Mit dem Strom schwimmen ...

... unter südlicher Sonne

Treiben, gleiten, Leben genießen – Kanugepäcktour auf dem französischen Wildwanderfluss LOIRE

Bericht + Bilder: Samira Kassel

Boote: RIVERSTAR + EXPLORER 2

Eine Überraschung kommt selten allein!

„Muuuuuaaaahhhhh!“, brüllt es plötzlich direkt neben meinem Ohr. Voller Entsetzen schrecke ich aus dem Schlaf. Dabei knalle ich mit dem Kopf gegen die obere Zeltwand, woraufhin sich ein Schwall Tautropfen über meine Haare und mein Gesicht ergießt. „Muuuuaaahhh!“, erklingt es schon wieder, nur diesmal auf der anderen Seite des Zeltes. Mittlerweile sind auch mein Vater und unsere beiden Aussie-Hündinnen wach. Ich schnappe mir meine Taschenlampe und stolpere aus dem Zelt. Der Gedanke, dass ich mich gegen das Etwas da draußen eventuell verteidigen muss, kommt mir erst als ich vor dem Zelteingang stehe und die Taschenlampe anknipse. Doch mich selbst muss ich glücklicherweise nicht verteidigen, dafür aber unseren Proviant. Rund um unser Zelt hat sich eine große Rinderherde, mit einigen sehr kräftigen Tieren darunter, versammelt. Während die Tiere an mir wenig Interesse zu haben scheinen, beschnüffeln sie hingebungsvoll alle Tonnen und Säcke, die mit Lebensmitteln gefüllt sind. „Plang!“, schon fallen zwei Tonnen um und werden von den Kühen über die Kiesbank gekickt. Genau in dem Moment krabbelt mein Vater aus dem Zelt und brüllt: „Weg! Weg! Haut ab ihr Scheiß-Viecher!“ Ich glaube kaum, dass diese französischen Rinder von den deutschen Beleidigungen meines Vaters beeindruckt sind. Aber es muss wohl an dem harschen Tonfall und der Lautstärke liegen, dass die Tiere von einem auf den anderen Moment von unserer Ausrüstung ablassen und uns anstarren. Scheinbar war ihnen nicht klar, dass wir keinen Gefallen an ihren Spielchen haben. Nach einigen weiteren „Weg!“-Rufen trollt sich die gesamte Herde wieder. Mein Vater grinst mich an und meint: „Dass ich mal zum Kuh-Flüsterer werde, hätte ich auch nicht gedacht!“ Nach eingehender Begutachtung unserer Ausrüstung kommen wir zu dem Schluss, dass nichts beschädigt oder aufgefressen wurde.

Mittlerweile ist es vier Uhr morgens und im Osten des sternenübersäten Himmels zeigt sich bereits ein oranger Streifen. Dennoch ist es zu früh, um in den Tag zu starten. Also legen wir uns nochmal ins Zelt um 2 Stunden zu pennen. Von einem tiefen Schlaf kann allerdings keine Rede mehr sein. Um kurz vor sechs schaue ich auf die beleuchtete Uhrzeit-Angabe meines Handy-Displays. In diesem Moment ertönt ein lauter Platsch vom Fluss her. Nicht nur die Hunde schrecken auf. Auch mein Vater fährt vom Kissen hoch und schaut mich verdutzt an. „Was war denn das schon wieder?“, will er wissen. „Keine Ahnung“, antworte ich, „Das muss wohl ein sehr großer Fisch gewesen sein.“

Okay, Stopp, wer sich an dieser Stelle fragt, an welchem Fluss man von frei herumlaufenden Rinderherden und laut planschenden Fischen vom Schlafen abgehalten wird, den möchte ich kurz aufklären. Wir, Samira und Gerd Kassel, befinden uns auf der Loire, einem der schönsten Wildwanderflüsse Frankreichs. Die Loire ist ein unkanalisiertes, fischreiches Gewässer, dass sich über hunderte Kilometer durch naturbelassene Landschaften und gemütliche französische Kleinstädte schlängelt. Schließlich mündet der Strom in den atlantischen Ozean.
Vor zwei Tage sind wir in dem Städtchen Digoin zu einer 4-wöchigen Kanugepäcktourauf der Loire gestartet. Während mein Vater mit seiner Hündin in einem Riverstar der Firma Grabner paddelt, sitzen meine Hündin und ich in einem Explorer 2 der gleichen Firma.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!

So, und nun starten wir mit einem leichten Schlafdefizit, aber bestens gelaunt in diesen dritten Morgen on tour. Was sich vor zwei Stunden nur als blasser Schimmer am Horizont abgezeichnet hat, ist mittlerweile zu einem zartblauen Himmel mit rosa-orangen Schleierwolken geworden. Es wird nicht mehr lange dauern bis sich die Sonne als roter Feuerball über den Horizont schiebt und ihr warmes Licht über den Fluss und unser Lager ergießt. Doch noch ist die Luft frisch und kühl. Dünne Nebelschwaden steigen von der Wasseroberfläche auf und lassen den Fluss ein bisschen verwunschen aussehen. Schnell sammle ich einige trockene Hölzer zusammen und entfache ein kleines Lagerfeuer. Während die Sonne langsam über den Horizont klettert, sitzen wir am wärmenden Feuer, hören dem morgendlichen Kreischen der Schwalben zu und schlürfen den ersten Kaffee.

Plötzlich ist wieder ein lauter Platscher vom Fluss her zu hören. Kleine Wellen klatschen gegen unsere halb im Wasser liegenden Luftkajaks. Im seichten Uferwasser ist für den Bruchteil einer Sekunde ein langer, dunkler Schatten zu erkennen. „Das muss ein Wels sein!“ Mein Vater fuchtelt aufgeregt mit der Hand Richtung Fluss. „Google mal, ob es hier Welse gibt. Die fressen sogar Wasservögel. Am Ende greifen die noch unsere Hunde an.“ Alles klar, also wird erstmal das Smartphone rausgeholt und Dr. Google befragt. Ergebnis ist, dass die Loire mittlerweile ein richtiger Hot Spot für Wels-Angler ist. Bis zu zwei Meter lange Welse leben hier und ernähren sich von Fischen, Reptilien und kleinen Säugetieren. „Da müssen wir demnächst vorsichtig sein beim Schwimmen mit den Hunden“, meint mein Vater. Ich nehme ihn nicht ganz ernst, erwidere aber nichts. Nach einem einfachen Müsli-Frühstück bauen wir unser Zelt ab und verstauen die Ausrüstung wieder in den geräumigen Grabner-Booten.

Bei strahlendem Sonnenschein legen wir von der Sandbank ab, die für eine Nacht unser Zuhause war. Heute wollen wir in Dezice das erste Mal auf dieser Tour auf einen Campingplatz gehen. Unsere Powerbanks müssen wieder aufgeladen werden. Wir malen uns bereits aus, welche Köstlichkeiten wir uns in den örtlichen Bäckereien und Supermärkten gönnen werden. „So eine eisgekühlte Cola, einen Eimer Joghurt und am besten gleich eine Großpackung Eis…“ So plätschern unsere Gedanken dahin, während wir träge in der Mittagshitze dem seichten Wasserlauf folgen. Am späten Nachmittag sehen wir nach acht Stunden paddeln und etlichen Schwimmpausen endlich die ersten Häuser von Dezice vor uns am rechten Flussufer. „Boah, ich freu mich jetzt schon auf ´ne eisgekühlte Cola!“, schwelgt mein Vater bereits in Vorfreude. Ich steige mit in die Phantasien ein und träume von einem großen Magnum-Mandel-Eis. Noch wissen wir nicht, wie sehr die Realität von unseren Träumereien abweichen wird. Aber das ist wohl auch besser so…

Frohen Gemüts passieren wir die Brücke am Ortseingang von Dezice und halten danach fleißig Ausschau nach dem Campingplatz, der in unserem Flussführer empfohlen wird. Die glutheiße Nachmittagssonne brennt auf unsere, ohnehin schon rote Haut. Verflixt nochmal, wo ist denn dieser Campingplatz? Allmählich nähern wir uns dem Ortsausgang und somit auch dem Wehr von Dezice. Dieses Wehr ist für Boote jeglicher Art nicht befahrbar und muss umtragen werden. Allerdings wollten wir uns diese Aktion für morgen aufheben. Lange Rede, kurzer Sinn, falls es in Dezice einen Campingplatz gibt, sind wir daran vorbeigepaddelt ohne es bemerkt zu haben. So stehen wir schließlich um 17.30 Uhr mit knurrenden Mägen und trockenem Mund vor der Wehrkrone. Na klasse, so haben wir uns die Abendgestaltung nicht vorgestellt! Aber gut, jetzt müssen wir hier durch. Wir können nur hoffen, dass es hinter dem Wehr möglichst bald einen geeigneten Platz für unser Zelt gibt. Die Erkundung der Portage-Strecke zeigt, dass wir unsere Kajaks komplett ausräumen müssen. Die gesamte Ausrüstung muss 300 m durch knöcheltiefen Sand auf die andere Seite des Wehrs getragen werden. Der einzige positive Aspekt an der Sache ist, dass es am Ende der Portage-Strecke eine große Sandbank gibt, auf der wir unser Lager für die Nacht aufbauen können. Um uns zu motivieren, verzehren wir unsere letzten beiden selbstgebackenen Nussecken und dann geht’s los. Drei lange Stunden schleppen wir Packsack für Packsack durch den tiefen Sand. Als es ans Boote tragen geht, haben wir längst den Punkt überschritten, an dem man aufhört zu denken und einfach nur noch funktioniert. Alle fünf Meter müssen wir die Boote absetzen, weil die Kraft in unseren Armen schwindet. In solchen Situationen fragt man sich schon manchmal, warum man sich so was im Urlaub überhaupt antut. Doch wenn man darüber nachdenkt, fallen einem zugleich auch wieder all die tollen, einzigartigen Erlebnisse ein, die man durch solche Touren bekommt. Dann wundert man sich schon wieder, wie man nur auf den Gedanken kommen konnte, dass die Strapazen solcher Touren sinnlose Qualen sind.

Trotz des hohen Leergewichts sind wir froh, auf dieser Tour mit den Grabner-Booten Explorer 2 und Riverstar unterwegs zu sein. Sie bieten viel Platz für unser Gepäck und unsere Hunde. Aufgrund des hohen Luftdrucks und des stabilen Naturkautschuks sind diese Boote extrem robust. Obwohl wir aufgrund des niedrigen Wasserstands mehrmals täglich über Steine und Kiesbänke „schruppen“, weisen die Unterseiten der Boote keine ernsthaften Schäden auf.
Um 20.15 Uhr sitzen wir erschöpft auf unseren Kajaks. Um uns herum verteilt liegen alle Ausrüstungsteile. Mit knurrenden Bäuchen machen wir uns ans Zelt aufbauen und Essen kochen. Eine halbe Stunde später lassen wir uns jeder einen großen Teller Nudeln schmecken und freuen uns, dass wir diese Strapaze hinter uns haben. Dabei ist uns jedoch klar, dass diese Portage nicht die letzte gewesen sein wird. Denn an der Loire gibt es neben diesem Wehr auch noch einige unfahrbare Brücken und Staustufen von Atomkraftwerken. Aber dieser Umstand tut der Schönheit einer Kanuwandertour auf der Loire keinen Abbruch. Das glasklare Wasser, die weißen Sandbänke und die kleinen einsamen Inseln entschädigen einen immer wieder für alle Mühen, auch dann, wenn man nicht mehr wirklich daran glaubt…

Die kleinen Erlebnisse, die das Kanuwandern besonders machen

Einige Tage später paddeln wir gegen einen steifen Wind in die Loire-Stadt „Beaugency“ rein. Es ist 12.00 Uhr am Mittag und eindeutig Zeit für ein zweites Frühstück. Außerdem brauchen wir dringend neues Trinkwasser und unser Vorrat an frischem Obst für das morgendliche Frühstück geht auch langsam zur Neige. Um aller Bedürfnisse ausreichend zu decken, soll es erst in eine Bäckerei und anschließend in einen Supermarkt gehen – soweit der Plan. Meine Hündin Lucy sitzt bereits ganz vorne auf der Bootsspitze und hält fiepsend Ausschau nach einer geeigneten Anlegestelle. Diese sollte sich möglichst vor der alten Bogenbrücke von Beaugency befinden. Denn in unserem Flussführer wird eindringlich geraten, die Brückendurchfahrt vor der Befahrung zu besichtigen. Schließlich entdecken wir eine Betonrampe im dichten Ufergras. Zielstrebig steuern wir darauf zu, steigen aus und ziehen unsere Boote seitlich ins Gebüsch. Wir packen unsere Rucksäcke voll mit leeren Wasserflaschen und ziehen los, Richtung Stadtzentrum.

Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es mittlerweile 12.30 Uhr ist. So ein Mist, bestimmt haben die kleinen Geschäfte in der Altstadt bereits Mittagspause. Aber es wird ja wohl irgendwo in dieser Stadt einen Supermarkt geben, der durchgängig geöffnet hat. Um nicht unnötig im Kreis zu laufen, googeln wir gleich mal, wo es Supermärkte in Beaugency gibt. Fehlanzeige! Der nächste Supermarkt liegt 2 km vom Stadtzentrum entfernt. Da müssten wir ja ewig laufen und auf dem Rückweg auch noch 10 kg Wasser durch die Gegend schleppen. Darauf haben wir keine Lust. Wir werden uns wohl eine andere Wasser-Beschaffungsmaßnahme überlegen müssen. Aber als erstes brauche ich unbedingt was zu essen, sonst kippe ich gleich an Ort und Stelle um. Auch mein Vater ist bereits ziemlich gereizt, was ein eindeutiges Indiz für seinen knurrenden Magen ist. So laufen wir etwas schlecht gelaunt durch die Gässchen der Altstadt, auf der Suche nach einer „Boulangerie“, wie Bäckereien in Frankreich heißen. Wer sucht, der findet. Als wir um eine Hausecke biegen, sehen wir direkt vor uns durch eine Schaufensterscheibe üppig belegte Baguettestangen und süße Croissants. Fünf Minuten später beiße ich seufzend in ein knuspriges Käsebaguette. Das tut gut! Jetzt muss nur noch Wasser her. Frisches Obst und Gemüse wird sowieso überbewertet!


Nachdem unser Hunger gestillt ist, stapfen wir in Richtung des Campingplatzes von Beaugency. Vielleicht dürfen wir dort gegen ein kleines Entgelt unsere leeren Plastikflaschen neu befüllen. Zu unserem Erstaunen will die Dame an der Rezeption gar nichts von Geld hören. Sie schnappt sich die leere Plastikflasche, die ich ihr vors Gesicht halte und stiefelt los – ich hinterher. Zielstrebig führt sie mich in die Spülküche des kleinen Campingplatz-Bistros, dreht sich wieder zum Gehen und lässt mich dort wortlos stehen. Okay, dann fang ich mal an, unsere zwölf Leergutflaschen zu befüllen. Das ist mal eine positive Überraschung an diesem Tag. Eine halbe Stunde später steigen wir wieder in unsere Kajaks. Die Brückendurchfahrt sieht schwieriger aus als sie ist. Außer ein paar hohen Schwallwellen gibt es keine Hindernisse oder Tücken. Die einzige Sorge, die wir jetzt noch haben, ist ein geeigneter Lagerplatz für die Nacht zu finden.

Fünf Kilometer hinter Beaugency kommt bereits das nächste Atomkraftwerk. Dieses wollen wir heute nicht mehr umtragen. Doch erstens, es kommt anders, und zweitens, als man denkt. Über weite Strecken bietet die Loire zahlreiche Biwakplätze in wunderschöner Lage. Doch fünf Kilometer vor und nach Städten ist die Lagerplatz-Situation in der Regel ungünstig. Öde steile Dämme und lärmende Schnellstraßen säumen die Flussufer auf beiden Seiten. Erst einige Kilometer hinter den französischen Städtchen erlangt die Loire ihren ursprünglichen wilden Charakter zurück. Bemerkenswert ist, dass die gesamte Loire von Digoin bis Saumur sehr sauber ist. Müll ist selbst in den städtischen Abschnitten nur selten zu entdecken. Allerdings hilft uns das bei der aktuellen Lagerplatz-Suche wenig. Aber solche Situationen sind bei Kanuwandertouren keine Seltenheit und so verfallen wir in einen gleichmäßigen Paddel-Rhythmus und lenken uns durch angeregte Gespräche ab. Trotzdem graut uns bereits vor der Portage der AKW-Stauanlage. Die dampfenden Kühltürme zeichnen sich bereits von weitem dunkel und mächtig gegen den wolkenverhangenen Himmel ab. Heftige Windböen fegen über den Fluss und türmen die Wasseroberfläche zu hohen Wellen auf. Wir müssen kräftig paddeln, um die Ausstiegsstelle zu erreichen. Als wir unsere steifen Gelenke überredet haben, wieder bewegungsfähig zu werden, steigen wir aus den Kajaks aus und sehen einen schmalen asphaltierten Weg.

Dieser Weg führt von der Ausstiegsstelle bis zur 200 m flussabwärts gelegenen Einstiegsstelle. Vielleicht müssen wir unsere Boote gar nicht komplett ausräumen. Hoffnungsvoll löse ich die Gurte, mit denen der Bootswagen befestigt ist. Anschließend hievt mein Vater meinen Explorer hoch genug, damit ich den Bootswaagen darunter schieben kann. Mit zwei Gurten schnallen wir das Kajak so fest wie möglich auf den Bootswagen. Los geht’s! Die ersten Meter sind etwas holprig und wir befürchten, dass der Bootswagen jeden Moment unter dem Gewicht des bepackten Schlauchkajaks zusammenbrechen wird. Doch das passiert nicht und schneller als gedacht befindet sich mein Grabner-Boot auf der unteren Seite der Stauanlage. Trotz des steifen Windes, der uns kalte Regentropfen ins Gesicht weht, freuen wir uns wie kleine Kinder. Dass wir unsere Kajaks samt Gepäck fahren können, erspart uns eine Menge Arbeit und Mühe. Dennoch sind wir nach 6 Stunden paddeln mit Gegenwind, dem missglückten Einkaufstrip und leichten Regenschauern nicht mehr taufrisch. Wir wollen jetzt einfach nur noch einen einigermaßen tauglichen Biwakplatz und ein warmes Essen. Doch erstmal müssen wir uns ein gutes Stück von diesem Atomkraftwerk entfernen.

Also wieder rein in die Boote und weiter. Eine Stunde später befinden wir uns bereits einige Kilometer hinter der Stauanlage und haben noch immer keinen Platz für unser Zelt gefunden. Stattdessen wird der Himmel immer dunkler und wir sehen eine breite Regenfront auf uns zu kommen. Die Bäume an den Flussufern vor uns verschwimmen in einer milchig-grauen Wasserwand. Erst hören wir das Rauschen, dass die Regentropfen beim Aufschlag auf die Wasseroberfläche verursachen. Schnell ziehen wir das Gummiband unserer Kapuzen und die Klettverschlüsse an den Ärmelenden fest zu. Dann prasseln auch schon centgroße Tropfen auf uns nieder. Die Hunde ziehen die Schwänze ein und rollen sich eng zusammen, um dem Regen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Starke Regenböen fegen als dunkle Schatten über die Wasseroberfläche und erschweren das Fortkommen. Ich halte mein Paddeln fest umgriffen und kämpfe mit kräftigen Schlägen gegen den Wind an. Laut unserem Flussführer gibt es in zwei Kilometer einen Campingplatz direkt am Flussufer. Ursprünglich wollten wir dort erst morgen unser Lager aufschlagen, um unsere Kamera-Akkus wieder aufzuladen. Aber gut, Plan A wird nur selten realisiert, dann können wir eben heute schon dort campieren – hoffentlich.
In meinem gesamten bisherigen Paddler-Leben haben sich 2 km noch nie so gezogen wie heute Abend. Uns ist kalt, die Arme sind lahm und die Mägen leer. Momentan kann ich mir kaum vorstellen, woher ich die Kraft nehmen soll, unser Gepäck auszuladen, auf den Zeltplatz zu bringen, das Lager aufzubauen und was zu kochen. Aber da es keine Alternativen gibt, stellt sich diese Frage gar nicht. Nach einer weiteren halben Stunde - mittlerweile sind wir nass bis auf die Haut - sehen wir am linken Flussufer die ersten Zelte und Wohnwagen durch den Regenschleier. Endlich! Kaum berühren die Kajaks den Kiesstrand, springen unsere Hunde mit einem großen Satz vom Boot und rennen aufgeregt das Ufer rauf und runter. Auch sie haben in den letzten Stunden viel gefroren und brauchen nun Bewegung, um sich wieder aufzuwärmen. Ich schnappe mir unsere Wertsachen-Tasche und mache mich auf den Weg zur Rezeption während mein Vater bereits anfängt unser Gepäck auszuladen. An der Rezeption angekommen, stellt sich heraus, dass diese geschlossen ist, aber ein Zettel teilt den Gästen mit, dass sie sich einfach einen Platz aussuchen und am kommenden Morgen beim Inhaber melden sollen. Okay, dann wäre das wohl geklärt.

Als ich zurück bei meinem Boot bin und Packsäcke auslade, steht plötzlich eine Frau mittleren Alters, eingehüllt in einen dunkelroten Regenponcho, neben mir. In gebrochenen Deutsch mit leichtem Akzent sagt sie zu mir: „Ich helfen, gib mir Gepäck.“ „Das ist sehr lieb von Ihnen“, antworte ich, „aber wir müssen das jeden Abend machen, wir kriegen das schon hin.“ „Ja, ich weiß, aber ist vielleicht schön, wenn ihr heute habt Hilfe.“, beharrt sie. Dagegen kann ich nichts erwidern. Und so drücke ich ihr zwei Packsäcke in die Hand und nicke ihr dankbar zu. Doch sie will nicht zurück zum Zeltplatz gehen. „Gib mir mehr, ich kann mehr tragen!“ Oh, okay, da will es aber jemand wissen. Also drücke ich ihr auch noch den schweren Zeltsack in die Hand. Locker schwingt sie ihn sich auf die Schulter, schnappt sich die auch die beiden anderen Packsäcke und stiefelt los. Wahnsinn, bis vor fünf Minuten war ich fix und fertig mit Nerven und Körper und jetzt muntert mich diese außergewöhnlich freundliche Frau dermaßen auf, dass ich pfeifend das restliche Gepäck ausräume und zu unserem Zeltplatz schleppe. Dort finde ich ein bereits fertig aufgebautes Lager vor und daneben steht mein Vater in ein Gespräch mit dem Mann der freundlichen Frau vertieft. Die beiden haben ihm wohl beim Zelt- und Tarpaufbau kräftig unter die Arme gegriffen. Wie sich in Verlauf des späten Abends herausstellt, sind die beiden niederländischer Herkunft und gerade zu einem Fahrrad-Urlaub hier an der Loire. Wir sitzen noch lang bei Kerzenschein und Wein aus dem Kanister beisammen und erzählen uns Geschichten aus unseren Leben.

Genau das sind die Erlebnisse, warum wir immer wieder losziehen werden, um die Gewässer dieser Erde mit dem Kajak und leichtem Gepäck zu erkunden. Dabei gehört die Loire sicherlich zu den schönsten Wanderflüssen Europas.