LAHN-Kanutour 2016

Boot: GRABNER RIVERSTAR und EXPLORER

Bericht + Bilder: Herr Kassel

WANDERN mit LUFT unterm Hintern

Verdammt, ich muss wieder mal raus! Raus aus den Mauern des Alltags, raus aus dem dunklen Haus. Rein ins Vergnügen, rein in mein Kajak, hinaus auf den Fluss. Meine Vorfahren müssen Nomaden gewesen sein. Anders kann ich mir meine Lust zum endlosen Wandern und ruhelosen Herumziehen nicht erklären.

Aber wo finde ich jetzt auf die Schnelle das geeignete KANUREVIER für meine Wochenend-Flucht? Im Gegensatz zu Schweden, wo 80 000 Seen jedem Bewohner sein eigenes, einsames Paddelgewässer garantieren, sieht die Sache in Deutschland schon bescheidener aus. Entweder sind die vorhandenen Paddel-Gewässer verschmutzt, verpachtet, privatisiert, verkrautet, vertrocknet, gesperrt – oder überfüllt. Wie mein HEIMAT-Fluss, die LAHN!
Das war vor genau 43 Jahren noch anders. Damals wohnte ich in der LAHN-Straße 24 in dem Lahndörfchen Atzbach zwischen Gießen und Wetzlar. Dort hatte ich gemeinsam mit langmähnigen, bärtigen Studenten und Gesinnungsgenossen ein uraltes Bauernhäuschen gemietet und eine „Kommune“ gegründet – die „Kommune Atzbach“.

Eines Abends stehen 2 bärtige Männer im Hof und bitten um Unterkunft. Sie sind auf der LAHN unterwegs, in einem orange-gelben KLEPPER-Luftboot. Mit Zelt und Schlafsack. Doch da es heute Abend regnet, haben sie keine Lust auf Zelt. Sie hören von der „Kommune Atzbach“ und klopfen an. Sie erhalten einen Unterschlupf und ich eine neue Inspiration, wie ich mein Leben die kommenden 43 Jahre noch ein bisschen spannender gestalten kann.
Nur 2 Wochen später habe ich mir nämlich ein billiges KARSTADT-Schlauchkajak, ein ALDI-Zelt, einen billigen ARMY-Schlafsack und eine dünne Isomatte gekauft und bin unterwegs – lahnabwärts! Unterwegs auf meiner allerersten KANU-Wanderfahrt.

Es ist Abenteuer pur! Schon nach wenigen hundert Metern werde ich von einem Schwan attackiert, dass die Fetzen, nein, die Federn fliegen. Die Schwäne kennen keine Paddler und halten sie für eine Gefahr.
Die erste Gefahr für mich entsteht, als ich mich dem Wehr in Dorlar nähere. Gefahr deshalb, weil ich keine Ahnung habe, was ich tun oder besser lassen sollte. Zum Glück herrscht Niedrigwasser. Ich treibe an die Wehrkrone und hebe mein Boot und meinen Fjällräven-Rucksack rüber, runter ins Unterwasser.
Prompt mach es ZISCH! Mein billiges PVC-Kajak hat ein Loch – aufgespießt durch ein spitzes Schilfrohr. Schon am Ende der Tour? Nein, in weiser Vorausahnung habe ich auch PVC-Flickzeug gekauft. Ich baue auf der mit Brennnesseln zugepflasterten Schleuseninsel Dorlar mein Mini-Zelt auf und klebe das Schlauchboot-Leck zu – in der Hoffnung, dass der PVC-Kleber über Nacht trocknet. Zum Abendessen gibt es Vollkornbrot mit Überlebenskäse – natürlich auch vom ALDI! Viel Geld hatte ich damals wenig.

Am nächsten Morgen geht meine Paddeltour weiter. Ich bin mutterseelenallein unterwegs. Das gefällt mir. Um Schwäne mache ich einen großen Bogen. In Wetzlar trinke ich ein Bier in der Altstadt. Mein Schlauchboot habe ich an Land gezogen. Die Firma LAHNTOURS als erstes kommerzielles Kanuverleih-Unternehmen an der Lahn gibt es noch nicht. Kanuwanderer erregen Aufsehen. Ich fühle mich wie Huckleberry Finn auf dem Mississippi.
Spannend wird es wieder kurz vor Weilburg. Der Fluss stinkt nicht nur nach Fäkalien, sondern auch nach Terpentin. Lackverdünner. Ups! Ich vermeide das Rauchen! Das könnte den Fluss entflammen. Klar, in Weilburg gibt es noch heute die Lackfabrik. Sie nennt sich heute „Weilburger Coatings“. Ihre Abwässer werden gereinigt. Es stinkt nicht mehr nach Terpentin. Auch der Fäkaliengeruch ist zurückgegangen – wie überall an der Lahn. Neue Kläranlagen sorgen für Gewässergüte 2. Darin kann man wieder baden gehen – wenn man nicht empfindlich ist.

Schiss bekomme ich vor dem dunklen Loch des Weilburger Schifffahrtstunnels. Soll ich da reinfahren? Lieber nicht! Ich habe zwar zwischenzeitlich mühsam gelernt, wie Schleusen bedient werden, aber gar eine Doppelschleuse am Ende eines Tunnels ist mir suspekt. Ich umtrage die beiden Weilburger Wehre und dazwischen schießt jemand auf mich. Mit Schrot! Ich habe Angst, dass mein Luftboot schon wieder platt geschossen wird. Doch ich habe Glück. Der Schütze hat es nicht auf mich, sondern auf ein paar mickrige Enten abgesehen.
Vorbei an Odersbach lande ich in Kirchhofen an. Ich habe Durst. Und dort steht ein großes Zelt auf dem Sportplatz. Ein Bierzelt. Ich baue mein ALDI-Zelt daneben auf und bleibe 2 Tage. Es gibt genug Bier. Als ich weiter ziehe, habe ich Kopfschmerzen. Daher komme ich nicht weit. Nur bis zur Schleuseninsel Fürfurt. Auf Schleuseninseln dürfen KANUWANDERER ihr Zelt aufbauen – heute nicht mehr. Im Schleusenwärter-Häuschen gibt es ein Klo – und einen Kiosk mit Bier. Ich bleibe ein bisschen länger als geplant. Heute 2016 passiert mir das nicht mehr. Es gibt keinen Kiosk mehr. Dort haust jetzt der örtliche Angelverein und hat sich eingezäunt.
In einem Rutsch paddle ich durch bis Runkel. Die Burgkulisse von Runkel gefällt mir. Auf der Schleuseninsel baue ich unter duftenden Linden mein Zelt auf. Doch die Nacht verbringe ich im „Zwitschernest“ an der alten Lahnbrücke. Die Kneipe gibt es auch 2016 noch. Doch heute bin ich zu alt zum Zwitschern. Aber ich erinnere mich gerne an früher hier.

Als ich die schöne Fachwerkstadt LIMBURG auf dem Wasserweg erreiche, bin ich fasziniert. Oftmals sehen Städte und Orte aus der Flussperspektive viel schöner und harmonischer aus. Im Limburg rolle ich mein Luftboot zusammen und schnalle es unter meinen Fjällräven-Rucksack. Ich laufe durch die Altstadt zum Bahnhof. 2 Stunden später holt mich meine damalige Lebensgefährtin Cilli in Gießen am Bahnhof ab.

An diese allererste und später folgende Lahn-Kanuwanderungen mit kompletten Schulklassen der Kopernikusschule Freigericht muss ich denken, als ich am langen Fronleichnam-Wochenende 2016 nach 3-jähriger Abstinenz wieder durchs Lahntal ziehe. Diesmal nur knapp 5 Tage von Solms bis Limburg – und mit Hightech-Ausrüstung.

Doch wieder habe ich ein Luftboot im Einsatz, ein kippstabiles, robustes Schlauchkajak der Firma Grabner. RIVERSTAR ist der Name des Zweierkajaks, das ich mit Steueranlage und Persenning paddle. Mein Zelt stammt nicht von ALDI, sondern der schwedischen Nobel-Firma HILLEBERG. Und auch der TRANGIA-Sturmkocher stammt aus Schweden.

Mit an Oberdeck des 5 Meter langen und 90 cm breiten RIVERSTARS begleiten mich bei dieser Kanuwanderung auf der Lahn unsere 2 Hündinnen FLY & LUZY. Sie sind mit allen Wassern gewaschen und erstklassige Mitpaddlerinnen. Sie chillen stundenlang auf ihren Ruheplätzen auf Bug und Heck meines Gummibootes. Wenn es ihnen zu langweilig oder zu warm wird, lassen sie sich wie Seehunde ins Wasser gleiten und schwimmen ein bisschen neben dem Boot her.

Aufgrund des langen Wochenendes rechne ich mit maßloser, kanutouristischer  Überfüllung der Lahn. Doch die Zeiten haben sich geändert. Beim Start in Schohleck Mittwochnachmittag bin ich beinahe alleine. Der Kioskpächter langweilt sich. Mit dem Lahntours-Stationsleiter Timo kann ich mich länger in Ruhe unterhalten. Tags drauf am Feiertag ist es zwar voll, aber nicht überfüllt. Mir scheint, es liegen mehr unbenutzte Kanus auf den Lagerplätzen der Verleiher, als im Wasser schwimmen. Der Kanu-Boom der vergangenen Jahrzehnte scheint seinen Zenit überschritten zu haben. Das tut der Lahn gut – und mir.

Als ich in Schohleck am massiven, großzügig angelegten Betonsteg loslege, habe ich die meisten Paddler, die bei den örtlichen Verleihern Lahntours, Robin-Tours, Krumos und Rotana Kanus geliehen haben, vorgelassen. So habe ich als „Schlusslicht“ der Kanukarawane bei strahlendem Sonnenschein meine Ruhe.
Hier und da begegne ich auf und an der Lahn alten Bekannten. Meine umfangreichen schulischen Kanuprojekte auf der Lahn sind Anrainern im Gedächtnis geblieben. Mir auch. Gelegentlich weine ich diesen erlebnispädagogischen Groß-Projekten vergangener Tage eine Träne nach – wohl wissend, dass ich heute nicht mehr fit genug wäre, solche Kanuprojekte über 8 Tage mit täglich wechselnden Zeltplätzen von Wetzlar bis zum Rhein zu organisieren, zu leiten und zu verantworten.

Mein erster SOLO-Paddeltag im RIVERSTAR von Schohleck nach Weilburg ist ein Genuss. Fauna und Flora an der Lahn sind besser in Schuss, als vor 43 Jahren. Trotz meiner 2 Hunde an Bord haben die Wasservögel vor meiner Erscheinung keine Angst. In Weilburg am Jugendzeltplatz baden Kinder und Paddler im Fluss. Betrunkene Kanu-„Terroristen“, die früher laut kreischend durchs Lahntal zogen, treffe ich heute überhaupt nicht an. Das gefällt mir.

Mit meiner schwimmenden, roten HUNDE-„Gummimatte“ errege ich Aufsehen. Zahlreiche Radler sind an der Lahn unterwegs. Sie stoppen und staunen. Nicht über mich, sondern meine dreifarbigen Australian-Shepherd-Hündinnen Fly & Luzy, die vollkommen entspannt an Deck meines bequemen Luftkajaks chillen. Sie sind heute und in den folgenden Tagen ein beliebtes Foto-Motiv der Lahn-Radweg-Pendler.

An den Schleusen von Löhnberg und Weilburg herrscht Betrieb. Das ist gut so. Eine Schleusenanlage alleine mit meinen 2 Hunden an Deck bedienen zu müssen, davor habe ich ziemlich Respekt. Besonders vor der ersten Schleuse am Ende des Tunnels in Weilburg. Da muss man als Alleinpaddler eine senkrechte Eisenleiter hoch, mit der Bootsleine zwischen den Zähnen. Meine Hunde hätten sich unten im dunklen Loch verdammt einsam und verlassen gefühlt. Doch dazu kommt es nicht. Ich werde im großen und bunten Tross der Lahn-Paddler mit geschleust. Das gefällt mir. Meinen Hunden auch. Sie bekommen beim Schleusen in den Schleusenkammern immer wieder zusätzliche Streicheleinheiten, besonders von Kindern aus anderen Kanus.

Am späten Nachmittag lande ich auf dem ehemaligen Jugendzeltplatz der Stadt Weilburg an. Der rustikale Zeltplatz wird nun von einem Pächter betrieben, der nur zum Abkassieren vorbei schaut. 4,50 € pro Person, 4 € pro Auto. Hier herrscht Hochbetrieb. Ein großes buntes Kanu-Zeltlager und jede Menge Einzelzelte. Ein schönes, buntes, lautes Lagerleben. Nur ein Säufer-Trupp ist dabei, zwar friedlich, aber überlaut und dümmlich. Abends – nachts – morgens. Doch damit muss man leben. Ich bin auch heute noch zähneknirschend tolerant bei jugendlichem Übermut. Obwohl mir das bekannte Kommasaufen als Höhepunkt jugendlicher Doofheit erscheint.

Ein Anlass zu Freude ist der Anblick meiner Frau Astrid. Sie kommt am frühen Abend nach Weilburg, um mit mir die kommenden 3 Tage das Lahntal hinunter zu ziehen. Und natürlich hat sie ihre Hündin SPAGETTI dabei. Ab nun sind wir zu fünft in zwei Grabner-Schlauchkajaks samt Zeltgepäck auf Deutschlands immer noch beliebtestem Kanuwander-Fluss unterwegs. Unsere Zweifel und Bedenken mit 3 Hunden auf dem Wasser zu wandern, sind unbegründet. Die Hunde halten es aus, wir halten es aus, die Luftboote halten es aus. Die Grabner-Bootshaut ist enorm kratzfest. Die scharfen Krallen unserer 3 Hündinnen hinterlassen auf den Zweierkajaks RIVERSTAR und EXPLORER II keinerlei Kratzspuren.

Also wir an diesem Brückentag freitags zwischen 2 Regenfronten unter Sonne nach 6 Stunden beinahe pausenlosem Paddeln über 25 Fluss-km in Runkel anlanden, bin ich erstaunt und hoch zufrieden. 6 Stunden paddeln ist mit meinen demolierten Knochen in keinem anderen Kanu für mich mehr möglich. Das Riverstar-Kajak ist nicht nur kippstabil, sondern auch sehr bequem. Wie schon früher vermutet, ist dieses Luftboot für den Rest meiner Paddeltage nun mein Lieblingsboot.

Der Zeltplatz in Runkel gehört dem ältesten Kanuverleih-Unternehmen an der Lahn, der Firma LAHNTOURS. Hier ist Platz genug für alle Kanuwanderer, auch an langen Wochenenden im Frühsommer. Wir bauen unser kleines, aber wasserdichtes HILLEBERG-Zelt im Gewitterregen auf. Damit das Zelten bei Scheißwetter etwas komfortabler ist, haben wir ein Regen-Tarp über das Fleckchen Wiese gespannt. Erstmals pennen wir mit 3 Hunden in einem Zweimann-Zelt. Es klappt und ist kuschlig warm.

Tags drauf paddeln wir von Runkel nach Limburg, zum Ziel unserer diesjährigen Lahn-Tour. Auf dieser kurzen 10km-Etappe gibt es keine Schleusen mehr. Die Altstadt von Limburg mit ihren wunderschönen Fachwerkhäusern ist ein Highlight jeder Lahntal-Reise. Obwohl auch der Unterlauf der Lahn bis zur Mündung in den Rhein sehr lohnenswert ist, müssen wir unsere Tour 2016 auf dem Campingplatz Limburg beenden. Eigentlich wollten wir beim örtlichen Kanuclub übernachten, aber dort findet an diesem Samstag eine private Feier statt. Nun denn, es gibt Ausweichmöglichkeiten.

Beim Kanuwandern muss man nicht nur Spaß am Paddeln, sondern auch an den übrigen Aktivitäten haben. Dazu gehören Boote startklar machen, Zelte auf- und abbauen, und am Ende der Tour die Fahrzeuge nachholen. Das kann man an der Lahn zwar vermeiden, indem man die komplette Ausrüstung und Logistik bei den örtlichen Kanuverleihern für teures Geld einkauft, aber das war noch nie unser Ding. Und so fahren meine Frau Astrid und ich mit unseren extrem anpassungsfähigen Hunden am frühen Sonntagmorgen mit der Bahn wieder lahnaufwärts zu unseren unterschiedlichen Einsetzorten. Am späten Morgen sind wir mit unseren PKWs wieder in Limburg, packen unserem Krempel ein und fahren heim.

Damit ist die Kanu-Wander-Aktion allerdings noch nicht ganz beendet. Das dicke Ende kommt meist nach. Denn unsere komplette Ausrüstung ist nach solchen Touren meist nass und verschmutzt. Also ist nun zuhause auf dem Hof sorgfältiges Reinigen und Trocknen angesagt. Doch am milden Abend sitzen wir schon gemütlich beim Essen in unserer Stammkneipe und sind wieder startklar für die nächste Kanuwander-Tour.
Wie üblich haben wir auch bei dieser kurzen Lahntour 2016 viel gefilmt und fotografiert und daraus ist eine youtube-LAHN-Trilogie 2016 entstanden.

Über diesen Link kommt man zur youtube-Playlist: