Indien - Ganges

Wo: INDIEN - Ganges
    
Länge:  2700 km

Dauer:  6 Wochen

Ausgangspunkt:  Wildwasser des Himalaya

Endpunkt:  Indischer Ozean

Teilnehmer:  Claudia Schanza, Mag. Wolfgang Proehl

Mit dem Ranger vom Wildwasser des Himalaya bis zum Indischen Ozean.

Reisefotograf Wolfgang Proehl bereiste in einem Grabner-Raft den heiligsten Fluss der Welt.

Seine Bilanz: Der Ganges ist viel besser als sein Ruf.

23. Oktober 1999: So mancher Passagier vermutet, wir wollen auswandern, als wir zu weit 160 Kilo Gepäck vom Förderband des Flughafen in Delhi hiefen.

Wir, das sind Journalistin Claudia Schanza, 35, und Fotograf Wolfgang Proehl, 39. Und unser Gepäck, das sind drei riesige knallrote wasserfeste Saecke, ein großes blaues Paket (der Ranger), der braune Karton mit Honda-Aufschrift (unser 15-PS-Motor, 46 Kilo), eine Alu-Kiste mit Campingausrüstung, der schwarze Hartschalenkoffer (randvoll mit Wiesbauer-Würsten und Mannerschnitten), vier Paddel - fest eingewickelt in Schutzfolie.  Ach ja, und als Handgepäck zwei Fototaschen mit insgesamt drei Kameras und sechs Objektiven. Unmöglich, mit dieser Ausstattung unauffällig einzureisen.

Überraschenderweise macht der indische Zoll null Problemo. Wir beziehen unser Hotelzimmer in Delhi und verbringen drei Tage mit den letzten Vorbereitungen zu unserer Ganges-Expedition. Checken, ob alle Genehmigungen, diesen heiligen Fluss zu befahren, okay sind. Schließlich brauchen wir für jeden Bundesstaat, den wir durchfahren, eine extra Bewilligung: Uttar Pradesh, Bihar, Westbengalen.

Letzte Besprechungen mit unserem indischen Freund und Reisepartner Rahul Rao, ein Empfang beim österreichischen Botschafter Dr. Herbert Traxl, und mehrere Interviews mit indischen TV-Stationen lassen die Zeit knapp werden.

Unsere Expedition erregt in Delhi großes Aufsehen, denn niemand geringerer als Sir Edmund Hillary ist der Vorsitzende jenes Kommittes, das sich gegründet hat, um unseren Trip zu unterstützen. Nicht finanziell, sondern mit Tips und den richtigen Verbindungen - die man zum Beispiel braucht, um bestimmte Genehmigungen etwas schneller als in Indien üblich zu ergattern.

Hillary, der berühmte Erstbesteiger des Mount Everst, ist inzwischen 80 Jahre alt und lebt in Neuseeland.

Vor 25 Jahren bereiste er den Ganges und verarbeitete diese Fahrt zu einem Bestseller: From the Ocean to the Sky. "Sir Ed" wählte seine Route allerdings stromaufwärts - vom Gangesdelta bis in die Berge des Himalaya. Und er wählte eine PS-intensive Form des Reisens mit schnellen Powerbooten.

Wo immer wir angelegt haben, sofort waren wir von Menschen umringt.

Wir wollten mit dem Strom schwimmen, dem natürlichen Lauf dieses gewaltigen Stromes folgen und beginnen unsere Fahrt in Devprayagh, jenem Wallfahrtsort der Hindus, wo zwei ineinander mündende Quellflüsse sich zum Ganges vereinen. Dort, wo Alaknanda und Baghirathi, zwei eiskalte Gletscherflüsse, zusammentreffen, packen wir am 30. Oktober unser Ranger-Schlauchboot aus. Auf einer kleinen Wiese pumpen Wolfgang und Rahul, bestaunt von 25 neugierigen und sehr freundlichen Indern, abwechselnd Luft in die vier Kammern. Wir montieren die Sitzbänke und verklickern der staundenden Menge, dass wir mit diesem Booterl allen Ernstes die 2.700 Kilometer bis Kalkutta zurücklegen möchten. Insgeheim schaut auch unser Reisepartner Rahul, der jahrelang Raft-Fuehrer am oberen Ganges war, sehr skeptisch in Richtung Ranger.

Wo immer wir angelegt haben, sofort waren wir von Menschen umringt. Vorbeikommende Hindu-Priester, in malerische orange Tücher gewickelt, empfehlen uns dringend, nicht ohne eine “Puja” abzulegen. Hindus beginnen nichts Neues ohne diese religiöse Zeremonie. Am Ufer des Ganges werden Blätter, gefüllt mit Blüten aufs Wasser gesetzt und den Göttern “geopfert”. Je nach finanziellen Einsatz sind diese Blütenkörbchen 15 Zentimeter bis zu einem halben Meter groß.

Wir buchen drei Priester für den nächsten Tag, weil wir bald erkennen, dass diese Puja zwar nicht gratis ist, für die Geistlichen aber den Lebensunterhalt bedeutet. Und wir sehen eine gute Chance, scharfe, farbenfreudige Fotos von diesen heiligen Männern der Hindi zu schießen.

Tatsächlich, am nächsten Morgen tauchen nicht nur die drei Priester sondern auch zwei TV-Teams und drei Zeitungsjournalisten auf, um unserer “launching ceremony”, dem Wassern des Bootes und Starten der Reise, beizuwohnen. Irgendwie wirkt auf uns Westler diese Puja wie ein bunter Hokuspokus, auch Rahul Rao muss sein Grinsen immer wieder unterdrücken. Aber Rahul wäre um nichts in der Welt ohne diese Zeremonie losgefahren…

Der erste Tag am eiskalten Gletscherwasser läuft gemächlich ab. Wir gewöhnen uns an den Ranger, in Österreich hatten wir keine Zeit mehr, ihn auf unserem “Hausfluss”, der Salza, auszuprobieren. Schon bald merken wir, dass dieses kleine Schinackel stabiler ist, als es von außen aussieht.

Wir paddeln bis fünf Uhr, gleiten durch hohe Schluchten, aber die Fahrt ist eher als Flusswandern zu bezeichnen. Am Abend schlagen wir unsere Zelte auf einer großen Sandbank auf, das Lagerfeuer sorgt für echte Campingstimmung.

Der zweite Raftingtag hat es da schon eher in sich. Wolfgang muss die schönsten Passagen vom Land aus beobachten: Er fotografiert für seine Reiseshow einen Film nach dem anderen.

Rahul und Claudia nehmen WW-3-Schnellen erfolgreich - wir sehen uns die Stellen vorher an, suchen die für uns günstigste Route und lassen uns dann volle in die Wellen treiben. Kristallklares Eiswasser und angenehme Sommertemperaturen, herrlich. Endlich Wildwasser ohne Stink-Neopren!
Wir sind nicht die ersten Rafter auf dieser Strecke des Ganges. In den vergangenen Jahren haben sich hier zahlreiche Rafting-Camps etabliert, absolut professionelle Guides führen ihre Gäste in Schlauchboot-Autobussen den Ganges runter. Unter großem Gejohle werden Rapids mit Namen wie “Golfcourse”, “Rollercoaster” und “Good Morning Rapid” gemeistert.

Unser Raft wird heftig bestaunt, schließlich sind wir nur zu dritt, die anderen haben hingegen 12 Leute aufgeladen. Eine einzige Stromschnelle ist uns zu gefährlich, wir verlassen die Hauptströmung und hanteln uns rechts zwischen großen Steinen flussabwärts: “The Wall” ist eine schlimm unterspülte steile Wand mit drei Meter hohen Wellen und Tälern - ein Durchkommen ohne Kentern wäre so gut wie unmöglich, Wildwasser-Grad 4 ist uns “too much”.

Am dritten Tag warten noch ein paar sanfte Stromschnellen auf uns, aber nicht ärger als 2+. Je näher wir dem berühmten Pilgerort Rishikesh kommen, desto träger wird der Ganges. Immer öfter müssen wir heftig paddeln um voranzukommen. In Rishikesh angelangt, weitet sich das enge Gebirgstal zur weiten Ganges-Ebene. Wir gleiten vorbei an bunten Tempeln und heiligen Ghats. Diese Ghats sind jene Stiegen, auf denen Betende in den Ganges tauchen und kleine Opfer (Pujas) zelebrieren, Frauen und Männer ihre Wäsche schrubben, Wasserbüffel zur Tränke gehen, wo Mistsackerln entsorgt werden, Haare einshampooniert und gewaschen werden - und mittendrin wir, mit unserem Ranger und den Kameras. Anfangs sind wir scheu, wollen niemanden in seiner Intimsphäre stören. Aber schon bald erkennen wir, in welchen Situationen Fotografieren unpassend ist: Wenn Frauen mit ihrem bunten Sari ihr Gesicht abdecken, wenn Männer “nein” deuten. Wobei “nein” als Körpersprache leicht missverständlich ist. Die Inder haben die gewöhnungsbedürftige Angewohnheit, den Kopf langsam nach links und rechts zu schütteln – für uns leicht als Nein zu interpretieren. Diese sanfte Seitwärtsbewegung bedeutet allerdings Interesse und Zustimmung! Ein schnelles Zucken mit dem Kopf und Zusammenkneifen der Augen, vielleicht sogar kombiniert mit einem Stirnrunzeln – das heisst tatsächlich “no”…

In Rishikesh müssen wir wieder Interviews geben, tatsächlich sind bis dato mehrere Stories erschienen und Beiträge gesendet worden.

Hier übernachten wir in der bestmöglichen Herberge, einem sogenannten Guesthouse, das jeglichen Komfort vermissen lässt. Ein Stromausfall sorgt für Finsternis. Warmwasser ist ein Fremdwort. Und als Haustiere begrüßen wir zwei Kakerlaken und mehrere Gelsen. Claudia ist knapp dran, ihr Kriechtier-Zelt (von Campingaustatter Hof & Turecek) aufzubauen, aber wir sind zu müde.

Am nächsten Tag raften wir weiter, ein paar träge Kilometer bis in die malerische Stadt Haridwar. Entgegen seinem schlechten Ruf ist diese heilige Stadt ausgesprochen sehenswert. Bunte Saris mischen sich mit dem Orange der Sadhus (die Heiligen Männer der Hindus), Ziegen, Heilige Kühe und Hunde streunen durch die Straßen und zu den Ghats. Souvenirhaendler, Bettler und westlich gekleidete Inder bilden ein buntes Kaleidoskop.

Uns fällt auf: Bettelnde Kinder und Körperbehinderte tauchen nur dort auf, wo Touristen zu erwarten sind. In den Seitengassen, abseits der Hauptziele von Indien-Reisenden, ist man kaum mit schockierender Armut konfrontiert. Rishikesh war bisher der einzige Ort, der dem Klischee Indiens als Heimat von konzentriertem Elend und penetranter Bettlerei entsprach.

Rahul rät uns, niemals Kindern Geld zu geben - ihre Eltern würden diese Einnahmequelle niemals versiegen lassen und den Kleinen keine Schulbildung zukommen lassen. Alten Frauen und schwer Behinderten könne man schon mal eine Rupie zustecken, aber niemals Scheine, immer nur Münzen.

In Haridwar kommt unser vierter Kumpel an Bord: Der 15-PS-Viertakter von Honda, ein extrem sparsamer Viertakter, der mit bleifreiem Benzin führt. Hier hat unser Begleitfahrzeug auf uns gewartet, das uns bis zu den Sunderbans am Indischen Ozean versorgt. Zu unserem Erstaunen ist nicht nur ein Fahrer an Bord, sondern drei Männer: Tahir ist der “Chef”, er hauptberuflich Trekking-Guide in Ladakh. Tahir bedient das Funkgerät, über welches wir Kontakt miteinander halten und Treffpunkte vereinbaren. Virendra ist der Fahrer, er kommt aus Nepal und ist an seinem Geburtstag nach zwei Gläschen Hirter-Bier beschwipst - er trinkt sonst nie welches (zu teuer).

Der Dritte im Bunde ist Yogesh, ein dünner Jüngling, dessen Aufgabe bei unserer Reise als “conductor” beschrieben wird. Übersetzt: Schaffner. Wir fragen uns anfangs, wozu wir in unserem eigenen Bus einen Schaffner brauchen, schließlich haben wir ihn gemietet und brauchen ja keine Tickets zu lösen. Aber Yogesh erweist sich als durchaus nützlich, wenn es um Erledigungen diverser Kleinigkeiten geht: Er besorgt uns Obst und Mangojuice, er hechtet mit einer Tasche von A nach B, er passt auf unser Boot auf, während Wolfgang zum Fotografieren, Claudia zum Shopping und Rahul zur Quartiersuche ausschwärmen. Wolfgang kalkuliert, wieviel ihn dieser Personalaufwand über ein Monat Reise kosten wird, aber Rahul beruhigt: Yogesh verdient in vier Wochen 2000 Rupien, umgerechnet, 600 Schilling. Plus gratis Kost und Quartier. Für einen indischen Teenager kein schlechtes Salär. Wir staunen nicht schlecht und beschließen, den Schaffner, mit einem anständigen Trinkgeld zu verabschieden. Aber das muss man ihm ja nicht schon vorher sagen…

Dieses Begleitfahrzeug erweist sich als verlässlich und absolut notwendiger Partner. Wir hätten sonst keine Chance, an bleifreien Treibstoff, Mineralwasser und Nahrungsmittel zu kommen. Die Drei bringen uns Drei auch zu den Sehenswürdigkeiten abseits des Flussufers - und davon gibt es nicht wenige. Von Haridwar bis Allahabad haben wir eine mühsame Tour vor uns: Der Fluss verebbt in Sandbänken, immer wieder müssen wir das Boot heraushiefen und ein paar Meter schleppen. Das Boot wiegt weniger als 40 Kilo, aber der Motor, der hängt sich rein.
In Allahabad landen wir bei der heiligen Flussmündung: Der grüne kräftige Yamuna vereint sich mit dem lehmigen Ganges, endlich wird das Wasser wieder wirklich tief. Wir beobachten die vielen Pilger, sie entzünden kleine Kerzen und setzen sie in Tonschalen bei Sonnenuntergang auf den Yamuna. Wenn die kleinen Lichter über den Fluss treiben, vergisst man für Minuten die staubige Ecke rund um das große Fort von Allahabad.
Wir tauchen ab in den unterirdischen alten Tempel des Forts, lassen uns von der Stille, den Goetterskulpturen und Räucherstäbchen verzaubern.

Am nächsten Tag geht es weiter, die Hauptströmung des Flusses ist jetzt leichter zu finden, wir laufen nicht mehr auf, obwohl die Sandbänke oft nur Zentimeter unter dem Wasser liegen. Zu unserer großen Überraschung ist der breite Strom auch hier nicht von Plastiksackerl, treibenden Kadavern, Müll oder anderem Unrat verseucht.

Der Ganges ist auch 1.000 Kilometer nach seiner Quelle rein und appettitlich. Auf einer großen trockenen Bank campieren wir, beobachtet von einer grünen Wasserschlange, die um unser Boot scharwenzelt. Seit Allahabad treffen wir immer wieder Ganges-Delfine, die oft knapp neben unserem Ranger auftauchen. Wir sind abgesehen von einzelnen Fähren das einzige Boot auf diesem Abschnitt des Ganges.

Ruderboote transportieren wie bei uns im Mittelalter Sandberge von einem Ufer zum andern. Motoren gibt es hier noch nicht.  Die Felder werden von den Bauern mit Ochsen gepflügt. Kamele transportieren irgendwelche Güter von einem Kaff zum nächsten.

Wo immer Menschen gerade ihren Tätigkeiten nachgehen und uns erblicken, verharren sie still und beobachten das seltsame Gefährt aus einer anderen Welt. Traumhafte Fotomotive - diese Menschen, die freundlich winken und still halten! Wir bedanken uns, wenn wir den Auslöser drücken, sie bedanken sich, dass wir uns für sie interessieren. Eine gewöhnungsbedürftige Welt, insbesonders für uns Westler, die wissen, dass Fremde in unserer Heimat nicht gerade bewundert werden…

Am berührendsten ist die Stille: Sobald wir landen, umringen Dutzende Menschen unser Boot und betrachten uns neugierig-skeptisch. In Italien, Griechenland, Mexiko, der Karibik – überall wäre sofort ein lautes Geschrei im Gange. Hier, in Indien, herrscht absolute Stille.

Wenn wir unsere Hände zum Gruß falten und “Namaste” sagen, ist sofort der Bann gebrochen. Menschen, die Englisch können, fragen sofort “Where do you come from?”. Wenn wir mit “Austria, Europe” antworten, kommt natürlich meist das erkennende “Oooh, Australia, ahhh”.

Am Nachmittag des 12. Oktober erreichen wir die berühmte Pilgerstadt Varanasi, das frühere Benares. Das Ufer dieser Stadt ist von unzähligen Ghats gesäumt, hier fallen wir nur mit unserem Boot, aber nicht durch die weiße Hautfarbe auf. Touristen in Shorts und ärmellosen T-Shirts tummeln sich zwischen Pilgern und Bettlern, Geistlichen und Badenden.

Ein merkwürdiger Kontrast. Bröckelnde Hausfassaden, versinkende Tempel, dreckiges Ufer und schmutziges Wasser - das ist unser erster und bleibender Eindruck. Wir beobachten vom Wasser aus die Verbrennungszeremonie. Wolfgang fällt das - leider für eine Diashow unerlässliche - Fotografieren schwer. Man hat das Gefühl, die Intimsphäre der vielen in Meditiation versunkenen Menschen zu stören. Trifft sich unser Blick mit ihrem, dann spürt man, dass diese Angst meist nicht zurecht besteht.

Am Haupt-Verbrennungsplatz werden bis zu fünf Tote gleichzeitig auf Scheiterhaufen gelegt und drei Stunden lang verbrannt. Dann wird die Leiche in bunt geschmückte Tücher gehüllt, mit Ganges-Wasser beträufelt und dem Fluss übergeben - schlicht versenkt. Diese Zeremonie soll bewirken, dass der Tote absolut gereinigt und für das nächste Leben, die nächste Reinkarnation, gerüstet ist. Obwohl man sich als Tourist fragt, wieviel Verwesung und Müll der Ganges wohl vertragen kann, tauchen auch hier in Varanasi immer wieder Ganges-Delfine vor unserem Bug auf. Die Selbstreinigungskraft dieses heiligen Stromes ist offenbar wirklich ziemlich groß.

Nach einer Pressekonferenz und Filmaufnahmen verlassen wir drei Tage später die Stadt und machen uns auf den Weg nach Patna, der Hauptstadt der Provinz Bihar. Der Fluss wird immer weiter, man muss aufpassen nicht im Kreis zu fahren, wenn man sich zu weit vom Ufer entfernt. Hier ist der Fluss breit wie ein See, vergleichbar mit dem Neusiedler See: Braunes trübes Wasser, endlose Weite.

Hier erreicht die Belastungsprobe für den Ganges einen neuen Höhepunkt: Industrieabwasser, Haushaltskanäle, Plastiksäcke, Mülle aller Art landen in diesem heiligen Strom. Wir geben Gas und wollen möglichst schnell zur Abzweigung des Flusses Hugli, der uns nach Kalkutta führen soll. Bihar gilt als unsicher, hier ist die Hochburg von Korruption und berüchtigten Banditen.
Uns erstaunt immer wieder die Sparsamkeit unseres Honda-Viertakters: Vier, fünf Tage mit einem Tank sind kein Problem - immerhin zirka 25 bis 30 Stunden Gleitfahrt mit 60 Liter Bleifrei.

Endlich kommen wir nach Murshidabad, hier hat sich der breite Hugli bereits vom Ganges geteilt. Wir besuchen die berühmten Terracotta-Tempel und folgen nun dem Hugli, denn der Ganges würde uns nach Bangladesh führen. Wir aber wollen über Kalkutta, das “Armenhaus der Welt” zum Gangesdelta fahren. Wolfgang war mit 19 Jahren als Tramper zum ersten Mal in Indien. Seit damals träumte er davon, eines Tages mit einem eigenen Boot unter der gewaltigen Howrah-Bridge nach Kalkutta zu kommen. Jetzt ist es soweit – das Boot ist zwar klein, aber sein eigen. Und die Tage in Kalkutta sind nicht lustig, aber atemberaubend.

Diese Stadt kann einem nicht egal sein. Entstellte Kinder vor Luxusshops internationaler Couturiers. Hupende Limousinen, die sich ihren Weg vorbei an Riksha-Fahrern in Lumpen bahnen. Dichter Schiffsverkehr am Fluss zwischen Plastiksackerln, verwelkten Blumen, verwesenden Tieren. Überbevölkerung, Luftverpestung, Wasserverschmutzung. Ein Großangriff auf Nase, Ohren, Augen.
Wir genießen die Abfahrt in die dschungeligen Sunderbans. Der Tourismus-Staatssekretär von Westbengalen begleitet uns mit seiner “Yacht”, einem für indische Verhältnisse luxuriös ausgestatteten schweren Dieselschlucker von der Howrah-Bridge in die dschungelige Landschaft der Sunderbans. Nach der stickigen Luft Kalkuttas können wir endlich wieder tief durchatmen: Reine Luft, der Geruch des Wassers wird mit Zunahme der Entfernung immer erträglicher.

Das Delta des Ganges ist eine Reise wert, wir kommen am 2. Dezember an. Hier streifen Tiger durch das Dickicht, wir gleiten durch Mangrovenwälder und passen auf, dass kein Krokodil zu nahe an unser Schlaucherl kommt. Wir wollen zwar gute Fotos schießen, aber keine Bisswunden davontragen und verzichten hier sicherheitshalber auf Outdoor-Erlebnisse der unerwünschten Art. No Camping, wir schlafen lieber in einem Substandard-Guesthouse in Ganga Sagar.

Am Ende unserer Reihe buchen wir wieder einen Hindu-Priester für eine Puja. Rahul erklärt uns, dass jedes Projekt, das mit einer Puja begonnen hat und gut gegangen ist, auch mit einer rituellen Opfergabe beendet werden muss. Wir investieren in eine geweihte Kokusnuss und übergeben sie den Fluten. Ab jetzt werden wir nichts mehr ohne Puja beginnen…