Expedition Lac Amparihibe Madagaskar

Text: Dr. Gunter Fischer

Fotos: Dr. Gunter Fischer, Mag. Gabriele Drozdowski, Bernd Stolle

Team: Dr. Gunter Fischer, Mag. Petra Fischer-Stolle, Dr. Robert Schabetsberger, Mag. Gabriele Drozdowski, Bernd Stolle

Boot: Grabner Ranger

Reiseziel: Madagaskar

Expedition der Universität Salzburg

7 Tage sind wir auf der Route National Nr. 7 mit einem Geländewagen unterwegs, einem unbefestigten Feldweg mit metertiefen Schlagslöchern, um Maroansetra, den Ausgangspunkt unserer Expedition im Nordosten Madagaskars, zu erreichen. Das ist Anfang November, dem Beginn des Südsommers, der mit starken Regenfällen verbunden ist, ein riskantes Unterfangen. Die Stadt ist während der Regenzeit auf dem Landweg nicht erreichbar. Allerdings hatten wir auch keine Wahl, da das Expeditionsgepäck inklusive Grabner-Boot und Forschungsausrüstung annähernd 400 Kilo auf die Waage brachte. Maroansetra wird nur von kleinen Passagiermaschinen angeflogen mit einem Freigepäckslimit von 10 kg pro Person.

Der Weg selbst ist wie ein Traumurlaub am Strand, die Strasse schlängelt sich über 1000 Kilometer an weißen, völlig unberührten Sandstränden entlang, mit verstreuten verschlafenen Fischerdörfern am Weg. Hotels gibt es keine. Wir verbrachten die Nächten in unseren Zelten am Strand bei Lagerfeuer und Eintopf, ein Vorgeschmack auf die bevorstehende Expedition. Glücklicherweise gab es keine gröberen Zwischenfälle und wir erreichten samt unserem Gepäck sicher Maroansetra, das malerisch in der Bucht von Antongil im Nordosten Madagaskars liegt.

Die Region hat mit der Masoala Halbinsel nicht nur landschaftliche Schönheiten zu bieten, auch die Unterwasserwelt ist beeindruckend. Scharen von Hammerhaien und Buckelwalen gebären alljährlich ihre Jungen in der Bucht. Unser Fokus liegt aber auf dem Kratersee Lac Amparihibe, der 5 Tagesmärsche von Maroansetra tief im unberührten Dschungel Madagaskars liegt. Ziel unserer Expedition ist es, die Vegetation um den See und das Leben im See zu erforschen. Unser Team setzt sich zusammen aus den Zoologen Dr. Robert Schabetsberger und Mag. Gabriele Drozdowski,  Experten für Kraterseen, den Botanikern Dr. Gunter Fischer und Mag. Petra Fischer-Stolle, Experten für die Flora Madagaskars, und Bernd Stolle, Vermessungstechniker. Begleitet werden wir von einem madagassischen Botaniker und einer Zoologiestudentin der Universität Madagaskars.

Nach dem ersten Kontakt mit der örtlichen Naturschutzbehörde, die uns auch den Kontakt zu Guides und Trägern legt, begeben wir uns auf den Markt von Maroansetra, um Verpflegung für das gesamte Expeditionsteam einzukaufen. Neben den 7 Fixstartern ist nun auch ein Tross von 52 Guides und Trägern Teil des Teams, das bedeutet 500 kg Reis und 250 kg Gemüse und Fisch für 14 Tage im Gelände. Die Reishändler am Markt packen zusammen und gehen nach Hause, für diesen Tag sind sie ausverkauft.

Der Weg zu dem Kratersee ist beschwerlich, doch zuerst können wir noch mit einem außenbordergetriebenen Boot der Wildlife Conservation Society den Hauptfluss bis zum letzten Dorf hochfahren. Das Leben am Rande der Zivilisation ist hart, die Menschen versuchen mit ihren Kräften der Natur das Notwendigste zum Überleben abzuringen. Durch das Abbrennen von Urwaldflächen schaffen sie Ackerland, das für 1-2 Ernten bringt, dann müssen sie weiterziehen. Ein Teufelskreis, der dazu führt, dass Madagaskar nur mehr ca. 18% ursprüngliche Vegetationsflächen aufweist, der Rest ist verödet – eine ökologische Katastrophe, die auch unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen hat. In einigen Regionen gibt es kein sauberes Wasser mehr, und in den Hochlagen fehlt es an Feuerholz.

In der Dämmerung erreichen wir unseren ersten Lagerplatz, der nahe am Fluss liegt und offensichtlich der Fußballplatz des Dorfes ist. Rasch sind unsere Zelte aufgebaut und unsere einheimischen Träger bauen sich Großzelte aus Planen, denn mit starken tropischen Regengüssen ist jederzeit zu rechnen. Am Hauptfluss, der im Oberlauf  noch gut und gerne 150 Meter breit ist und in dem Nilkrokodile keine Seltenheit sein sollen, ist die Begeisterung über ein Bad im trüben, rotbraunen Wasser in stockdunkler Nacht, eher gebremst. Mit unseren Stirnlampen leuchten wir das Ufer ab und begnügen uns mit einer Katzenwäsche, trotz der immer noch 30°C. Der nächste Morgen erstrahlt im vollem Sonnenschein und zügig brechen wir unser Lager ab, die letzten Träger werden noch angeheuert und unser Tross mit etwa 60 Menschen setzt sich in Bewegung Richtung Kratersee. Zwischen uns und dem See liegen mehrere Berge, die jeweils um die 1000 Meter hoch sind und von undurchdringlichem Regenwald überzogen sind. Für den Aufstieg zum See benötigen wir 4 Tage mit mehreren Camps in Urwaldlichtungen. Die Gesänge der Träger und Rufe von Lemuren begleiten unseren Weg. Durch das ständige auf und ab müssen wir fast 7000 Höhenmeter bewältigen, bis wir schließlich den See erreichen, der auf einer Höhe von 1000 Meter liegt.

Bei Ankunft am Kraterrand können wir bereits erste Blicke auf den in der Abendsonne schimmernden See erhaschen, ein traumhafter Anblick. Die lauten Rufe ansässiger Wasservögel hallen über den still da liegenden See.

Voller Begeisterung und Erwartung errichten wir unser Camp im dichten Bergregenwald am Kraterrand, der einzigen halbwegs ebenen Fläche, kein leichtes Unterfangen für 60 Personen. Es gibt ein kleines fest mit Tanz und Gesängen, zu dem jeder etwas beiträgt.

Am nächsten Morgen müssen wir uns den Weg vom Kraterrand hinab zum See, der extrem steil und rutschig ist, freihacken, da die Vegetation schier undurchdringlich ist. Eine Anstrengung, die uns fast den ganzen Vormittag kostet. Wie zu erwarten gibt es kein Ufer, da die Wände des ehemaligen Vulkans steil abfallen. Aus Bäumen und Ästen bauen wir uns eine behelfsmäßige Plattform, um unseren Grabner-Ranger aufblasen zu können. Jetzt wird für die Träger das Geheimnis um das große Paket gelüftet, das an einer Tragestange von 2 Männern über die gesamte Strecke getragen wurde. Das Auspacken und Aufblasen des Bootes weckt unter den madagassischen Männern großes Interesse und Aufsehen. Jeder möchte einmal die Pumpe betätigen und ins Boot einsteigen. Die beiden Träger des Bootes sind natürlich die ersten.

Endlich sind wir am Wasser und erforschen die Vegetation des noch völlig unbekannten Kartersees mit Hilfe des Grabner Bootes. Wir nehmen Pflanzenproben vom Boot aus, für spätere genetische Analysen, und sammeln blühende Orchideen von unglaublicher Schönheit. Mein Kollege Robert Schabetsberger nimmt Wasserproben aus unterschiedlichen Tiefen, um die Verteilung der Sauerstoff- und Planktonverhälnisse zu klären. Die Tiefe des Sees wir auf etwa 30 m bestimmt. Netze werden ausgelegt, um eventuell Fische oder andere Tiere zu fangen. Da der See über Jahrmillionen von allen anderen Gewässern isoliert war, konnten sich keine Fische entwickeln, sondern Wasservögel, riesige Süßwasserkrabben und große Insekten stehen an der Spitze der Nahrungskette.

Unsere mitgebrachte Proviant reicht nur für 3 Tage am See, wehen Herzens müssen wir an den Aufbruch denken. Der Abstieg verläuft ohne größere Probleme, und wir erreichen ohne Schwierigkeiten den Hauptfluss. Das letzte Abenteuer ist die Rückfahrt mit unserem Grabner-Ranger auf dem Fluss, der in seinem Oberlauf einige Stromschnellen aufweist, die eine Herausforderung darstellen (man will ja nicht in einem krokodilverseuchten Fluss kentern). Wieder ist der Aufbau des Bootes eine interessante Angelegenheit, an der jeder beteiligt sein möchte. Wir werden gefragt, ob wir das Boot nicht hier lassen wollen, da es sich hervorragend zum Fischen eignet und den Mensche hier viel Nutzen bringen würde.

Bei unserer Abfahrt haben sich Frauen, Kinder und Männer eines nahe gelegen Dorfes am Ufer versammelt, auch wichtige Hautiere sind mit von der Partie. Es wird geschwatzt, diskutiert, gesungen und gelacht, bis wir mit dem Boot ablegen. Während unserer Fahrt flussabwärts weckt das Boot auch bei den Dorfbewohnern am Fluss große Aufmerksamkeit, Kinder laufen ans Ufer und winken uns.

Glücklich und gesund erreichen wir den letzten Außenposten der Zivilisation, das kleine Dorf, an dem wir unsere Expedition vor 10 Tagen gestartet haben. Uns kommt das Dorf und die Schule in der wir übernachten, als Inbegriff von Luxus vor.