Bericht von Hermann Löschenkohl

Vor 20 Jahren bin ich mit meinem alten Freund Fred das letzte Mal in Kanada gewesen und 2005 sollte es wieder soweit sein. Mit einem Schlauchboot haben wir uns damals 1000km den Yukon River hinunter treiben lassen. Daran anschließend interessierte er sich mehr für Pferde, ich aber blieb beim Bootfahren hängen und habe im Laufe der Jahre einige Flüsse in Kanadas Yukon Territorium befahren.

In der Zwischenzeit waren auch zwei Damen und etliche Söhne in unser Leben getreten, und so lag es nahe, zumindest zwei Begleiter aus dieser Gruppe zu rekrutieren und an unserer "Jubiläumsreise" teilhaben zu lassen. Freds dreizehnjähriger Sohn Florian und mein Zweitältester, Georg, fünfzehn Jahre alt, zeigten das größte Interesse und nachdem ihre Mütter für unsere Pläne nur ein mitleidiges Kopfschütteln übrig hatten, wurden die beiden Youngsters in das Team aufgenommen.

Aus der Grabner Produktpalette wählte ich diesmal nicht das Adventure, normalerweise mein absoluter Favorit für Flussbefahrungen im nördlichen Kanada, sondern das Ranger. Der Fluss hat überall genug Strömung - nur ich habe Kanuerfahrung.

 

So kommt es, dass wir Mitte Juli unter der Brücke von Faro am Ufer des Pelly River sitzen, unser Boot ist ruck, zuck aufgepumpt und überlegen, wie wir unsere Ausrüstung und Proviant für 2 Wochen am besten im Boot verstauen werden. Über die beiden Seitenschläuche wird am Heck ein Gepäckträger gebaut, ein paar Weidenstangen und drei Meter Reepschnur ergeben Platz genug für alles. Das Ranger ist groß genug um uns vier und unseren ganzen Krempel 300 Kilometer durch die Wildnis nach Pelly Crossing zu tragen.

Drei Tage später haben wir bereits ein Drittel der Strecke bei schönem Wetter ohne Probleme zurückgelegt. Die Little Fishhook und Big Fishhook Stromschnellen, beide WWII, haben wir problemlos gemeistert, heranfahren mit langem Hals, also Besichtigung vom Boot aus, genügte für die einfachen Durchfahrten.

Die beiden Burschen fangen am Abend 6 Arctic Grayling, eine Äschenart, sind dementsprechend happy und es stört sie nicht weiter, dass es wie aus Kübeln zu schütten beginnt. Nächster Tag - Schlechtwetterruhetag. Wieder gibt es Fische, in der Nacht hört es auf zu regnen, am nächsten Morgen fahren wir weiter.

Am Ende der geplanten Fahrtstrecke dieses Tages sehe ich einen braunen Fleck im Weidengebüsch am Ufer, der sich auch noch bewegt. Kaum habe ich meine Bootsbesatzung darauf hingewiesen, dass ein Elchhintern im Gesträuch steht, dreht sich der vermeintliche Geweihträger um und wir treiben fünfzehn Meter an einem ausgewachsenen Schwarzbären vorbei, der uns auch bemerkt und nach einem missmutigen "Whuff" das Weite sucht. Die erste Bärenbegegnung in freier Wildbahn für die aufgeregten Buben, meine "was weiß ich wievielte".

Zehn Minuten später erreichen wir einen tollen Platz für unser Nachtlager, eine lebhafte Diskussion über die Eignung desselben wegen der Nähe zum gesehenen Bären setzt ein, es gelingt mir dann doch, die Bedenken zu zerstreuen. Ich schlafe wie immer gut in dieser Nacht, die eigentlich keine ist, es wird noch nicht richtig finster so hoch im Norden.

Am nächsten Tag, kurz nach dem Start, der zweite Höhepunkt der Reise: wir entdecken Bewegung auf einer riesigen Schotterbank, an der wir vorbei treiben - Wölfe! Eine Begegnung der seltenen Art, erst einmal habe ich einen Wolf gesehen. Ein ausgewachsener Timberwolf und seine Wölfin traben mit fünf Jungtieren am Ufer entlang. Gebannt halten wir den Atem an, sie laufen direkt auf uns zu, wir sind keine zwanzig Meter vom Ufer entfernt. Sie haben uns bemerkt, setzen aber ihren Weg am Ufer fort. Das Schauspiel dauert sicher eine halbe Minute, aber erst nachdem die Tiere im Gebüsch verschwinden, komme ich auf den Gedanken, dass ich sie auch hätte fotografieren können. So bleibt eines meiner packendsten Erlebnisse im kanadischen Busch undokumentiert, aber für den Rest meines Lebens unauslöschlich in meinen Erinnerungen.

Im letzten Drittel unserer Fahrt wird das Wetter schlecht, immer wieder Gewitter und Regen, da kommt uns eine ziemlich neue Blockhütte wie gerufen. Die Hütte ist unversperrt und wir ziehen wegen eines heftigen Gewitters unverzüglich ein. Wir befinden uns kurz vor der Mündung des MacMillan Rivers, der schöne Platz wird normalerweise ab Anfang August von Indianern als Basis zum Fischen und Jagen benützt.

Wir verbringen einen angenehmen Abend auf der Veranda, im Inneren der Hütte haben wir wegen der Moskitos das Innenzelt aufgestellt, der Regen trommelt auf das Dach, wir schlafen angenehm trocken.