Gebrauchsanleitung für Venedig

Ich liebe Rituale.

Eines ist mittlerweile die alljährliche Pilgerfahrt an Pfingsten Richtung Norditalien.

Erst geht es auf dem wohl schönsten Wildwanderfluss der Alpen, den Tagliamento, anschließend per Paddel durch Venedig – und davon handelt diese Geschichte.


Bericht + Fotos: Herr Michael NEUMANN

Boot: ADVENTURE SL

Mit Sack und Pack geht es in die nahe Lagunenstadt. Hier will das Familienoberhaupt der Familie die Schönheit der Wasserstadt auf die unmittelbarste Weise vermitteln: per eigenem Wasserfahrzeug. Das ist derart spannend, dass ich es schon seit Jahren mache. Allerdings ohne Kinder, dafür im schnittigen Seekajak. Für unser Vorhaben braucht es daher Plan B. Der verwunschene Camping San Nicolò auf dem Lido, sonst erste Adresse in Sachen Basis-lager, kommt nicht infrage, da man von dort auf dem Weg Richtung Stadtzentrum zwei stark frequentierte Kanäle queren muss. Das geht im schnellen Einer problemlos, doch in unserem schwerfälligen Familienkutter will ich das nicht riskieren. Als Alternative haben wir uns für zwei Nächte eine Ferienwohnung nahe der Rialto-Brücke gemietet. Und das Auto parken wir im Parkhaus nahe am Bahnhof. Zu Plan B kommt Trick 17: Luftboot statt Festboot. Denn mit Dachfracht kämen wir weder ins Parkhaus, noch könnten wir ein Festrumpfboot woanders deponieren als im Auto.

Nachdem wir die Wohnung gefunden haben, streifen wir zunächst zu Fuß durch die Stadt. Es ist nach 20 Uhr und so ist der Großteil der Tagestouristen längst wieder per Vaporetto, dem venezianischen Wasserbus, in alle Himmelsrichtungen verschwunden. Jetzt, im Schein der Laternen, gehört die Prunkstadt den Einheimischen und ein paar Hundert Übernachtungsgästen. Wo man sich tagsüber stundenlang durch die Gassen staut, könnte man jetzt flott joggen gehen. Was auch viele machen. Ende Oktober findet hier sogar ein Marathon statt, 42 Kilometer im Zickzack durch die Gassen.

Wir laufen stattdessen hinter den Kindern her, die Scipios altes Kino aus dem fantastischen Kinderbuch »Herr der Diebe« suchen. Erst gegen Mitternacht geben sie auf, das Bett ruft. Vielleicht finden wir es ja morgen mit dem Kanu?

Die Ausfahrt startet gegen 10 Uhr in der Nähe des Parkhauses. Schnell ist der Luftkanadier aufgeblasen und zu Wasser gelassen. Seine enorme Breite gibt uns ein sicheres Gefühl, als wir uns vorsichtig durch die Kanäle tasten. Mit den Nachwuchspiraten an Bord wählen wir eine defensive Route und meiden die Hotspots wie Canal Grande und Rialto-Brücke. Diese sind nach einer neuen Verordnung, die das jahrzehntelang geduldete Paddeln mittlerweile reglementiert, ohnehin bis 15 Uhr tabu. Aber egal, denn uns interessieren ohnehin mehr die Hinterhöfe als die herausgeputzen Prunkfassaden. Dort, wo der Zahn der Zeit unsaniert nagt, fragt man sich stets, wie die Veneter gegen Ende des Hochmittelalters nur auf die Idee kommen konnten, eine ganze Stadt auf Holzpfählen in den Sumpf zu setzen?
Für uns jedenfalls scheint die Stadt wie gemacht. Mühelos gleiten wir auf grünem Wasser durch backsteingesäumte Kanäle, die sich oft auf wenige Meter verengen. Links und rechts ragen die Häuserschluchten empor und nur ab und an erhaschen wir einen Strahl Maisonne. Überall gibt es was zu entdecken. Sei es das halb versunkene Motorboot, das an einem verrottenden Seil auf den Untergang wartet, oder Damenschlüpfer, die knapp über Kopfhöhe an einer Seilbahn von Wäscheleine auf ein bisschen Sonnenlicht zum Trocknen warten. Der Blick fällt aber auch unverstellt in paradiesische Innenhöfe, wo Springbrunnen plätschern und Topfpalmen ranken.
Einmal, nach einer Rast an einem Straßencafé, in dem auch die Einheimischen ihren geliebten Spritz trinken, verschaffen wir uns einen Realitätscheck. Unverzagt reihen wir uns in den Strom der Touristen Richtung Markusplatz. Denn dieser, das muss hier fairerweise gesagt sein, ist aus Bootsperspektive nicht zu erfassen. Nach einer Stunde Geschiebe und Gedränge sind wir froh, wieder im Boot zu sitzen und Venedig exklusiv für uns zu haben.

Nach einem langen Tag auf dem Wasser, bei dem wir weder gekentert sind noch für ein Verkehrschaos gesorgt haben, grüßen uns sogar die Gondolieri respektvoll. Oder sind die bloß froh, dass nicht sie unsere Kinderbande in ihren prunkvollen Hochglanz-Gondeln spazieren fahren mussten?  

Alle Infos zum Paddeln in Venedig gibt es hier: www.globetrotter-magazin.de/venedig

Und den kompletten Artikel über den Tagliamento hier: www.globetrotter-magazin.de/magazinartikel/kinderabenteuer-tagliamento-und-venedig-im-kanu