MEKONG

Mit dem Kajak durch Laos, Kambodscha, Vietnam

Von:  Christian Stoop - 31.5.2008

Boote: EXPLORER 1

Einstieg

Mobiles Gepäck
An der Grenze zu China
Allein am „Nam-Tha“

Mitten in der Nacht schrecke ich auf. Ein ohrenbetäubender Misston. Da – schon wieder. Nun stimmt ein anderer mit ein. Und noch einer. Ich schaue auf die Uhr: 03.00. Haben die denn gar kein (Schweizerzeit-) Gefühl? Kurz darauf krähen gegen zehn weitere Gockel in schauderhaftem Kanon mit und berauben mich des bitternötigen Schlafs.

Meine Glieder schmerzen. Nicht nur vom harten Boden. Nein, eher wegen den Strapazen der vorangegangenen Tage. Die Blasen an den Fingern sind geplatzt, durchs Wasser völlig aufgeweicht. Ja, das Flüsschen „Nam-Tha“ im nördlichen Laos hat es in sich. Weite Paddelstrecken und oft nur Andeutungen einer Strömung, die sich zu schnell wieder in einen gewundenen, langen See verwandelt.

Als Peter Möhlen und ich die Reise planten, erkoren wir den „Nam-Tha“ nahe der chinesischen Grenze zu unserem „Einstimmungsfluss“. Er gilt als schiffbar, führt stellenweise durch wilde, beinahe unberührte Urlandschaft und ergiesst sich nach ca. 250 Landkarten-Kilometern in den Mekong. Perfekter Einstieg? Beinahe...

Die Umgebung ist tatsächlich traumhaft. Blaugrünes, klares Wasser, welches sich zwischen dickverschlungenem Dschungelgeflecht durchschlängelt. Keine Siedlungen. Hie und da zum Übernachten geeignete Sandbänke oder Inselchen. Doch als Peti und ich anfangs Dezember 2007 unsere vollbeladenen Grabner-Kajaks einwassern, liegt die Regenzeit bereits zu lange zurück: Das Wasser ist zu seicht, die Strömung zu schwach. Und was auf der Karte als mehr oder weniger direkte Linie zwischen zwei Punkten aussieht, offenbart sich als ein ewiges Mäandern, ein endloses Verwirr- und Zermürbespiel um die eigene Achse. Es ist, als würde sich der Fluss wehren, uns in südliche Richtung zu tragen.

Nach drei mit Paddeln und Übers-Kies-schleppen angefüllten Tagen (und einer Brech-Durchfall-Tagespause) rechnen wir unseren Nahrungsmittelvorrat hoch. Unsere Esswaren werden nie ausreichen, denn wir brauchen mindestens doppelt so lange für diesen Fluss, wie prognostiziert! Wenn das so weiter geht, schwinden unsere zeitliche Reserven, und unser Reisevisum könnte ablaufen, bevor wir in der Hauptstadt angelangt sind. Zudem haben wir zuwenig Zeit für Musse, der Faktor „Reisefreude“ kommt entschieden zu kurz.

Auf der Karte gibt’s ein grösseres Dorf am Fluss. Unsere Idee ist, dort jemanden zu suchen, der uns mit einem Motorboot weiter in Richtung Mekong mitnimmt. Wir haben Glück! Es finden sich zwei Brüder, die uns gegen Bezahlung mit ihrem motorisierten Langboot zum grossen Fluss bringen wollen. So packen wir die in Rucksäcke verstauten Schlauchkajaks mit dem restlichen Reisegepäck auf das Longtail-Boot. Zehn bis elf Stunden soll die Fahrt insgesamt dauern.

Leben am Fluss

Das Dorf unserer Bootsführer erreichen wir am selben Abend. Da wir dort übernachten, erhalten wir Einblick in ein äusserst einfaches, vom Fluss geprägtes Leben. Es scheint mir, als wären wir in die Dreharbeiten eines mittelalterlichen Films geplatzt. Währenddem die Männer am Ufer an ihren Booten zimmern und hämmern, ist in jedem Winkel des Dorfes Bewegung. Da siebt eine alte Frau Reis, hier schleppt ein Mädchen Wasser, dort rennen Kinder lauthals einem nervösen Huhn nach. Der Rauch offener Feuer zieht durch die Gässchen. Die geflochtenen Wände der eng aneinander stehenden Pfahlbauten lassen kaum Privatsphäre zu. Man hört das Stampfen von Mörsern beim Verkleinern von Kräutern. Irgendwo schreit ein Kind. Schneuzen, Husten, Rülpsen. Es murmelt und kichert hinter den Wändchen.

Und zur absoluten Unstunde dann, das durchdringende Geschrei von einem Duzend bettflüchtiger Gockel! Dermassen penetrant und nah, dass es einem wortwörtlich auf den Wecker fällt...

Mekong - Wildes Wasser

Endlich am Mekong
Typisches Passagierschiff

Ein beinahe heiliger Moment, als unsere zwei „Explorer“, mit dem Viermonate-Gepäck beladen, erstmals mit Mekong-Wasser in Berührung kommen. Wird uns der unappetitlich wirkende, lehmigbraune Fluss wohlgesinnt sein?

Hier im nördlichen Laos sind wir nicht mehr alleine auf dem Wasser. Mit derart kleinen Booten bleiben wir jedoch Exoten. Und dies wird sich bis zum Schluss nicht ändern. Kaum eine Bootsbesatzung, die nicht winkt, pfeift, uns zujubelt oder klatscht. Passagierschiffe fahren möglichst nahe an uns vorbei. Unzählige Touristen richten ihre Objektive auf uns. Muntern uns mit Zurufen auf. Es gibt Fischer, welche lange neben uns her tuckern. Sie können kaum glauben, dass wir ohne motorisierten Antrieb so rasch vorankommen.  Mit jedem entgegenkommenden Boot freuen wir uns. Sehen wir darin das grüne Signal: „Freie Durchfahrt, es sind keine allzu argen Wildwasser-Passagen oder gar Wasserfälle zu erwarten.“

Einfache Stromschnellen

Das durchdringende Knattern hören wir meist schon lange, bevor wir den Verursacher lokalisieren. Diesmal kommt es von hinten. Es handelt sich um eines dieser schmalen Langboote. Rücken an Knie, hocken die zwölf Einheimischen eng aneinandergerückt. Auf unserer Höhe winken sie wild. Wir winken zurück. Der Bootsführer lenkt dann ans linke Flussufer, wo die Passagiere aussteigen. Wohl ein Halt, um sich zu erleichtern?

Oha – da vorne geht’s wieder los! Mir bleibt nicht viel Zeit, die Leute weiter zu beobachten, denn der Fluss beschleunigt und drängt durch eine enge, felsige Stelle; beschreibt die Form eines Fragezeichens. Peti entscheidet sich für die Mitte, während ich mit Konterschlägen Abstand gewinne. Im Augenwinkel zieht etwas hinter den Felsen links vorbei. Mein kurzer Seitenblick erhascht gerade noch das leere Langboot. Der Steuermann liess seine Fahrgäste offensichtlich aussteigen, um eine heikle Passage alleine zu bewältigen. „Mist“ , geht es mir durch den Kopf,  „die Ideallinie ist offenbar hinter den Felsen!“

Der Fluss wird schmal

Zu spät für uns. Peti kämpft bereits in einem Hexenkessel. In den aufgepeitschten Fluten sehe ich nur noch seinen gelben Helm. Ob er’s schafft, ohne zu kentern? Keine Zeit, dem Spektakel länger zuzuschauen. Ich muss sofort für mich entscheiden, obwohl mir alles zu schnell geht. Muss einen besseren Überblick gewinnen. Ich entschliesse mich für rechts ins Kehrwasser. Aber dort erwartet mich eine stärkere Gegenströmung als erwartet. Um keine Höhe zu verlieren und nicht rückwärts in einen Strudel zu geraten, muss ich kräftig paddeln. Lange kann ich hier nicht bleiben, ohne meine Kräftereserven aufzubrauchen. Vor mir eine Linkskurve, der obere Teil des „Fragezeichens“. In der Aussenkurve droht eine gewaltige Walze. Um daran vorbeizukommen, muss ich das Kehrwasser verlassen, mich gegen Flussrichtung drehen und den rasanten Strom im 20° Winkel queren. Viel Zeit für diese Übung bleibt mir nicht. Als hätte sich der Mekong zu lange zurückgehalten, lässt er einer aufgestauten, ungestümen Seele freien Lauf. Seine Strömung hier ist enorm stark. Schon bin ich mitten drin. Unnachgiebige Urgewalt.  Mit beängstigendem Tempo schiesse ich der bedrohlichen Walze entgegen. Jeder Paddelschlag muss jetzt passen, effektiv sein. Der rauschende Donner fallenden Wassers betäubt meine Ohren, die Gefahr unmissverständlich verdeutlichend. Wer jetzt nicht hören will, wird fühlen! Lähmende Panik will sich in meinen Hals schleichen. Kommt nicht in Frage! Es gelingt mir, die aufkeimende Angst runter zu schlucken und mich gleichzeitig zur Höchstleistung anzutreiben: „Schneller, kräftiger, gib Gas!“  Ich ziehe voll durch, gebe alles. Gerade noch rechtzeitig stelle ich das Boot in Strömungsrichtung, um einen Sekundenbruchteil später haarscharf an der Walze vorbei zu jagen. Danach werde ich von einem Wellendurcheinander, wildaufschiessenden „Pilzen“ und Wirbeln empfangen. Fühle mich wie eine Petersilie in einer riesigen, brodelnden Suppe. Ein Strudel drückt das Bootsheck nach unten. Mein Kajak füllt sich zur Hälfte, was ihm aber absolut nichts auszumachen scheint! Hier zeigt sich eine weitere Stärke dieses genialen Luftbootes. Dank den Auftriebsreserven des „Explorers“  kann ich mich mit weiteren gezielten Paddelschlägen von dem Sog befreien.

Feierabend

Kurz darauf lande ich wohlbehalten neben Peti an einem kleinen Strändchen. Wir entleeren unsere Kajaks vom Mekongwasser und erholen uns. Gleich gegenüber wartet der Langboot-Kapitän auf seine Fahrgäste, die sich mühsam einen Weg durch die Felsen suchen. Er lacht zu uns rüber, winkt, und die Daumen seiner ausgestreckten Arme zeigen Glück wünschend nach oben.

Buddha-Land

Neugierige Kinder
2- oder 3-Plätzer?

Wenn wir bei einer Ortschaft anlegen, bildet sich sofort eine Traube Neugieriger. Jeder muss die Bootshaut betasten. Auch das Doppelpaddel macht gewaltigen Eindruck. Meist zeigen die Leute genügend Respekt vor den fremden Dingen.

Und doch kann ein Angestellter eines Floss-Restaurants der Versuchung nicht widerstehen. Gerade widmen wir uns heisshungrig dem Essen, als er in einem unbeobachteten Moment in Petis Boot steigt. Ein Schrei - und wir sehen gerade noch, wie das Kajak eine „halbe Eskimorolle“ vollzieht, den ungebetenen Passagier mitsamt den Kleidern ins Wasser entlassend.

Alles lacht ab dieser Show-Einlage. Zum Glück ist unser Gepäck fest verzurrt und wasserdicht verpackt. Wir lachen herzhaft mit.

Tempel in Laos
Buddha-Höhle
Kayak in the mist...

Insgesamt haben wir 4 Monate Zeit. Für uns ist es wichtig, den Fluss als Ziel sehen zu können. Es soll nicht ein reiner Sportakt werden, der Peti und mich möglichst rasch zum Meer führt.

Zu spannend und faszinierend ist das Umfeld des Mekong, der Lebensader von Millionen von Menschen. Es wundert nicht, dass an seinen Ufern höchst interessante Zeugen alter Kulturen zu finden sind. Die harmonischen buddhistischen Tempel, bis ins kleinste Detail kunstvoll verziert, haben es mir besonders angetan. Buddhas Abbild ist allgegenwärtig.

Sei dies als riesenhafte, goldene Statue auf Hügeln und in all den fantastischen Tempeln oder in Form tausender antiker Figürchen in Pilgerhöhlen.

Die Gemächlichkeit und Gelassenheit der buddhistischen Laoten ist eine wahre Wohltat für uns, die wir aus der westlichen Hetzgesellschaft stammen, wo Leistung und Macht zur Religion wird. Auf ruhigen Flussstrecken versinke ich Paddelschlag für Paddelschlag in geradezu meditativer Stimmung. In der Stille eines nebligen Morgens ziehen wir auf spiegelglattem Wasser eine keilförmige Spur nach. Irgendwann dringen gefilterte Strahlen durch den Dunst.  Der Mekong dampft. Welch mystische, ja göttliche Stimmung!

Grenzfluss

Insel-Schlafplatz

Der Mekong bildet über weite Distanzen die Grenze zwischen Laos und Thailand. Was für ein krasser Gegensatz zwischen den beiden Ufern! Links Laos: Einige Lastwagen rumpeln über die schlaglochübersähte, unbefestigte Piste. Hin und wieder eines dieser 100ccm-Motorräder. Rotstaubige Büsche am Strassenrand. Kleine Dörfchen, einfache, malerische Hütten zwischen wucherndem Grün. Die steilen Flussufer werden terrassiert und bepflanzt. Jedes Jahr erneut, denn der Flusspegel steigt während der Regenzeit um bis zu 10 (!) Meter. Frauen stehen bis zu den Hüften im Wasser und waschen sich. Ein Wickeltuch verdeckt ihre Blösse. Rechts Thailand: An befestigten Ufern zeugen hell gestrichene Häuser mit Ziegeldächern von Reichtum. Laute Festmusik dringt an unsere Ohren. Grässliches Karaokegeplärr bis tief in die Nacht! Die stark frequentierten Asphaltstrassen sind mit Leitplanken gesichert. Eine endlose Reihe von Strassenlampen beleuchtet das thailändische Ufer, während das laotische in stiller Dunkelheit versinkt.

Khone Phapheng-Wasserfälle

Unüberwindbar für uns

Wir gelangen in die südlichste Mekongregion von Laos. Ein Gewirr von 200 buschigen Inselchen ragt hier aus dem Fluss. Gleich hinter diesem Natur-Labyrinth donnern gewaltige Wassermengen 15 Meter in die Tiefe. Es sind dies die grössten Fälle Südostasiens. Für uns ein unüberwindbares Hindernis - zumindest auf dem Wasser. Frühmorgens, bei Dunkelheit zurren wir die Kajaks auf unsere zwei klappbaren Bootswägelchen. Mit vollbepackten Rucksäcken und den Kajaks im Schlepptau lassen sich die je 70 Kilo Gepäck elegant ohne fremde Hilfe transportieren. So umrunden wir über Land die Wasserfälle und wassern weiter unten wieder ein. Oh, wie hat es sich gelohnt, so früh aufzustehen. Denn im Becken etwas flussabwärts sichten wir tatsächlich eine Familie der seltenen Flussdelphine!

Grenzübertritt

Die „fliessende Grenze“ zu Kambodscha

Weisse Hose, weisse Schuhe. Hmmm – eine sehr seltene Aufmachung hier. Auch sonst sinkt der Typ auf der Sympathieskala nach ganz unten. Ununterbrochen redet er auf uns ein. Ohne ihn würden wir’s nie schaffen. Wir stehen am laotischen Grenzposten auf dem Festland und warten auf unseren Ausreisestempel. Danach wollen wir mit den Kajaks weiter dem Verlauf des Mekong folgen. Dabei dürfen wir auf keinen Fall den kambodschanischen Grenzposten verpassen. Der Mekong ist hier recht verästelt. Es könnte tatsächlich schwierig werden. Der Typ geht uns jedoch auf die Nerven. Nun will er auch noch Geld für irgendwelche zweifelhaften Dienste. Wir lassen ihn stehen.

Im Grenzdorf erkundigen wir uns. Dort rät man, einfach zu Fuss einen Kilometer der Staubstrasse zu folgen. 45 Minuten später haben wir den Einreisestempel nach Kambodscha im Pass. Das ging aber einfach! Kaum sind wir wieder auf dem Fluss, da rast uns jedoch ein Polizeiboot nach. Zu früh gefreut? Ist etwas nicht in Ordnung? Die zwei Beamten deuten uns, sofort anzuhalten. Als ob wir ihnen mit unseren Booten entwischen könnten...Unsere Pässe werden nochmals gründlich durchgecheckt. Danach ist uns der Flussweg nach Kambodscha geöffnet.

Auswassern

Hafer-Taxi

Wir wollen ins Landesinnere zu den gigantischen Tempelanlagen Angkors. Etwa 70 km vor Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, wassern wir aus. Am Rande einer Stadt finden wir eine günstige Stelle, wo wir beinahe unbehelligt unsere mehr-als-nur-sieben-Sachen in die Rucksäcke packen können. Als wir die Luft aus unseren Booten lassen, steht plötzlich ein Pferd neben uns. Vorgespannt an einen Einachser. Sein Besitzer, ein Mann mit verkrüppelter Hand, hilft uns hartnäckig, die Boote in die Säcke zu stopfen. Eine wirkungsvolle Taktik, um uns für sein 1-PS-Taxi zu gewinnen... Kommt uns eigentlich nicht ungelegen. Kurz darauf rattern wir mit Sack und Pack los. Gibt es eine sanftere Methode, um sich in die Emsigkeit einer asiatischen Stadt einzugewöhnen, als auf diesem holprigen Pferdewagen?

Wettrennen

Wochen später, mitten im Mekongdelta, Vietnam.Die Fährfrau macht grosse Augen, als sie uns in den seltsamen Booten sieht. Dann lacht sie, gibt mehr Druck auf die Stehruder. Auf gleicher Höhe fordert sie mich tatsächlich zum Rennen auf! Ich erinnere mich an das Gaudi mit den 4 Jungen in Laos, welche mit ihrer Piroge gegen Peti antraten. Die waren dermassen im Banne des Wettrennens, dass sie Untiefen übersahen und deshalb kenterten.

Diesmal haben wir Zuschauer. Denn links und rechts des schmalen Kanals stehen dicht ineinander verschachtelte Pfahlbauten im Wasser. Von allen Seiten rufts und pfeifts. Das Schweizerfähnlein flattert an meinem Kajak; darf mich also nicht blamieren. Die Frau gibt Tempo. Auch ich ziehe stärker durch, fange an zu beschleunigen. Nun gibt sie volle Kraft. Ziel ist der kleine Fährsteg stromabwärts. Das Ziel kommt rasch näher und – tja, bescheiden wie ich bin, verrate ich DEN Gewinner nicht...

Mekong-Delta

Im Mekong-Delta

Bevor der Mekong ins Südchinesische Meer mündet, teilt er sich in mehrere Hauptarme, welche durch ein Netz von Kanälen miteinander verbunden sind. Es bildet sich ein gigantisches Delta mit einer Fläche von 39'000 km2. Die dichte Besiedlung macht es uns nicht leicht, wild zu campieren. Und Gästehäuser oder Hotels scheinen ein Privileg der Städte zu sein.

Eines Abends paddeln wir in einem Kanal auf der Suche nach einem Schlafplatz. Wenn wir die Leute fragen, ob wir irgendwo am Rand ausgedehnter Reisfelder unser Zelt aufstellen dürfen, verstehen sie unser Ansinnen nicht. Es ist nicht nur die Sprachbarriere; es ist die Andersartigkeit. Offensichtlich sind wir sehr seltsame Fremde.

Vor einer Stunde sind wir eine rechte Distanz zurück gepaddelt. Nur, um uns durch ein vermeintlich ideales, verlassenes Fabrikgelände enttäuschen zu lassen. Vom Kanal aus hatten wir eben nicht erkennen können, dass das ganze Gebiet hinter der Uferböschung unter Wasser steht. Nichts für unser Zelt!

Jetzt sind wir spät dran. Nicht genug damit, dass es eindunkelt. Auch unser Kanal wendet sich gegen uns. Denn plötzlich fliesst das Mekongwasser in Gegenrichtung! Die Flut hat eingesetzt. Ja, das Wasser im Delta wird durch die Gezeiten beeinflusst. Müde und mühsam quälen wir uns gegen den Strom. Abwechselnd dick bewachsene und eng bewohnte Uferzonen. Unsere Chancen, ein geeignetes Plätzchen zu finden, schwinden drastisch. In einer Viertelstunde, so gegen halb sieben Uhr, wird es finster sein.

Da - ein enger Bewässerungskanal links. Mit geduckten Köpfen rudern wir unter hängenden Ästen durch. Das Blätterdach öffnet sich und wir gleiten in ein kleines, aufgestautes Becken. Im schwindenden Licht erkennen wir eine Schleuse. Endstation. Und trotzdem brechen wir in Jubel aus! Am Beckenrand nämlich gibt’s eine kleine, ebene Fläche. Und genau dort bauen wir unser Zelt auf!

Schwimmender Markt

Hotel am Fluss

Can Tho ist mit über einer Million Einwohnern die grösste Stadt im Mekong-Delta. Als wir in diese Stadt reinpaddeln, sind wir nudelfertig. Kein Wunder nach acht Paddelstunden, davon die letzten zwei gegen die Flut! Wir rudern den Häusern entlang, auf der Suche nach einer Unterkunft. Am liebsten gleich am Fluss. Das erspart das Zusammenpacken der Boote. Man lädt nur die ganze Bagage aus und schliesst die aufgeblasenen Kajaks am Ufer ab. Dies jedoch ist im Normalfall eine reine Wunschvorstellung! Die meisten Mekongstädte bauen nämlich ihre Hotels nicht am Fluss. Am Fluss wohnen die armen Leute, die Fischer mit ihren Bretterbuden auf Pfählen. Aber hier steht wahrhaftig ein Restaurant direkt am Wasser mit einem grösseren Anbau. Ich bin zu müde, um auf irgendeine Weise ins menschenleere Lokal reinzuklettern und rufe so lange „hello!“, bis sich jemand zeigt. Kurz darauf steht eine ganze Bediensteten-Gruppe am Geländer, fuchtelnd und kichernd. Ja, dies sei auch ein Hotel! Die Zimmerpreisverhandlung findet nun vom Wasser aus statt. Es mutet etwas surreal an, als wir kurz darauf unsere Boote quer durch den weiss gedeckten Speisesaal schleppen, eine Schlammspur hinterlassend...

Wir lieben unsere Doppelpaddel
Schwimmender Markt

Tags darauf möchten wir zum schwimmenden Markt. Selbstverständlich mit unseren eigenen Kajaks, für einmal unbeladen. Da der Markt in den Morgenstunden am aktivsten ist, können wir die Gezeiten nicht auswählen und paddeln wieder tüchtig gegen den Strom. Dabei überholen uns wahre Flotten von Touristenbooten. Es ist sehr aufmunternd, wie die Leute uns anfeuern, winken und filmen. Unsere verbissene Paddelei überdecken wir mit einem fotogenen Dauerlächeln.

Nach fünf Viertelstunden erreichen wir den Markt. Grössere Schiffe sind mitten in der Flussströmung an Bambusstangen provisorisch vertäut und teils aneinander gehängt. Dazwischen bilden sich schmale Wassersträsschen. Der Bootsverkehr ist immens. Es geht zu und her wie auf der Strasse. Während Frauen auf schmalen Nussschalen mühselig stromaufwärts rudern, knattern rücksichtslose Händler mit motorisierten Booten gefährlich schnell durch die Lücken. Und die Touristenkähne erzwingen sich den Vortritt sowieso.
Als wir in diesem Getümmel auftauchen, reagieren die Marktleute herzlich. Sie lachen bei unserem Anblick – ich hoffe, nur wegen den Kajaks – und zeigen mit den Fingern auf uns. Jeder winkt uns heran, möchte die Gummiboote betasten.  Während ich fotografiere, wird Peti mehrmals mit Früchten beschenkt und auf die Schiffe eingeladen. Das bunte Treiben dieses Marktes überfordert meine Sinne völlig. All diese unterschiedlichen Boote, Farben, Geräusche, Gerüche, Menschen. Ein monumentales Bild voller Leben, Bewegung und Exotik.

Imposante Begegnung

Nach ca. 1'800 Flusskilometern wassern wir unsere Reisekajaks das letzte Mal aus. Wir fühlen uns enorm bereichert durch eine Fülle von Erinnerungen an unvergessliche, exotische, aber auch harte oder witzige Erlebnisse.

Good bye, Mekong

Zu den EXPLORERN können wir dem ganzen Grabner-Team nur GRATULIEREN. Wir lernten diese Qualitätsboote in Stromschnellen genauso schätzen wie im Gegenwind oder auf ruhigen Fluss-Strecken. Mit ihrem stabilen Fahrverhalten vermittelten sie uns ein hohes Mass an Sicherheit. Und nebenbei gesagt: Es ist doch gut zu wissen, dass die voll beladenen Schlauch-Kajaks auch im gekenterten Zustand schwimmfähig bleiben, sich mitten im Fluss rasch umdrehen, besteigen und weiter manövrieren lassen!