ABENTEUER AM BLAUEN NIL

Bericht + Fotos von Peter Umfahrer

Boote : GRABNER EXPLORER 1

Mit ohrenbetäubendem Lärm stürzen die braunen Wassermassen auf einer Länge von fast vierhundert Metern in eine schmale, von schwarzem Lavagestein begrenzte Schlucht. Im einfallenden, warmen Morgenlicht spiegeln sich die schönsten Regenbogen in der meterhoch aufstaubenden Gischt und ergeben ein fast kitschig wirkendes Bild.

Tis-Abay, "Rauch des Wassers", werden die Wasserfälle von den Einheimischen in Amharisch genannt, ein wahrlich treffender Name für diesen Ort.

Zerschunden und müde von den vergangenen Tagen genießen wir das wohl eindruckvollste Schauspiel auf dem gesamten Flusslauf des Nil, des mit 6.670 Kilometern längsten Flusses der Erde.

Auf seinem scheinbar endlosen Weg aus dem Inneren Afrikas nach Norden durchquert er Regenwälder, Savannen, Sümpfe und Wüsten, ehe er sich zum Delta verzweigt und bei Alexandria ins Mittelmeer mündet.

Unzählige Mythen kreisen seit Menschengedenken um den Nil und sein Wasser, und so versuchten nicht nur die alten Ägypter, eine Antwort auf das Rätsel seines Ursprunges zu finden.

Die Suche nach den Quellen beschäftigte Philosophen und Geographen ebenso wie Forscher und Abenteurer.
Bis die Frage des Nillaufes endgültig geklärt werden konnte, dauerte es bis in das 19. Jahrhundert, wobei die Antworten darauf von mehreren Forschern und Abenteurern nach und nach zusammengetragen wurden.
Obwohl damit eines der letzten großen Rätsel Afrikas geklärt war, hat der Nil bis heute nichts von seinem Geheimnisvollen verloren.

Noch gestern waren wir am Fluss unterwegs und haben ein schönes Abenteuer beendet, das Abenteuer Blauer Nil ....

Mit raschen Handgriffen werden unsere zwei Explorer - Luftkajaks an der Brücke in Bahir Dar vom klapprigen Taxi gehievt. An dieser Stelle verläuft der Blaue Nil den Tana-See, den größten See Äthiopiens und von hier wollen auch wir dem Lauf des Flusses bis zu den Wasserfällen von Tis-Abay folgen.

Unsere Nachforschungen vor Ort bezüglich vorangegangener Befahrungen und Schwierigkeiten haben nichts ergeben, sodass wir uns vorsichtshalber einmal auf das Schlimmste einstellen.

"Take care, you will see a lot of crocodiles an hypos" - mit diesen überaus aufbauenden Worten unseres kleinen Freundes George aus Bahir Dar stoßen wir uns vom flachen Ufer ab.

Ein kurzer, prüfender Blick auf unsere Kunststofftonnen, in denen wir die Ausrüstung verstaut haben, ein Blick zurück zu George und schon hat uns die sanfte Strömung aufgenommen. Obwohl der neue Tag erst wenige Stunden alt ist, weht bereits ein kräftiger, böiger Gegenwind, der uns das Paddeln auf dem durch saftig grünes Weideland führenden Abschnitt nicht gerade leicht macht.

Fast übergangslos wechseln Papyruswälder und schwarze Lavablöcke das vorangegangene Landschaftsbild ab und so nimmt uns der Fluss mit jedem Paddelschlag mehr und mehr in seinen Bann. Nicht schlecht ist die Überraschung, als sich der Nil unvermutet in etliche seichte Kanäle verzweigt, die uns teilweise sogar zum Aussteigen und ziehen des Bootes zwingen.

Aber stets der Hauptströmung folgend, erreichen wir immer wieder tiefes und somit fahrbares Wasser. Aufgeregt deutet mein Freund Bernhard plötzlich nach vorne. "Wo umfahren wir diese Steine?" Angestrengt schaue ich nach vorne, aber als sich die "Steine" bewegen, wissen wir, dass es sich um Flusspferde handelt. Jene von den Einheimischen am meisten gefürchteten Tiere auf Afrikas Flüssen.

Nachdem wir es nicht unbedingt auf ein Zusammentreffen anlegen, paddeln wir fast lautlos im größtmöglichen Abstand an den gewaltigen Kolossen vorbei. Anschließend geht es dann Schlag auf Schlag - direkt vor unserem Bug schießen zwei stattliche Krokodile ins Wasser, die auf den flachen Lavafelsen gedöst haben, und ein Stück weiter haben wir erneut Begegnungen mit Flusspferden. So ist es uns gar nicht unrecht, als die Strömung wieder stärker wird und sich unsere angespannten Nerven ein bisschen erholen können.

Ein kräftiges, immer lauter werdendes Rauschen reisst uns aus unseren Nil-Träumen. Gerade noch rechtzeitig ziehen wir unsere Boote ans sichere Ufer und marschieren über das scharfkantige Lavagestein flussabwärts, wo wir den Grund für das Rauschen entdecken.

Ein Katarakt stürzt in mehreren Stufen hinab und macht diese Stelle zu einem für uns unbefahrbaren Hindernis. Also heißt es, Boot für Boot entladen, und diese Stelle treidelnd und tragend zu bewältigen. Unsere Hoffnung, dass dieser Katarakt die einzige Ausnahme bildet, ist leider ein Schuss ins Leere, denn auf den nun folgenden Kilometern lässt ein schwieriger Abbruch den anderen ab.

Unsere beiden EXPLORER-Boote werden auf das Härteste beansprucht, und nur der robusten Bootshaut ist es zu verdanken, dass wir auf dem scharfkantigen Lavagestein keine Schäden erleiden.

In diesem Abschnitt zu kentern wollen wir auf alle Fälle vermeiden, da fast alle schweren Stellen im ruhigen Wasser enden und wir so genau den Krokodilen oder Flusspferden vor das Maul geschwemmt würden.

In einer schmalen Stelle mit großer Wasserwucht passiert aber dann das Unvermeidbare. Ich sehe gerade Bernhards Kopf blitzartig verschwinden und - ein Stück weiter - wie er samt Boot in Richtung Ufer schwimmt. So plötzlich, wie die gefährlichen Stellen aufgetaucht sind, so plötzlich weichen die steinigen Ufer dann saftig grünen Weideflächen. Das graugrüne Wasser aus dem Hochland verschmilzt langsam mit dem braunen, schlammführenden Wasser. Die Schwierigkeiten nehmen mehr und mehr ab und machen das Paddeln wieder zum reinen Vergnügen.

Immer mehr Menschen, die in den angrenzenden Feldern ihrer Tätigkeit nachgehen, winken uns freundlich zu, und als plötzlich einige Einheimische aufgeregt nach vorne deuten, wissen wir, dass wir den kleinen Ort Tis-Abay und somit die Wasserfälle erreicht haben. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich unsere Ankunft, als wir am Ufer anlegen. Alles was sich irgendwie auf den Beinen halten kann, rennt an den Fluss, um die zwei verrückten Weißen begrüßen zu können.

Glücklich und zufrieden, diese Fahrt heil überstanden zu haben, klettern wir am Abend nach einem langen, anstrengenden Tag aus unseren Booten. Ein großes Abenteuer ist somit zu Ende, aber wir wollen wiederkommen. Denn nach den Wasserfällen von Tis-Abay warten weitere 1.000 km geheimnisvoller Blauer Nil auf seine Befahrung.