DIE SCHLUCHTEN DER CEVENNEN

Mit OUTSIDE und ADVENTURE durch die Gorges du Tarn

von Gerd Kassel

Gerade mal 100 Kilometer vom Mittelmeer entfernt und klimatisch von ihm begünstigt erheben sich die Cevennen. Als Massenziel für Frankreichtouristen taugt diese wild zerklüftete Berglandschaft kaum. Aber mit ihren tiefen Schluchten und klaren Wildflüssen, verwinkelten Bergdörfern und menschenleeren Hochebenen ist sie ein Outdoor-Paradies für Eltern mit abenteuerlustigen Kindern - weswegen ich auch schon so oft mit meiner Familie dort war. Am liebsten zum Paddeln in den Schluchten des Tarn.

Über die nationalen Grenzen hinaus bekannt wurden die Cevennen, nachdem der schottische Schriftsteller und Schatzinsel-Autor Robert Louis Stevenson ihren Norden anno 1878 vom Rücken eines Esels aus erkundet hatte. Seine Erzählung "Reise mit dem Esel durch die Cevennen" weckte das Interesse an der abgelegenen Bergwelt, zaghaft setzte internationaler Abenteuer- und Wandertourismus ein.
Die Kunde von wildromantischer Ursprünglichkeit machte die Runde, und so entdeckten nach den Wanderern auch andere die Cevennen: Die glasklaren Wildflüsse locken mehr und mehr Kanuten an und die verkehrsarmen Sträßchen sind wie geschaffen für ausgedehnte Radtouren. Auch Mountainbiker, Kletterer, Angler, Reiter und Motorradfreaks finden in den Cevennen ihr Eldorado.

Nach Süden und doch nicht ans Meer

Und bei uns? Da steht dieses Jahr eigentlich der wilde Norden auf dem Reiseprogramm. Aber nach einem total verregneten Frühsommer will meine Familie plötzlich lieber in den warmen Süden. Das Plenum tagt, ich ahne Schlimmes. "Was soll ich am Mittelmeer, wo auf jedem Quadratmeter Strand ein fauler Tourist rumliegt?" Es müsse ja nicht gleich die Cote d´Azur sein, meint meine Frau Astrid. Ihr Vorschlag: "Lass uns zu den Gorges du Tarn fahren. Da ist jetzt herrliches Badewetter", fährt sie aus und findet sofort Unterstützung bei unseren Kids.
Robin, Sina und Samira sind sich da ganz einig: "Au ja, ein bisschen Schwimmen, Sonnen und Paddeln, das brächte es jetzt nach dem wochenlangen Sauwetter!" "Gorges du Tarn", brumme ich. "Da war ich schon hundert Mal, super Landschaft, aber ich kenne jede Welle und Felswand mit Vornamen." "Ja und? Dann wird´s höchste Zeit, dass du mal ein schönes Buch über die geile Gegend schreibst. Da wird dir wenigstens nicht langweilig." Geile Gegend, Buch schreiben - gar nicht dumm, meine Familie, denke ich. Und so geht´s ab nach Süden, aber nicht ans Meer.

Das romantischste Wildwasser Frankreichs

Nach 1100 km Anreise erreichen wir den Tarn, der sich mit spektakulären Schluchten in die Mittelmeerausläufer des Zentralmassivs eingegraben hat. Das Zentralmassiv samt seinem südöstlichen Abfall, den Cevennen nämlich, war einst der größte Vulkankomplex Europas mit Kratern über 3000 Meter Höhe. Inzwischen sind sie erloschen, Wind und Wetter haben sie auf Höhen von maximal 1700 Meter gestutzt. Übrig geblieben ist harter vulkanischer Granit in Kombination mit porösem Kalkstein, der sich durch Wasser wunderschön modellieren lässt. Über dem Zentralmassiv brauen sich durch den Zusammenstoß von kontinentaler Kaltluft und mediterraner Warmluft oft heftige Gewitter mit ergiebigen Niederschlägen zusammen. Viele landschaftsgestaltende Flüsse haben hier ihren Ursprung, so auch der türkisgrüne Tarn, an dessen Ufer wir nun endlich stehen und im hübschen Touristenzentrum Ste.-Enimie kritisch den Wasserstand prüfen. Ab hier ist der Fluss meist selbst im Hochsommer noch fahrbar und ermöglicht auf leichtem Wildwasser genussvolle Paddeltouren auch für Kanu-Neulinge. Unser Test zeitigt ein zufriedenstellendes Ergebnis, die Boote einsetzen wollen wir aber erst morgen, ein Stückchen weiter flußabwärts am zentral gelegenen Campingplatz von La Mal?ne. Dort beginnt nämlich der paddeltechnisch einfachste und gleichzeitig grandioseste Abschnitt des Tarn. Also noch einmal ab ins Auto.

Während oberhalb von Ste.-Enimie das Tal zwar schluchtartig ist, aber noch nicht von senkrechten Felswänden gebildet wird, gräbt sich der Tarn unterhalb immer tiefer ein und durchfließt auf 30 Kilometern einen der schönsten Canyons Europas. Bis zu vierhundert Meter hohe Kreidefelsen flankieren ihn, an etlichen Stellen ragen sie bedrohlich über das verträumte Talsträßchen, das den Fluss auf halber Höhe begleitet. Die Ufer des Tarn sind fast immer mit Weidenbüschen und Erlen bewachsen - und Pappeln! Die Pappel ist der häufigste und auffälligste Baum im Tal und ihre hohe, schlanke Gestalt passt zur Landschaft. Ab und zu fällt der Blick auf alte, an die Berghänge geklebte Gehöfte, Weiler und Burgruinen. Sämtliche Häuser sind aus dem Naturstein der Region gebaut und fügen sich harmonisch in die bizarre Schluchtenwelt ein.

Die Zeichen stehen auf Spätsommer, als wird auf dem Campingplatz von La Mal?ne ankommen: Schon färbt sich das Laub der Bäume vereinzelt rot und gelb, die ersten Pappelblätter treiben im Wasser des schimmernden Flusses. Hoch oben ragen von der Nachmittagssonne angeleuchtete Felsenmeere ocker und roströtlich in den tiefblauen Himmel. Milane, Adler und Geier ziehen dort in günstiger Thermik ihre Kreise. Es sind unbeschreiblich schöne Bilder, so schön, dass sie beinahe schmerzen und mich ein wenig melancholisch stimmen. Kein Wunder, dass der Tarn als das romantischste Wildwasser Frankreichs bezeichnet wird.

Ein Traumfluss auch für Kanu-Neulinge

Frühmorgens im Spätsommer legt sich oft Nebel über das Tarntal. Dann ist es besonders reizvoll, von La Malene aus hoch zum Canyonrand zu wandern oder zu radeln, um zuzuschauen, wie die Sonne den dicken Brodem tief im Tal allmählich auffrisst und der Blick frei wird in die geheimnisvolle Schluchtenwelt. Doch sobald der Nebel verschwunden ist, wird es höchste Zeit, dass man in die Kanus kommt, um die warme Mittagszeit zu nutzen. Denn nun kommt die Sonne bis zum Talgrund und lädt nicht nur zum Paddeln, sondern auch zum Picknick ein, bei dem die Kinder herrlich spielen und im klaren Wasser plantschen können. Als Rastplätze eignen sich besonders die häufigen, auch im Canyonbereich anzutreffenden Sand- und Kiesbänke an sonnenbeschienenen Gumpen, wo das Wasser steht und zum Schwimmen tief genug ist.

Unsere erste Kanutour starten wir gleich am Campingplatz, wo sich ganz in der Nähe auch eine Kanu-Verleihstation befindet. Vorher kann man die neun Kilometer lange, anfängerfreundliche Paddelstrecke von der Straße aus erkunden und ein Auto oder Fahrrad an der Ausstiegsstelle abstellen. Diese muss man sich allerdings ganz genau einprägen, da kurz darauf der Pas de Souci, ein unfahrbarer Felssturz folgt. Einen herrlichen Blick in diese Flusspassage erhält man vom Roc de la Sourde, wo eine Aussichtsplattform eingerichtet wurde. Ganz in der Nähe sticht eine allein stehende, achtzig Meter hohe Felsensäule, der Rocher de l´Aiguille, in den Himmel. Sobald dieser warnende "Zeigefinger" ins Blickfeld der Kanuten kommt, ist der zum Ausstieg zwingende Felssturz nicht mehr weit.

Robin (21) und Sina (20) paddeln seit Jahren in wendigen Einerkajaks, während meine Frau, unsere fünfjährige Tochter Samira und ich gemütlich im kippstabilen Schlauchkanadier den sonnenbeschienenen Tarn hinuntertreiben. Nur ab und zu müssen wir steuernd eingreifen, der Rest geht fast von allein. Immer wenn vor uns ein Rauschen zu hören ist, wird Samira hellwach. "Papa, da kommt wieder eine Stromschnelle. Da muss ich mithelfen!" Sie greift beherzt zu ihrem neuen Kinderpaddel und fuhrwerkt damit begeistert in den spritzenden Wellen herum. Ab und zu muss ich sie blitzschnell an ihrer robusten Schwimmweste schnappen, sonst würde sie im Eifer des Gefechts über Bord gehen. Sina und Robin verschaffen sich immer wieder die gewünschte Abkühlung, indem sie in ihren kleinen WW-Kajaks das Eskimotieren in allen Varianten trainieren, mal vorwärts, dann rückwärts, mit und ohne Paddel und manchmal klappt nur die halbe Rolle. Dann müssen sie aussteigen, unter Wasser, versteht sich. Wenn ich dabei hämisch grinse, wird Sina stinksauer. "Hey, Alter, wir tauschen mal die Boote und du zeigst, was du drauf hast. Du wirst allmählich zu träge und fett in eurem langweiligen Gummikahn!" Da hat sie nicht ganz unrecht, aber ich muss meine demolierten Bandscheiben schonen und natürlich die herrliche Gegend und meine Kajak-"Models" fotografieren. Es wird ein wunderschöner Tag. Der Fluss verschwindet immer tiefer zwischen den Felswänden, die sich auf beiden Seiten wie Wolkenkratzer erheben. Ehe wir den beeindruckenden Felsdurchbruch "Les Detroits" passieren - die imposanten Steilwände dieses Engpasses lassen nur einen schmalen Streifen vom Himmel erblicken - legen wir zur Pause an der "Grotte de la Momie" an. Ein kleiner Sandstrand lädt zum Baden und Verweilen ein. Die Farbpalette der Natur reicht hier vom tiefsten Schwarz über Braun, Rost, Ocker und Beige zum leuchtendsten Weiß. Die warme Luft ist geschwängert vom Duft vermodernden Laubes. Ich atme tief durch. Astrid kocht auf dem Spirituskocher einen Kaffee und beginnt ihre beliebten bunten Freundschaftsbündchen zu knüpfen. Sina und Robin schälen sich aus Paddeljacken und Neopren, um sich bräunen zu lassen. Samira testet die Tragfähigkeit ihrer Schwimmhilfe und kommt zu ihrem ersehnten Bad. Herrlich, vor uns liegen noch fast drei Wochen Ferien. Nun ja, denke ich, manchmal sollte man auch mal auf seine Familie hören und den Sommer im Süden genießen.

Gorges du Tarn/Cevennen

Anreise: Mühlhausen - Besan?on - N 83 - Bourg-en-Bresse - Lyon - A47 ? St. Etienne - N88 - Le Puy - Mende - Tarn.

Beste Zeit: April - Oktober. Juli bis Mitte August sehr voll.

Übernachtung: Zwischen Florac und Le Rozier auf 60 km mehr als 20 Campingplätze am Fluss. Wildes Campieren verboten. Im Frühjahr und Herbst nur wenige Plätze offen, z.B. in La Malene. Campingplatzverzeichnis: s. Info-Adressen.

Verpflegung: Supermärkte in Millau, sonst kleine Lädchen.

Ausrüstung: Wander- und Wildwasserboote aller Art, also auch offene Wanderkanadier, besonders natürlich die robusten Schlauchboote "Outdoor" und "Adventure" für paddelnde Familien. Wildwasserausrüstung (Schwimmweste, Neopren, Helm, Wurfsack) sinnvoll für die Strecke Les Vignes ? Le Rozier (WW II). Empfehlenswert auch bei Tagestouren: Wasserdicht verpackte Reservekleidung, Picknickausrüstung, UV-Schutz, im Frühjahr und Herbst Kälteschutz.

Tourenvorschläge

Der Tarn ist von Florac bis St. Rome über 106 km auf leichtem Wildwasser I und II fast ganzjährig und zwischen Castelbouc und Le Rozier immer paddelbar.

  1. Florac (Brücke N 106) ? Brücke Qu?zac, 10 km, WW I+II, eine Stelle III, umtragbar.
  2. Brücke Qu?zac ? Castelbouc, 11 km, WW I+II, wie 1. nur fahrbar bis Frühsommer.
  3. Castelbouc - Ste.-Enimie, 7 km, WW I, meist ganzjährig, kindergeeignet.´
  4. Ste.-Enimie - La Mal?ne, 13,5 km, WW I-II, bei Erfahrung kindergeeignet.
  5. La Mal?ne - Pas de Souci, 9 km, WW I+Zahmwasser, kindergeeignet.
  6. Les Vignes - le Rozier, 10 km, WW I+II, sportlich, für Kinder mit WW-Ausrüstung
  7. Le Rozier - Millau, 20 km, WW I, kindergeeignet. Landschaftlich weniger reizvoll.

Alternativen

Fußwanderungen auf markierten Wegen (Z.B. ab Mal?ne:

  • 1. Rundweg "Circuit du Roc des Hourtous, 9 km, 3h30, 450m Höhenunterschied.
  • 2. Rundweg "Circuit de la Farine, 7 km, 3h, 400 Höhenunterschied.
  • 3. Auf dem "Sentier de la vall?e du Tarn" von La Malene nach Ste.-Enimie, 13 km, 5h, und von La Mal?ne nach Les Vignes, 12 km, 5h).
  • Radtouren durch die Nachbarschluchten von Jonte, Tr?vezel und Dourbie.
  • Ausflüge zu den Aussichtspunkten Point Sublime (861m, ab Talstation St. Hilaire, 1h30, Terrassencafe!),
  • Roc des Hourtous (921m, mit Mountainbike 1h30, Terrassencafe),
  • Rocher de Capluc (655m, ab Talstation Le Rozier, 1h, herrlicher Picknickplatz mit Rundumblick).
  • Besichtigung der Tropfsteinhöhle "Aven Amend" und der Grotte von Dargilan,
  • Besuch der Aussichtsterrasse der Geier (Belv?d?re des vautours, Le Truel, Gorges de la Jonte).

Info-Adressen

Touristische Übersichtskarten, Campingplatzverzeichnisse u.?. erhältlich bei:
Comit? D?partemental du Tourisme de la LOZERE, 14, boulevard Henri-Bourillon, BP 4, 48001 Mende Cedex. Groupement camping - caravaning des GORGES DU TARN, Capelan, 48150 Meyrueis, Tel./Fax 00 33/ (0)4 66 45 60 50

Literatur/Flussführer

Der Tarn ? Zu Fuß, mit Fahrrad und Boot. Führer durch die Schluchten der Cevennen. Gerd Kassel. Pollner Verlag 2001. ISBN 3-925660-94-1. Buchbeschreibung: Mit vielen brillanten Fotos, unterhaltsamen und informativen Reisegeschichten, nützlichen Tipps und detaillierten Tourenvorschlägen möchte der bekannte Outdoor-Spezialist und Frankreichkenner Gerd Kassel an Aktivurlaub interessierte Leserinnen und Leser in sein Lieblingsrevier nach Südfrankreich locken: Die "vergessenen" Cevennen laden ein zum Paddeln, Radeln und Wandern in eine der schönsten und urwüchsigsten Gebirgslandschaften Europas.