Auf nach Norden, alter Schwede!

Zum Paddeln & Segeln unter skandinavischer Sonne!

Mit Tochter, 2 Hunden und  3 Booten im Wohnwagen-Gespann nach Skandinavien 

Der wohl bekannteste deutsche Bootsenthusiast ist Gerd Kassel aus Freigericht/Hessen.

Neben Reiseberichten, Bootsführern, Beiträgen für verschiedene Bootsmagazine schreibt er aktiv im Internet und auf Facebook. Manche Beiträge kommen sogar direkt vom Ort des Geschehens. In der Vergangenheit hat Gerd für seine europäischen Bootsreisen immer einen Campingbus mit  vollgepacktem Kanu-Anhänger benutzt. Doch jüngst ist er auf ein bequemeres Wohnwagen-Gespann umgestiegen, in dem er mühelos mit klein zerlegbaren Reisebooten Urlaub macht.

Vom letzten Urlaub in Skandinavien, bei dem Gerd Kassel 3 GRABNER Boote - nämlich EXPLORER 2RIVERSTAR und HAPPY CAT NEO verwendet hat –  sein Bericht:

Vorspann:

Im August 2015 brechen meine jüngste Tochter Samira und ich nach langer Nordland-Abstinenz mal wieder ins „gelobte“ Land auf. In Paddlerkreisen gilt Schweden als das Kanuland Nr. 1 in Europa. Diesen Ruf hat Schweden vor allem seinen beinahe 100 000 Seen zu verdanken.

Viele davon sind trotz Wildnis-„Flair“ mit einer kanutouristischen Infrastruktur ausgestattet. Diese besteht z.B. auch aus in freier Natur eingerichteten Biwakplätzen mit Schutzhütten und Feuerstellen. Sie sind meist in speziellen Kanu-Wanderkarten verzeichnet. Aber darüber hinaus erlaubt das einzigartige schwedische Jedermannsrecht für Einzelwanderer und Kleingruppen bis 6 Personen auch das abenteuerliche, wilde Übernachten unter freiem Himmel abseits bewohnter Regionen.

Und genau dort wollen wir auf Wunsch von Samira im Sommer 2015 mal wieder hin. Samira hat unsere früheren Kanureisen kreuz und quer durch Skandinavien in bester Kindheitserinnerung. Diese möchte sie gemeinsam mit ihrem Vater endlich noch mal auffrischen. Da ich nach schweren Sportunfällen Anfang des Jahrtausends schwer- und gehbehindert und nur noch begrenzt wildnistauglich und geländegängig bin, habe ich ihr Begehren zunächst abgewimmelt, dann tief durch geatmet und zugestimmt. Und nun sind wir tatsächlich unterwegs! Auf nach Norden, alter Schwede! Das Nordland-Reisefieber hat mich tatsächlich noch mal gepackt. Es verleiht mir Flügel.  

Im umfangreichen Reisegepäck unseres kleinen Wohnwagen-Gespanns befinden sich neben Zeltgepäck und haltbarer Outdoor-Nahrung auch 2 bewährte Luftkajaks der Modelle „RIVERSTAR“ und „EXPLORER II“ und ein ultraleichter Reisekatamaran „HAPPY CAT Neo“ der Luftboot-Firma Grabner.

Mit diesen Schlauchbooten aus dem robusten Gummimaterial wollen wir samt Zeltgepäck und unseren 2 Hündinnen „FLY & LUZY“ einige Seen Mittelschwedens in den Provinzen Värmland und Dalsland bereisen. Was dabei herauskommt, dokumentieren wir in Wort, Bild und Film auf facebook und youtube und in folgender „Reisesplitter“-Story.

Into the wild

„Verdammt, was ist das?“ Plötzlich stört ein brachiales Krachen und Knacken im nahen, undurchdringlichen Uferwald die seit einigen Tagen gewohnte, wunderbare Stille des Sees Stora Bör in Värmland. Vor 3 Tagen sind wir in unseren schwer beladenen Zweier-Luftkajaks zu einer Rundtour entlang der 50km-„Küste“ des Bären-Sees gestartet. Wir sind fasziniert von nordischer Fauna, Flora, Einsamkeit und Ruhe.

Und plötzlich kracht es! Und zwar gewaltig! Wir sind erschrocken. Unsere Hunde auch! Sie fahren aus ihrem ansonsten so herrlich chilligen Schlaf vorne in unseren Zweierkajaks hoch …. und geben keinen Mucks von sich. Das ist ungewöhnlich! Normal würden sie jetzt bellen wie die Berserker! Aber sie halten angespannt die Klappe! Und wieder kracht es, als würde eine Herde Büffel durch den Uferwald  stampfen. Büffel? Ja klar! Die „Büffel“ des Nordens, die „Büffel“ Skandinaviens! Man sieht sie ständig auf Verkehrsschildern an Schwedens Straßen und daheim in Deutschland in Form von Aufklebern an
Wohnmobilen der Nordland-Fans. Und hast du es schon erraten? Klar! Vermutlich „grast“ eine ELCH-Familie im Ufer-Urwald des Stora Bör!

Leise und angespannt lassen wir uns vom Ostwind in unseren rotschwarzen Gummibooten näher ans Seeufer treiben – in der rechten Hand die aufnahmebereite Videokamera, in der linken das Paddel zur schnellen Flucht. Elche sollen verdammt schnell schwimmen können. Vielleicht hat die Elchfamilie vor uns gerade Lust auf das nette Spielchen „Schiffe versenken“! Das erste, was ich aus dem grünen Blattlaub heraus vor die Kameralinse bekomme, das sind riesige Ohren! Ohren wie von Maultieren und auch Größe und Farbe könnten stimmen. Aber Mulis im schwedischen Urwald? Gastiert hier in der Nähe vielleicht ein Wanderzirkus mit Tierschau? Sind dem ein paar Vierhufer stiften gegangen? Quatsch, die Landschaft am Stora Bör in direkter Nachbarschaft zum Naturreservat Glaskogen ist nur sehr dünn besiedelt. Dort gastiert kein Zirkus. Aber: „Achtung! Zurück! Da stehen noch 2 Riesenmonster! Eins sogar mit Geweih!“ Meine Tochter Samira warnt mich entgeistert. Also doch Tierschau!

Nur kein Zirkus, sondern echt, life, wild, nah, beängstigend – tatsächlich eine komplette Elch-Familie – Vater, Mutter, Kind! Wobei das Kind schon so groß ist, wie ein Pferd! Wir treten leise den Rückzug an, paddeln unsere Kanuflotte samt Hundeschau unprovokativ rückwärts aus der potenziellen Gefahrenzone. Und wieder kracht es! Die Elchfamilie zieht gemütlich grasend weiter. Nur uns und unseren Hunden schlagen die Herzen noch bis zum Hals.

Die wilden Tiere Skandinaviens

Als auch wir nun wieder lautlos und entspannt in unseren Kajaks weiter ziehen, erzähle ich Samira von unseren früheren Begegnungen mit den wilden Tieren des Nordens. An die Rentierherde in der norwegischen  Femundsmarka vor 16 Jahren kann sich Samira noch lebhaft erinnern. Sie  tauchte plötzlich auf einem Parkplatz am Femundsee auf, als wir dort Picknick machten. Auch die grauen, springenden Tümmler, die pustend neben unserem Kajak am Trollfjord auf den Lofoten aus dem eisigen Nordmeerwasser auftauchten, sind Samira noch fest im Gedächtnis. Und die heulenden Wölfe im Glaskogen  klingen uns 15 Jahre später noch immer im Ohr. Wir bekamen damals Gänsehaut am Lagerfeuer des Stora Gla. Nur meine Story von dem Bärenjäger am Voxnan, die kennt Samira noch nicht. Und diese Geschichte macht sie prompt nachdenklich.

Damals - Anfang der Neunziger des letzten Jahrhunderts - zog ich mit meinen älteren Kindern Sina und Robin und Freunden mit Zeltgepäck den einsamen Wildfluss Voxnan im nördlichen Mittelschweden hinunter. Plötzlich stoppte uns dort ein olivgrün gekleideter Mensch mit einem „Bärentöter“ ala Old Shatterhand. Ich wähnte uns schon verbotener Weise in einem schwedischen Militärcamp für Einzelkämpfer. Aber in Wirklichkeit paddelten wir gerade durch Braunbärenland und der Bärentöter war ein netter Mann. Er wollte uns nur zum Kaffee in seine Jagdhütte einladen. Dabei zeigte er uns Bärenfelle, Bärenklauen, Bärenzähne und ein verlassene Bärenhöhle mit verbleichten Knochen von Beutetieren. Dezent besoffen vom selbst gebrannten Beerenschnaps des Jägers und tief beeindruckt zogen wir damals in unseren Wildwasserkajaks weiter flussabwarts. Und wir fingen an, unser Essen nachts in die Bäume zu hieven.   

Paddeln auf Trinkwasser

Je nachdem, wo man auf mehrtägigen Kanuwanderungen mit Sack und Pack paddelt, benötigt man jede Menge Trink- und Kochwasser-Vorräte an Bord der kleinen Tourenkajaks. Wenn man bedenkt, dass ein Mensch täglich 4 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen muss, dann sind das für 2 Leute am Tag 8 Liter und in 10 Tagen schon 80 Liter mit einem Gewicht von 80 kg. Das ist viel und kaum verstaubar. Also nehmen erfahrene Wildniswanderer per Boot, Bike oder Pedes kleine, funktionale Filtergeräte mit ins Wandergepäck. Damit wird verschmutztes Wasser gereinigt.

Auf unseren aktuellen Paddelgewässern beim Schwedentrip 2015 ist das jedoch nicht nötig. Wir paddeln auf Trinkwasser! Wenn wir Durst bekommen, füllen wir die griffbereiten Trinkbecher mit schmackhaftem Seewasser.

Das freistehende Wildniszelt

Nachdem wir die Lage gecheckt und für gut befunden haben, machen wir uns stets gemeinsam an den Aufbau unseres Zeltes. Das HILLEBERG „Saivo“ ist ein freistehendes Zweimannzelt. Wir benutzen es seit 12 Jahren. Es lässt sich auch allein aufbauen, aber zu zweit geht es schneller. Bei unseren zahlreichen Kanu-Wandertouren mit Zeltgepäck nicht nur auf Seen und wilden Flüssen, sondern auch entlang von Meeresküsten halten wir uns oft in windigen, steinigen oder sandigen Gegenden auf. Daher ist es für uns wichtig, dass wir ein zuverlässiges, wasserdichtes, windstabiles und halbwegs freistehendes Qualitätszelt an Bord haben. Es darf uns auch in heftigen Gewitternächten nicht im Stich lassen. Vor dem Aufbau wird zunächst scharfkantiges Material vom Standplatz entfernt. Dann wird eine
passende Schutzplane ausgebreitet. Bei Wind muss sie mit 4 Steinen an den Ecken gesichert werden. Dann werden 5 Alu-Stangen zusammengesteckt und mit Schnellclips am Zeltdach fixiert. Das Innenzelt ist mit dem Außenzelt verbunden und gemeinsam steht beides auch ohne die Fixierung von Heringen. Wenn ein weicher Erdboden rund ums Zelt zum Einstecken von Heringen vorhanden ist, freut uns das. Wenn nicht, wird improvisiert. Sicherungsleinen können an Steinen, Bäumen, Paddeln oder Booten fixiert werden.

Anmerkung am Rande: In der Vergangenheit waren wir öfter mit Paddelkumpanen unterwegs, die vorzugsweise Tunnelzelte benutzten und ständig am Fluchen waren, weil sie ihre Outdoor-Behausungen in freier Wildbahn nicht faltenfrei zum Stehenbleiben brachten. Gingen sie ein zweites Mal mit auf Tour, besaßen sie ein freistehendes Geodät-Zelt. Das Fluchen bezog sich aber nicht nur auf das verwendete Zelt, sondern auch auf die Schlafunterlage. Wir benutzen in der Wildnis keineswegs die so beliebten Isomatten aller Art, sondern herkömmliche Kastenluftmatratzen, meist Doppelkästen dieser Art. In der Wildnis gibt es keinen englischen Campingplatzrasen. Meist vorkommende Bodenunebenheiten lassen sich mit Luftmatratzen besser ausgleichen. Bei schiefen Ebenen verwenden wir öfter auch unsere Schwimmwesten und Neoprenanzüge zur Unterfütterung. Denn wie man sich bettet, so liegt man.

Reif für die Insel

Der Stora Bör (deutsch: Großer Bär), auf dem wir anfangs bei unseren ersten mehrtägigen Kanu- und Segeltouren in Grabner-Luftbooten unterwegs sind,  ist ein See, der in den schwedischen Provinzen Dalsland und Värmland liegt. Der See erstreckt sich über eine Gesamtfläche von 14,1 Quadratkilometern. Er liegt 157 Meter über dem Meeresspiegel in den Gemeinden Årjäng und Säffle. Die Uferlänge beträgt 46,4 km.

Der Stora Bör hat zahlreiche Buchten und etwa 80 Inseln.
Und genau eine solche Insel hat uns Samira heute wieder mal als Lagerplatz ausgesucht. Kleine Seeinseln sind nicht nur urwüchsige, wunderschöne Naturräume, auf denen keine Holzerntemaschinen Urwald kastrieren, sondern auch Freiräume ohne menschliche Ansiedlungen. Hier darf man sich recht wirklichkeitsnah tatsächlich in der Wildnis wähnen. Natürlich finden sich menschliche Spuren. Denn solche Seeinseln eignen sich besonders gut zum ungestörten Zeltbiwak bei Kanutouren. Die Schweden nutzen das schon seit Urzeiten. Sie wissen besser, als viele Deutsche, was schön ist und wie man mit solchen Kleinoden schonend und schützend umgeht.  

Das Lagerfeuer

Auf beinahe jeder See-Insel Schwedens entdeckt man von Menschenhand angelegte Feuerstellen. So wie die Bewohner Skandinaviens schätzen auch wir das abendliche Lagerfeuer mit abgestorbenem Sammelholz. Im Gegensatz zu Deutschland ist Feuermachen in Schwedens Natur erlaubt. Nur bei großer sommerlicher Trockenheit wird es ausdrücklich verboten.
Am Anfang war das Feuer! Für alle Urmenschen und uns bedeutet Feuer Wärme, Schutz, Geborgenheit. Das gilt nicht nur zuhause vor dem geliebten Holz-Kaminofen, sondern erst recht draußen beim Zeltbiwak in der Wildnis. Nicht zuletzt deshalb schätzen wir Naturreisen in Europas Norden. Dort ist durch dünne Besiedlung noch Vieles möglich, akzeptabel und erlaubt, was im dicht besiedelten Mitteleuropa verboten werden musste.

Auch an diesem herrlichen Sommerabend sind wir wieder mal reif für die Insel und das obligatorische Lagerfeuerchen. Müde hocken wir davor, bereiten uns auf einem schwedischen Trangia-Sturmkocher eine warme Mahlzeit, trinken Tee, lesen, chillen, genießen den Sonnenuntergang.
„Hilfe, der Trangia schmilzt!“ Samira erschreckt mich mit diesem Ausruf beim Lesen einer Autobiografie von Rod Stewart. „Spinnst du? Das gibt’s doch nicht!“ Ich schaue hin und glaub‘, ich spinne! Der schwedische Trangia-Sturmkocher schmilzt tatsächlich. Samira kocht gerade darauf ein Nudelgericht. „Unglaublich! Das gab es in 30 Jahren noch nie!“ Solange habe ich diese Schweden-„Küche“ schon privat und bei schulischen Kanuprojekten in Gebrauch. „Ist der Brenner ausgelaufen?“ frag‘ ich entgeistert. „Nein, den habe ich eben erst nachgefüllt!“

„Von oben reingeschüttet oder den Brenner aus dem Gestell geholt?“ „Von oben!“ Das ist des Rätsels Lösung. Geblendet vom grellen Abendlicht hat Samira Spiritus daneben geschüttet. Der hat unter dem Windschutz eine Pfütze gebildet, sich unbemerkt entzündet und das Unterteil des Gestells schlicht zerschmolzen. Der Trangia sieht jetzt zwar ziemlich mitgenommen aus, ist aber noch funktionsfähig. Im Wohnwagen lagert noch ein Ersatz-Sturmkocher. Demnächst werden wir den beschädigten Outdoor-Kocher austauschen. Ein bisschen Schwund hat man auf jeder Tour.

Dran glauben muss später noch eine kleine Lebensmitteltonne, die zu nah am Lagerfeuer steht und unbemerkt dahinschmilzt.

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang

Längere Aufenthalte draußen in der Wildnis fernab der Zivilisation, des Berufsverkehrs, der Wecker, des Alltagsstresses verändern unseren Bio-Rhythmus, unseren Tagesverlauf, unsere Lebensorganisation. Beim Schwedentrip 2015 stehen wir draußen mit der Sonne auf und gehen gemeinsam mit der Sonne wieder schlafen. Was dazwischen passiert, unterscheidet sich ganz erheblich von den Tagesabläufen unseres hektischen Alltags. Hier draußen in der einsamen Natur dreht sich unser Denken, unser Tun, unser Treiben nur um eins: ums nackte Überleben!

Das klingt dramatischer, als es ist. Aber ein Funken Wahrheit ist dran. Wir leben da draußen ohne festes Dach überm Kopf, ohne Heizung, ohne Waschbecken, ohne Dusche, ohne Klo, ohne Strom, ohne Telefon, ohne Herd, ohne Kühlschrank, ohne Waschmaschine, ohne PC, ohne Arzt, ohne.., ohne …, ohne …. Ja, und unser ganzes Tun dreht sich letztlich darum, wie wir das Fehlende ersetzen, wie wir improvisieren, wie wir
mit dem klar kommen, was wir haben. Und wenn es auch Viele nicht glauben mögen: Das tut uns gut. Reduzierung eines Tagesinhaltes auf das Wesentliche, das wirklich Wichtige. Das ist Erholung vom Alltag, der meist so aufgebläht wird, dass man platzen könnte.

Plan A, Plan B, Plan C

Die Dunkelheit und Stille der Nacht in der wilden Einsamkeit der schwedischen Seenlandschaft wird plötzlich von einem Blitzlichtkrachen erschüttert. In der Tat: der Boden unterm Zelt bebt. Ein Gewitter donnert über uns hinweg und wir halten den Atem an. Fetzt unser Zelt?

Fliegen unsere Luftboote davon? Oder trifft uns gar der Schlag? Der Blitzschlag? Ok, wir kommen glimpflich davon! Nur ein paar mehr nasse Klamotten, als üblich. Die eigentlich wasserdichten Kleidungssäcke waren nachlässig verschlossen. Aber Fakt ist: heute können wir nicht weiter paddeln! Heftiger Wind zaubert Schaumkronen auf den See und es regnet wie aus Eimern. Wir müssen uns wasserdicht einigeln, ein Tarp aufspannen, Feuerholz sammeln, abwarten und Tee trinken. Plan B eben, sowas kommt bei Kanutouren in der Wildnis öfter vor. Aber statt Trübsal zu blasen, wandern wir heute nach Gutavsfors, gehen im dortigen Lanthandel einkaufen und Eis essen. Manchmal wird auch noch Plan C  notwendig, zum Beispiel, als wir später auf dem Lelang an einer Passage schleusen wollen, wo es gar keine Schleuse gibt und die vorhandene Schleuse schon geschlossen hat, als wir bei Gegenwind endlich dorthin gelangen. Plan C: Wir übernachten wieder am gleichen Platz, an dem wir morgens gestartet sind.

Gegen den Wind

Oh, das wird heute nicht unser Tag! Jedenfalls sieht der Tag so aus, als wir morgens aus unseren Zelten kriechen. Regen und starker Wind!

Blöderweise Wind aus der Richtung, wo wir heute hin paddeln müssen, wo unsere Autos stehen. Und unsere Zeit ist knapp geworden. Das heißt, wir können nicht abwarten, bis Regen und Wind nachlassen. Da müssen wir jetzt durch – ob wir wollen oder nicht. Auf geht’s! Und wie zu erwarten war: Wir kommen kaum von der Stelle. Meter um Meter müssen wir uns gegen Wind, Wellen, Schaumkronen und Regen vorankämpfen. Dabei bleiben wir möglichst in Ufernähe oder im Windschatten kleiner Inseln. Nach Umrundung einer heftig umwehten Landzunge schaffen wir es unter größter Anstrengung in die Nähe eines Gehöfts am nördlichen Ufer des Östra Silen zu gelangen. Von dort führt ein Schotterweg zur Hauptstraße und zum Sillebodden, wo unsere Autos seit 9 Tagen geparkt sind.

Das ist nun unser Plan C für diesen Rückkehrtag. Notfalls können wir die verbleibenden 8 Kilometer laufen, um die Autos über die Schotterpiste zum Ausstieg zu holen. Plan B reduziert die Laufstrecke auf die Hälfte. Dafür müssen wir eine landnahe Insel umschiffen, die aber auf der Landseite verschilft ist. Hier müssen wir die Boote im stinkenden Schlamm entladen und jenseits eines Straßendamms wieder einsetzen. Aber es klappt! Und kaum zu glauben, aber wir schaffen es, auch die Reststrecke gegen Wind und Wellen anzukommen.  

Mit der Energie des Windes

Meine Tochter Samira und ich sind zeitlebens begeisterte Wind- und Wassersportler. Wir lieben nicht nur das Paddeln, sondern auch das Windsurfen, das Kiten und das Segeln. Und schon lange haben wir auf dem Plan, endlich mal die Wasserwildnis in Europas Norden mit Zeltgepäck und Windkraft zu durchstreifen. Die Frage dabei ist nur: Besegeln wir unsere Kanus oder paddeln wir mit einem kleinen, leichten Segelboot? Denn unsere wildnistauglichen, kleinen, wendigen, geländegängigen Wasserfahrzeuge müssen sie je nach Wetterlage sowohl paddeln als auch segeln lassen.

Die Entscheidung, ob besegelbares Kanu oder paddelbares Segelboot nimmt uns die Firma Grabner ab, die uns für unseren Schwedentrip 2015 den Prototyp eines neuen Leichtgewichtskatamarans anbietet. Den HAPPY CAT ultra light NEO! Die Idee gefällt uns.

Nach ausführlichen Tests auf unserem Haus-See im Hohen Westerwald Ende Juli 2015 packen wir den Happy Cat NEO in 3 passenden Transporttaschen kurzerhand zu den 2 Schlauchkajaks im Heckstauraum unseres kleinen, auf 1200 kg aufgelasteten Reise-Wohnwagens. „Oh, what’s that? You want to sail this raftboat?“ Als wir den Happy Cat NEO am Ufer des Stora Bör im Camp Grinsby aus den Wohnwagen holen und aufbauen, erregen wir Aufsehen und Neugierde bei den Schwedenurlaubern und dem Camp-Chef. Der will genauer wissen, was wir da treiben und was wir mit dem „Raftboat“ vorhaben. Wir erklären und zeigen es ihm, als wir kurze Zeit später zu viert in See stechen. Es herrscht frischer Ostwind und wir gehen gleich ab wie „Schmidts Katze“!

Als wir später zurückkehren und den Happy Cat NEO mit Zeltgepäck beladen, zücken manche ihre Kameras, um unser Treiben festzuhalten.

Unseren Camp-Nachbarn erklären wir: „Wir sind dann mal weg! Wir bleiben  über Nacht! Irgendwo draußen auf den Inseln! Also keinen Alarm mit

Suchtrupp!“

Gedacht, gesagt, geplant, gemacht! Es macht uns höllischen Spaß samt Zeltgepäck per Windkraft auf einem kleinen, leichten Schlauchkatamaran über Schwedens Wildnis-Seen zu brettern. Abends sind wir trotz Sonne und Neoprenschutz ziemlich geschlaucht und ausgekühlt. Aber schnell ist der Gummikat in eine windgeschützte Bucht einer namenlosen Insel geschafft. Dafür benutzen wir Stechpaddel. Nach dem Abladen der wasserdichten Packsäcke mit Zeltgepäck heben wir den leichten Kat aus dem Wasser. Die Fock wird eingerollt und gesichert. Das Großsegel kommt in einen Segelsack. 10 Meter entfernt bauen wir unser Zelt auf. Der Trangia-Sturmkocher ist bereits in Betrieb.

Segeltrekking ist im Kanuland Schweden ziemlich unbekannt. Aber mit den kleinen, wendigen und stabilen Grabner-Schlauchkats macht die Sache einen Mordsspaß und ist für uns eine prima Ergänzung zum Kanuwandern. Wir sind uns sicher: in den nächsten Jahren werden wir das Wasserwandern unter Segeln auf den weitläufigen und im Vergleich zu Küstengewässern auch ungefährlichen Seen Skandinaviens erheblich ausweiten.

==>> Happy Cat Neo Testbericht, Videos