermenge verdoppelt sich nochmals. Wir gleiten an den letzten Hügelzügen vorbei. Langsam nimmt die Strömungsgeschwindigkeit ab - wir kommen ins Flachland. Jetzt ist aktives Paddeln angesagt. Zum x-ten Mal bin ich froh um unsere Grabner Adventures. Nach der guten Falle, die sie im Wildwasser gemacht haben, zeigen sie sich auch auf diesem Wanderfluss von der besten Seite. Wir kommen gut voran - auch mit wenig Strömung. Nach ca. 2 ½ Wochen und 400 km auf dem Fluss erreichen wir die Lena. Die ohnehin schon grossen Dimensionen werden nun riesig. Die Lena ist hier bis zu 12 Kilometer breit - da vergisst man gern, dass sie ein Fluss ist.

Glücklich unser Ziel erreicht zu haben, fallen wir uns an einem Sandstrand in die Arme. Einige Kilometer weiter richten wir unser Camp am Flussufer des gewaltigen Stromes ein. Juri greift zum Satelliten-Telefon um die letzte logistische Hürde - den Rücktransport nach Jakutsk - zu bestätigen. Dies verläuft nicht ganz reibungslos. In letzter Minute müssen wir den Plan vom Tragflügelboot abschreiben und wieder einen Helikopter organisieren. Wir bepacken zum letzten Mal die Boote, um auf eine Flussinsel zu paddeln, auf der wir einen Heli-Landeplatz roden können. Plötzlich geht alles viel zu schnell. In der Ferne hören wir den Motor eines Helikopters. Wie in einem Action-Film landet der Pilot präzis in unserer Schneise, und wir beladen im von den drehenden Rotoren aufgewirbelten Sandsturm den Heli, damit der Pilot gleich wieder abheben kann. Von oben schauen wir wehmütig auf "unseren" Fluss hinab. Im Inneren des Helis schaue ich in die Runde. Meine Freunde sehen alle etwas abgekämpft aber sehr glücklich aus. Die letzten 3 Wochen werden uns noch lange in Erinnerung bleiben.